Wie ich die Geheimnisse der Akropolis kennenlernte und auf eine unbekannte Bekannte stieß, wie mich der große Monolith über unberührte Strände magisch auf seine Spitze zog und die Nonnen mich danach wieder aufpeppelten. Und warum der Geist von Charlie Watts und der Klang der Tsouras ganz nah beieinander liegen. Herbstlich-milde Tagträume auf Anafi.

 

Besucht: 17. -21. November 2018

  • Südost-Kykladen
  • Einwohner: ca. 300
  • Größe: 39 km²

Der Wanderer zwischen den Zeilen

Wie könnte eine Reise nach Anafi anders beginnen als mit einem Besuch im Athener Stadtteil Anafiotika? Wobei, „Stadtteil“ ist sicher übertrieben, wenn man über die paar Handvoll Häuser spricht, die übrig geblieben sind von dem, was man hier vor etwa 180 Jahren aus dem Boden gestampft hat. Als im Jahr 1834 Athen neue Hauptstadt des griechischen Königreichs wurde und schon bald eine rege Bautätigkeit einsetzte, verschlug es eine Menge Arbeiter und Handwerker von den ägäischen Inseln in die entstehende Großstadt. Rund um die historische Plaka sollten neue Viertel entstehen und für diese Arbeiten wurden viele helfende Hände auch von außerhalb gebraucht.

Nicht vorgesehen war dabei eine Besiedlung des steilen nordöstlichen Hangs am Akropolis-Hügel. Wohl schon deshalb, weil er als nicht bebaubar gegolten haben dürfte. Man hatte allerdings die Rechnung ohne jene findigen Spezialisten aus der Ägäis-Region gemacht, die von jeher auf felsigem, natürlich begrenztem Raum zuhause waren, und schon bald hatten sich die vor allem von Anafi stammenden Bauarbeiter mitten in Athen ihr eigenes Kykladendorf gebaut: Anafiotika. Keine fehlende Genehmigung und keine statische Unwägbarkeit konnte die zugewanderten Familien davon abhalten, hier am neuen Stadtzentrum kleine, kubistische Häuser als chaotisches und terrassenartig wucherndes Konglomerat zusammenzuzimmern, samt Gassen und Pfaden, die manchmal so schmal sind, dass man sie bis heute nur seitwärts passieren kann.

Teile dieses Viertels sind noch gut erhalten. Und wenn man die weißgetünchten Fassaden, die farbigen Holzfensterläden, Blumentöpfe, schiefen Treppen und, ja, sogar die obligatorischen, vor den Türen lungernden Katzen sieht, dann schwingen noch immer ganz unverkennbar der Charme und die Idylle eines kleinen Inseldorfes mit.

Das Viertel Anafiotika klemmt sich formvollendet als kykladisches Idyll an den Akropolis-Hügel in Athen.

Diese Wand hat viel zu erzählen. Anafiotika, Athen

Das sieht auch Bernhard so. Bernhard war zwar noch nie auf einer griechischen Insel und schon gar nicht auf einer der Kykladen, bemerkt aber durchaus, dass hier etwas auffällig anders aussieht, verglichen mit dem ansonsten eher monotonen und farblosen Apartment-Look der Athener Wohnsiedlungen. „It’s really narrow here, isn’t it?“ spricht er mich an diesem milden Nachmittag etwas zögerlich an, als wir uns an einer Hausecke in die Arme stolpern. Am Akzent erkenne ich, dass er aus Deutschland kommen muss. „Ah, direkt gemerkt, hehe“ schließt er etwas beschämt an meine Bemerkung an und wir kommen ins Gespräch.

Ich weiß nicht, ob Bernhard wirklich Bernhard heißt. Aber da er mir mit seinen vielleicht 56 Jahren, seiner hageren Statur, der Peter-Lustig-Gedächtnis-Brille, hinter der sich kleine, flinke Augen bewegen, mit seiner über den Ohren sitzenden Wollmütze auf kurzrasiertem grauen Haar, das sich als 10-Tage-Bart fortsetzt, welcher wiederum einen verschmitzt schmunzelnden Mund mit auffälligen Lücken zwischen von Nikotin vergilbten Zähnen umschließt… da er also weder ein Manfred noch ein Erich zu sein scheint, möchte ich ihn einmal so taufen: Bernhard. Zu seiner Lebenskünstler-Ausstrahlung passt, dass er mir erzählt, er sei bereits ein Vierteljahr in Europa unterwegs, nun erst einmal in Griechenland, und dass er überdies noch keine genaue Idee davon hätte, was er weiter zu tun gedenke.

Ein Meer aus Häusern erstreckt sich unterm Hügeldorf. Anafiotika, Athen

Ich erkläre ihm, dass ich ins Viertel gekommen sei, um mir Anafiotika noch einmal anzusehen, bevor ich auf genau jene Insel fahre, von der die Erbauer dieser charmanten Häuschen kommen. Er dreht sich zur Seite und zeigt auf ein laminiertes Plakat, welches jemand an einer Hauswand befestigt hat. „Was ist denn da? Das hier?“ Ich schaue auf das verblichene Papier, auf dem in Blautönen ein zertrampelter Sandstrand mit zwei Liegen und eine Frau im Bikini, die aufs weite Meer starrt, zu sehen sind. Darüber in großen Lettern tatsächlich das Wort: Anafi. „Hm, nein“, setze ich an und wehre gleich den Gedanken an Anafi als ein irgendwie geartetes Strandurlaubs-Paradies ab. „Ich glaube, Anafi… das ist halt so eine eher abgelegene Insel. Schwer erreichbar. Dort ist sicher die Zeit stehen geblieben und alles sieht noch so aus, wie vor 50 oder 100 Jahren. Es wohnen auch nur 270 Leute dort.“

„Ich bin ja nicht so der Inselmensch“ erwidert er unvermittelt. Aber noch bevor ich zum Versuch ausholen kann, ihm von der Einmaligkeit der hellenischen Inselwelt zu künden, konkretisiert er: „Also… Santorini. Da will ich vielleicht mal hin.“ Ausgerechnet. Ich zögere mit meiner Warnung vor Kreuzfahrt-Reisegruppen, Hektik und Nobel-Gastronomie. Als ich selbst das erste Mal dort war, hat mich Santorini schließlich auch beeindruckt. Da konnte ich noch gut darüber hinwegsehen, dass das Inselleben längst unter Heerscharen von Touristen begraben liegt. Und ganz abgesehen davon, fahre ich ja tatsächlich selbst morgen hin, um von Santorini aus, mit Umweg über die Schwesterinsel Thirassia, nach Anafi zu kommen. Eine bessere Verbindung findet sich zu dieser Jahreszeit nicht wirklich.

„Santo-Rini“, sagt Bernhard langsam und sieht mich jetzt bedeutungsvoll an. Seine Augen flitzen hinter der Brille nervös hin und her. „Rini bedeutet nämlich Frieden. Auf Griechisch“. Sein Blick hat etwas Triumphierendes. Ich versuche in meinem Kopf die Informationen zu ordnen. Okay. Bernhard ist augenscheinlich unterwegs und auf der Suche nach ein wenig Ruhe, vielleicht einem Ausweg aus dem Trubel der globalen Gegenwart. „Santo-Rini“ allerdings… nunja. Ich meine mich recht sicher daran zu erinnern, dass der Name ‚Santorini‘ eher von so etwas wie „Santa“ und „Irene“ abstammt und dadurch venezianischen Ursprungs ist. Wenn nun rein zufällig ‚Rini‘ tatsächlich ‚Frieden‘ auf griechisch hieße, dann scheint mir das ethymologich mit ‚Santorini‘ so viel zu tun zu haben wie der vielzitierte hebräische ‚El Shalom‘ mit der deutschen ‚El-Friede‘.

Ich verscheuche meinen inneren Monolog und Bernhard setzt nach: „Und überleg mal…“. Er macht eine dramatische Pause. „Wenn man die Buchstaben von ATHENS nimmt – also englisch für Athen, weißt du – und die dann umstellt… dann kommt dabei, ja, SHANTE raus. Das ist Sanskrit und heißt… na? Frieden!“

Bernhard ist offenbar in seinem Element. Er strahlt mich an. Ich gebe mich erstaunt. Mir schwant dennoch, dass ich mich langsam verabschieden sollte. Denn so durchaus interessant ich seine Einsichten auf zwischenmenschlicher Ebene finde, so sehr fürchte ich nicht nur, dass er in spätestens zwei Minuten mit irgendeiner kruden Verschwörungstheorie um die Ecke kommt, sondern auch, dass er vorschlagen könnte, sich spontan meiner Reise anzuschließen. Sagte er nicht eben, er hätte noch nichts vor..? Bevor ich langsam auf Verabschiedungsfloskeln umschwenke, lerne ich aber noch, dass die Akropolis „womöglich die Arche Noah“ sei (denn, man müsse ja wiederum nur ein wenig an den Buchstaben drehen, schnell würde daraus die „Ark“ der „Polis“, also die Arche der Gemeinde!). Und wer sich den Hügel, auf dem die antiken Ruinen stehen, einmal aus der Ferne angesehen hätte, der fände sogleich einen weiteren Beweis für diese Theorie: Denn der Fels gleiche bei genauerer Betrachtung einem Schiff und vorn sei sogar ein Bug samt lächelnder Galionsfigur erkennbar. Alles eine Frage der Betrachtungsweise.

Überdies bekomme ich den Fotobeweis dafür geliefert, dass, wenn man noch einmal ganz genau hinsieht, vor jener Arche sogar ein gigantischer, liegender Buddha im Gestein steckt. Und achja, das nur mal am Rande, in der christlichen Messe würde Brot gegessen, weil Jesus ja aus Bethlehem stamme, in der Übersetzung schlicht ‚Bait‘, das Haus, ‚Le Hem‘, das Brot. „Das Haus des Brotes“ also. Und daraus ließe sich auch das geflügelte Wort ableiten, dass, wenn man denn keinen Liebhaber fände, man sich ‚einen Backen können‘ müsste. Letztlich sei ja auch Jesus gewissermaßen „aus Brot“. Wenn man es wörtlich nähme mit Jesus „aus Bethlehem“. Und Jesus sei ja zugleich auch „die Liebe“. Liebe, backen, Brot… War denn aber Jesus nicht vielmehr aus Nazareth, denke ich vollends verwirrt bei mir und verabschiede mich nun flugs von Bernhard, um erst einmal alles Neugelernte zu verarbeiten. Oder, besser noch, schnell wieder zu vergessen.

Minuten später bin ich dann auch schon wieder ganz und gar eingenommen von der Szenerie der windschiefen Häuser in Anafiotika. Und bald darauf mach ich mich zu Fuß auf den Weg ins 11 km entfernte Piräus. Denn meine Fähre, die kommt ja erst morgen. Ich habe alle Zeit der Welt. Was für ein Luxus!


Anafiotika liegt nordöstlich an der Akropolis. Vom beliebten Stadtteil Plaka aus, kommt man direkt hügelanwärts dorthin.

Durch den Moloch ans Meer

Über den wirklich malerischen, unbebauten Philopappou-Hügel, auch als Musenhügel bekannt, der wie ein unwirklicher, fast vergessener Ort direkt neben dem Areal rund um die Akropolis liegt, steige ich ins Gewimmel aus Verkehrslärm und Beton hinab, um mich, stets auf die Sonne zu in Richtung Piraeus Tower zu bewegen. Als hässliche und schon aus der Ferne unübersehbare Bausünde taugt er heute immerhin ausgezeichnet zur Navigation. Gute drei Stunden bin ich unterwegs, verlaufe mich unabsichtlich oder nicht mal hierhin, mal dorthin und sehe ansonsten wenig Reizvolles. Mal wieder macht sich bemerkbar, dass sich der ganze Großraum Athen in den letzten 100 Jahren wie ein geballtes archiktonisches Unwetter entladen und die einst vermutlich wunderschöne Landschaft in eine chaotische und erstickende Betonwüste verwandelt hat. Grün findet man hier abseits der wenigen Parks maximal als zwischen den Häuserschluchten wucherndes Gestrüpp. Erst in den Vororten gibt es immerhin ein paar Bäume, die dafür allerdings so auf die Gehewege gepflanzt wurden, dass man als Fußgänger ständig auf die Straße ausweichen muss.

Bonjour Tristesse! Unterwegs von Athen nach Piräus

Ein paar Bäumchen hat’s in den ruhigeren Vierteln dann doch. Zwischen Athen und Piräus

Noch vor der eigentlichen Stadtgrenze von Piräus (Athen und Piräus sind längst zu einem großen Ganzen verschmolzen) finde ich in einem Wohnviertel einen Fährticketladen und besorge mir die Fahrkarten für meine Reise nach Anafi. Ich plane morgen früh um 7:25 die Blue Star Delos nach Santorini zu nehmen, dort vom zentralen Ort Fira an die nördliche Inselspitze nach Oía zu wandern und am nächsten Morgen vom kleinen, unterhalb Oías gelegenen Hafen Ammoudi das tägliche Boot zur Nachbarinsel Thirasia zu nehmen. Von dort geht dann 9 Stunden später, kurz vor der Dämmerung, die Aqua Jewel nach Anafi. Diese wiederum macht zwar auch noch einmal Zwischenstopp auf Santorini, so dass ich genauso gut dort warten könnte, aber ich möchte die Gelegenheit unbedingt nutzen, mir einen Tag lang das kleine Eiland gegenüber der von Reisegruppen übervölkerten Caldera-Hälfte näher anzuschauen (und wie das so war, könnt ihr hier in meinem Thirasia-Bericht lesen).

Die Verkäuferin im „TravelAid“-Ticketshop macht dem Firmennamen alle Ehre und ruft für mich extra den Hafenmeister von Ammoudi an. Denn verlässliche Informationen zu Abfahrtszeiten des lokalen Fährboots sind im Netz nicht wirklich zu finden. Sie schaut etwas ungläubig, als ich ihr während des Smalltalks zum Abschied sage, dass ich zu Fuß von Athen zum Hafen laufe, wünscht mir dann aber umso herzlicher eine gute Reise. Vermutlich werde ich diesen Laden nie wiedersehen. Sollte sich aber mal jemand in der Nähe befinden, so kann ich ihn aufs Nachdrücklichste empfehlen.

Gehweg vor der Stadtgrenze zu Piräus. Also known as „Dann geh halt auf der Straße!“

Rebetiko und Casting-Shows

Erst als die Dämmerung in Dunkelheit umschlägt, komme ich in Piräus an. Im Gewusel der zugeparkten Straßen, die rechtwinklig die hohen Wohnblöcke umschließen, dauert es eine Weile, bis ich die Hafengegend finde. Mittlerweile ist auch der Akku meines Handys leer. Ich treffe an einem Periptero, einem der kleinen Verkaufsstände am Straßenrand, einen hilfsbereiten jungen Mann, der mir auf seinem Mobiltelefon den Weg zum Hotel Faros I ausfindig macht und kurz darauf schmeiße ich mich mit geschwollenen Füßen aber äußerst zufrieden auf mein Bett im siebten Stock. Ich war schon öfters in diesem Hotel und kann es mit seinem unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis nur empfehlen. Abgesehen davon, dass es in diesem schlichten Haus verlässlich heißes Wasser gibt, ist es wirklich immer sehr sauber, und – in Piräus eigentlich das Wichtigste – auch relativ ruhig.

Es fällt mir nach diesem langen Tag (um 4 bin ich in Berlin aufgestanden, um meinen Flug nach Athen zu nehmen) schwer, mich nochmals aufzuraffen, um etwas essen zu gehen. Aber die Aussicht auf den Klang einer Bouzouki im To Steki Tou Artemi, jener Taverne am Fischmarkt, in die ich mich schon bei meiner allerersten Reise verliebt hatte, lockt mich eine halbe Stunde später wieder vor die Tür. Als ich ankomme, muss ich feststellen, dass sie geschlossen hat. Ein wenig enttäuscht überlege ich erst, nach einem anderen Ort mit Livemusik zu recherchieren, entscheide mich dann aber doch, einfach ins benachbarte To Rebetadiko zu gehen.

Am Hafen brennt noch Licht… Piräus

Der Name der Taverne kommt nicht von Ungefähr. Nebst eigener Bühne, sind die Wände voll mit alten Rebetiko-Fotos. Piräus, Hafen

Obwohl ich im Allgemeinen äußerst anspruchslos bin, was Ordnung, Sauberkeit und Interieur angeht, ist das fast menschenleere To Rebetadiko schon eine einigermaßen grenzwertige Erfahrung. Sämtliche Tische scheinen mit verlaufenen Flüssigkeiten beklebt, vor dem Fernseher, aus dem lautstark The Voice of Greece plärrt, sitzen qualmend drei ältere Gestalten samt eines knurrenden weißen Hündchens, das wie eine zu klein geratene Mischung aus Pudel und Spitz aussieht. Das Licht ist schummrig und neben meinem Stuhl liegt eine Alu-Schale, die aussieht, als hätte sich jemand vor Zeiten eine Lasagne liefern lassen und sie aus unerfindlichen Gründen dort auf dem Boden vergessen. Vielleicht der Fressnapf des Spitzpudels? Nett hingegen ist die Dame, die mich in ihrem merkwürdigen Camouflage-Fleece-Outfit bedient. Und die Fotos an den Wänden mit alten Rebetiko-Stars, von denen einige hier auch aufgetreten zu sein scheinen, geben dem trostlosen Durcheinander ein wenig Würde zurück. Für zarte Gemüter ist dieser Laden aber wirklich nicht zu empfehlen. Ich verspeise als einziger Gast (die qualmenden Alten am Fernseher scheinen zum Haus zu gehören) meinen Choriatiki, den Auberginen-Salat und leere mein Mythos, dann gehe ich zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen geht’s mir gut. Ich erwache ohne ersichtliche Lebensmittelvergiftung. Nach einem Abstecher zu Gregorys, Griechenlands allgegenwärtiger Café-Kette, schlendere ich am Hafenbecken zur Blue Star Delos und wie immer erstaunlich pünktlich legen wir um 7:25 ab, um über Paros und Naxos nach Santorini zu fahren. Santo-Rini. Ob Bernhard wohl kurzfristig mit an Bord gegangen ist…?

Goodbye Moloch! Morgens halb acht in Piräus.

Das Leuchten von Anafi

Es dauert dann noch anderthalb Tage, bis ich tatsächlich auf Anafi bin. Gute acht Stunden nach der morgendlichen Abfahrt komme ich auf Santorini an, meiner Zwischenstation, von der ich, nach einer hastigen frühabendlichen Caldera-Wanderung, am nächsten Morgen wie geplant um Punkt 8 mit dem kleinen Boot nach Thirasia übersetze. Auf dieser gottverlassenen Insel verbringe ich den regnerischen Tag, lerne misstrauische Hunde, einen brotbackenden Riesen und die beiden einzigen Autofahrer des Tages kennen, bevor die Sonne am Nachmittag durch die Wolken bricht und mich die „Aqua Jewel“ in einem halsbrecherischen Manöver am Hafen einsammelt. Ihre Endstation ist Anafi. Als wir dort im Dunkeln ankommen, ist auf der großen Fähre fast niemand mehr an Bord.

Die Aqua Jewel verlässt die Santorini-Caldera. Im Sonnenuntergang liegen die vor Jahrhunderten bewohnten Christiana-Inseln, auf denen heute nur noch eine kleine Kapelle steht

Licht im Dunkeln! Anafi leuchtet uns den Weg

Gegen 17:15 Uhr blinken im bereits nachtscharzen Himmel des spätherbstlichen Ägäis-Abends ein paar karge Lichter am Horizont auf. Es ist die Chora von Anafi, Hauptort und Inseldorf, welches so kurz vorm Winter keine 200 Menschen mehr ihr Zuhause nennen. Viele Bewohner verbringen die dunkle Jahreszeit bei Verwandten in Athen oder an anderen Orten, an denen das Leben von der großen Stille ablenkt. Ich lehne mich über die Reling und blicke mit klopfendem Herzen meinem Ziel entgegen: Ein paar weiße Punkte im lautlosen Nirgendwo. Selbst, als wir näher kommen, funkeln nur ein paar einsame Lichter in der Schwärze.

Wir legen an. Endstation. Die letzten vier Passagiere und ich verlassen über die Ladeklappe das Schiff und treten an die frische Abendluft. Am Hafen warten ein paar verlorene Gestalten und der Bus, der alle zwei, drei Tage hinauf in die Chora fährt, immer dann, wenn die Fähre kommt.

Fünf Passagiere, ein Motorrad und eine Handvoll Pakete: Die letzte Fracht kurz vor Anafi

Freundliche Grüße werden beim Ausstieg gewechselt. Man kennt sich. Da mag jemand gerade aus Athen zurückgekehrt sein, von einem Arzttermin vielleicht. Der andere von einem Besuch oder wichtigen Besorgungen. Ich bin offenbar der einizige, der nicht auf diese Insel gehört. Und gerade das verbindet mich sofort mit Anafi. Endlich da, im großen Unbekannten! Ich steige in den Bus und wir fahren durch den kleinen Hafenort, der mit seinen vielleicht 15 Häuschen, der Taverne und Kapelle, eigentlich nur ein Straßenzug ist, dann im Zickzack hinauf in den Hauptort, die Chora. Nach einigen Minuten sind wir oben. Am Ortseingang steht ein exotisches Kirchlein, dessen Kuppel wirkt wie einer dieser russisch-orthodoxen Zuckerhüte. Als ich einige Meter weiter vom Busfahrer herausgelassen werde, verströmt Anafi aber sofort dieses unverwechselbare, altbekannte Kykladengefühl: Fremd und vertraut, zeitlos, harmonisch, duftend, unsagbar friedlich, bescheiden und still. Ich bin allein. Und glücklich.

Ich schlendere los, hinein in den Ort, und versuche mich vom Handy in Richtung meines Apartments navigieren zu lassen. Straßen und Hausnummern gibt es hier keine. Nur verzweigte Fußwege, Treppen und kleine, weiße Häuser. Menschen sehe ich nicht. So bin ich 10, 15 Minuten unterwegs, laufe hin und her und lande immer wieder in neuen Gassen, ohne meiner Unterkunft wirklich näher zu kommen. Ich scheine mich kreisförmig drumherum zu bewegen, finde aber keinen Zugang, der in die passende Richtung führt. Die Maps-App berechnet die Route immer wieder um, weiß aber offenbar auch keinen Rat. Hmm, was ist zu tun? Anrufen hilft leider nicht. Mein Gastgeber Matheus, der in seinem Haus zwei oder drei Ein-Zimmer-Apartments als „Ostria Rooms“ vermietet, spricht kein Englisch. Und ob er jetzt so schnell seine Mails lesen, übersetzen und beantworten wird?

Das merkwürdige russische Kirchlein am Ortseingang bei Lichte betrachtet… Chora, Anafi

Ich entdecke den örtlichen „Super Market“. Das Klackern und Tackern eines Handgeräts, mit dem man Preisetiketten auf Waren klebt, dringt heraus. Supermarkt ist – natürlich – übertrieben. Es handelt sich eher um das, was man hierzulande einen Tante-Emma-Laden nennen würde. Nicht ganz so urig wie auf Folegandros oder Koufonisi, aber genauso überschaubar. Gerade, als ich hineingehen möchte, um nach dem Weg zu fragen, kommen zwei ältere Herren heraus. Ich versuche mein Glück. Auch sie sprechen nicht wirklich Englisch. Doch als ich „Ostria“ und „Matheus“ erwähne, gibt mir der eine ein Zeichen, dass er versteht und zückt sein Handy. Er telefoniert. „Matheus coming“ sagt er und lächelt mich freundlich an. Ja, hier kennt wirklich jeder jeden. Wie könnte es bei 200 Menschen auch anders sein.

Matheus eilt keine zwei Minuten später einen steilen Pfad gleich unterhalb des Ladens herauf. Er winkt mir zu und redet bereits auf mich ein, noch bevor er überhaupt oben ist. Er hat eine freundliche Ausstrahlung und abgesehen davon, dass man bei einem kleinen Apartment für 25 Euro die Nacht ohnehin nichts falsch machen kann, weiß ich sofort, dass ich bei den einzigen beiden Buchungsoptionen, die ich für diese Jahreszeit auf Anafi finden konnte, die richtige gewählt habe. Alles an Anafi ist bereits jetzt perfekt.

Wir laufen 300 Meter treppab, links, rechts, links und ich versuche mir unterwegs den Weg einzuprägen. Da sind wir: Ein nettes, einfaches Haus. Statt mit dem Schlüssel aufzusperren, klopft Matheus an die Tür. Nanu? Die Tür öffnet sich und eine Frau steckt den Kopf heraus. Matheus macht eine vorstellende Geste und redet griechisch mit der Frau. „This is Karsta.“ wendet er sich mir zu. „And Stefan.“ So viel Englisch ist drin – und besagter Stefan erscheint nun auch an der Tür.

Ich staune nicht schlecht. Und zwar nicht darüber, dass ich bei den paar Leuten in diesem Dorf im Nirgendwo offenbar auf zwei Auswanderer gestoßen bin, sondern ausgerechnet als allererstes auf Karsta. Denn von genau dieser berichtete mir wenige Wochen vorher der Schriftsteller Andreas Deffner. Wir hatten uns über Instagram und unsere dort zur Schau getragene Liebe zu Griechenland kennengelernt und ein paar Gedanken und Reiseerfahrungen ausgetauscht. Karsta habe ein tolles Buch über Anafi gemacht, schrieb er mir – ich solle sie auf der Insel unbedingt (be)suchen, um es mir zeigen zu lassen. Das ging nun wirklich schneller als vermutet!

Wir unterhalten uns kurz. Karsta und Stefan leben längerfristig auf Anafi. Sie wirken offen und freundlich und sind für die nächsten vier Tage meine Nachbarn. Ich freue mich über Matheus‘ nette Geste direkt vorgestellt zu werden und gehe nun mit ihm über eine Außentreppe ins darüberliegende Zimmer. Hier wohne ich also. Er zeigt mir mit Händen und Füßen kurz dies und das, wie das warme Wasser einzuschalten ist oder wo ich ihn tagsüber finde. Er erklärt mir den „Room Service“ und will offenbar täglich meine Handtücher und Bettlaken wechseln. Ich schlage aus. So viel Mühe. Und das für den Preis… und überhaupt. Ich bin ja nur drei Nächte da! Er lacht und wünscht mir schon mal eine gute Nacht.

Dann bin ich allein. Ich leere meinen Rucksack auf dem Sofa aus und schmeiße mich direkt aufs Bett. Es war ein ereignisreicher Tag. Im regnerischen Grau des Morgens war ich noch auf Santorini, habe dann den Tag über Thirasia erkundet – und nun bin ich hier. Auf Anafi, einer dieser „rufenden“ Inseln, wie Ikaria und Amorgos, die schon am Klang ihrer Namen erkennen lassen, dass sie verwunschene und zeitlose Orte sind, die besucht werden wollen.

Der Hunger meldet sich. Es ist 20 Uhr. Vielleicht auch etwas später. Eigentlich gehört es zu den schönsten Erfahrungen, sich nach der Ankunft an einem fremden Ort aufzumachen, jenen Platz zu finden, an dem die Dorfbewohner zusammenkommen, um noch ein Glas zu trinken, eine Partie Tavli oder Karten zu spielen und über den Tag zu reden. Eine kleine Speise findet sich dort meistens auch. Aber diesmal bin ich so erschöpft vom Tag, dass ich es vorziehe, mir selbst eine Kleinigkeit zu kochen und dann direkt und ohne Umschweife schlafen zu gehen. Mein Apartment ist mit einer Küchenzeile ausgestattet. Fehlen nur noch die Zutaten.

Den Weg hinauf zum kleinen Laden, vor dem man mir vorhin so behilflich war, habe ich mir gemerkt. Ich trete auf meine Veranda und dann hinaus ins Dunkel auf den Weg. Durch die Tür unten ist ein alter Rebetiko zu hören. Haben Karsta und Stefan eine Platte aufgelegt… oder spielen sie selbst? Es scheint fast so, aber ich kann es am gedämpften Klang durch die geschlossene Tür nicht genau erkennen.

Als ich oben ankomme, hat der Laden noch geöffnet. Glück gehabt. Fix schaue ich mich um. Ein wenig Obst, Gemüse, Nüsse und Schokolade sind zu finden… Nudeln… ein paar Konserven. Ich entscheide mich für Spaghetti, kaufe dazu Dosentomaten, eine Aubergine, Paprika, Knoblauch, Zwiebeln. Was noch? Achja, Salz. Und natürlich kühles Bier. Und Öl zum Anbraten des Gemüses. Die alte Dame hinterm Verkaufstresen nimmt etwas grummelig meine Waren entgegen und kassiert. Der Laden wird hinter mir abgeschlossen.

Fette Beute. Zurück vom abendlichen Einkauf in der Chora. Ostria Rooms, Anafi

Zurück in meinem Zimmer, höre ich ein penetrantes Rauschen, das aus dem Zimmer neben mir zu kommen scheint. Wie eine Toilettenspülung, die ununterbrochen läuft. Oder eine sehr laute Klimaanlage. Ein Heizgerät vielleicht? Immerhin ist Mitte November. Das Geräusch war mir eben schon aufgefallen, bevor ich losging, um mein Abendessen einzukaufen. Hoffentlich geht das nicht die ganze Nacht so. Ich denke mir nichts weiter, setze meine Kopfhörer auf und fange an, das Gemüse zu schneiden. Hmmm, das wird lecker. Und Markos Vamvakaris ächzt mir ein altes Lied ins Ohr. Ich drehe den Herd auf und gieße Öl in die Pfanne… Ein dunkelbrauner Spritzer platscht hinein. Ich starre verwundert auf die Flüssigkeit und nehme die Flasche wieder zur Hand. Balsamico… oh noo! Ich sehe bereits vor meinem inneren Auge, wie das köstliche Pastagericht unvollendet auf dem Schneidebrett liegen bleibt. Ohne Öl kann ich mit Zwiebeln, Knoblauch und Aubergine nicht viel anfangen. Und Spaghetti mit rohen Paprika klingt trotz meines großen Hungers nicht eben verlockend.

Der Zufall kommt mir zuhilfe. Ich höre vor meiner Tür auf der Veranda einen mittleren Aufruhr und trete hinaus. Karsta, Stefan und Matheus stehen draußen und reden miteinander. „Hey“, grüße ich. „Alles gut?“ „Ja, der Nachbar hat nur das Wasser endlos laufen lassen. Der ist mal wieder vorm Duschen eingeschlafen.“ Im dritten und letzten Zimmer der Zimmer, die Matheus und seine Frau vermieten, scheint also noch jemand zu wohnen. Es sind zwei Arbeiter vom Festland, wie ich später erfahre, die am Hafen von Anafi zu tun haben. „Wir dachten schon, das käme von dir. Weißt du, gerade angekommen und dann erst mal eine Stunde duschen“, lacht Stefan. „Wasser ist hier super-rar.“ Wir plaudern ein paar Minütchen. Karsta und Stefan erweisen sich weiter als freundliche und interessierte Nachbarn. Wir verabreden uns auf einen morgendlichen Kaffee und tauschen unsere Nummern aus, um uns Nachrichten schreiben zu können.

Zurück am Herd fällt mir mein rohes Gemüse wieder ein. Das mit den Handynummern war eine gute Idee. Nach 5 Minuten bin ich mit einem Fläschchen Öl versorgt, das Karsta mir heraufbringt. Ich tausche es ein gegen meine nutzlose Flasche Balsamico und mache mir nun endlich meine Pasta fertig. Hmm, das schmeckt! Mein Geschirr landet im Spülbecken und ich im Bett. Was für ein schönes Willkommen. Anafi, ich mag dich.

Nur ein fauler Nachmittag

Am nächsten Morgen: Parchia und Makra liegen blass im Meer am Horizont. Links hinten die Spitze des Kalamos-Monolithen, unten der Hafen. Chora, Anafi

Den nächsten Tag nutze ich vor allem, um mich von den Reisestrapazen zu erholen. Es hat ja auch lang genug gedauert, bis ich hier war. Natürlich habe ich gestern im Dunkeln nicht wirklich viel sehen können vom Dorf. Das will ich heute ganz in Ruhe nachholen. Zuerst einmal aber schlafe ich bis mittags aus, wasche meine Wäsche und setze mich anschließend ins diesige Licht der Herbstsonne. Aus dem Zimmer unter mir tönen wieder Klänge von Tsouras und Gesang. Sonst ist kaum etwas zu hören. Wie schön! Auch der Ausblick von hier oben ist fantastisch. Am blinkenden Meer liegt unten der Hafen und am Horizont erscheint die Aussicht endlos. Nur kleine Eilande wie Parchia und Ftena sind zu sehen. Die Inselstraße windet sich zwischen dem trockenen Braungrün der Hügel in Schleifen und Halbkreisen hinauf.

Es wird Nachmittag. Ich treffe auf Karsta und Stefan, die unten vor ihrem Zimmer ein kleines Gemüsebeet angelegt haben und gerade die Kräuter gegossen haben. Ich beneide die beiden, wie sie hier unter der blassen Sonne im schlichten Rhythmus der Insel leben, zusammen musizieren, kochen und im Dorf helfen. Wir trinken Kaffee und lernen uns kennen, erzählen von dem, was uns antreibt und interessiert, von dem was wir falsch und richtig zu machen glauben und was wir auf welchen Inseln erlebt haben. Die Liebe zu Land und Leuten verbindet uns. Wie so oft wünschte ich, zu einer Zeit die Ägäis bereist zu haben, als es auf einigen Inseln weder Strom noch Straßen gab und mancherorts die Postschiffe und Fähren nicht einmal genug Platz zum Anlegen hatten, so dass man „ausgebootet“ werden musste, um an Land zu kommen. Das ist noch gar nicht so lang her und die beiden haben tolle Geschichten davon zu erzählen.

Ein einsamer, kykladischer Traum: Tonnendächer, wilde Sträucher, schlichte Formen und viel Geschichte. Chora, Anafi

Wir verabreden uns für später und ich breche auf zu meinem Dorfspaziergang. Ich gehe den Treppenpfad zur Weggabelung am Laden hinauf. Das Ostria liegt einige Meter unterhalb des Ortrands am Hang. Die Chora ist genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Einfache Häuser, viele von ihnen leer, zwischen denen sich kleine Fußwege schlängeln, Katzen faulenzen und die letzten Blumen blühen, bevor der kurze Winter kommt. Alles ist von einer zeitlosen, stillen Magie durchdrungen.

Oben am Haus hängt ein rostiges Wappen. Was für ein Amt mag hier einmal untergebracht gewesen sein? Chora, Anafi

Um den Dorfplatz der Chora von Anafi liegen Kirchen und eine alte Mühle. Ansonsten ist heute nicht viel zu sehen.

Im Gegensatz zu vielen anderen kykladischen Dörfern, hat die Chora auf Anafi keine wirklich zentrale Plateia, um die sich die Tavernen sammeln. Nur am Rande befindet sich ein größerer Platz, dessen historische Gewichtigkeit durch ein Kriegsdenkmal, eine Mühle, Kapellen und einige repräsentativere Gebäude unterstrichen wird. Wichtiger fürs Dorfleben scheinen aber die ein, zwei Gassen zu sein, die sich in einiger Entfernung durch den Ortskern ziehen und an denen die wenigen Geschäfte und Cafés liegen.


Einfach. Schön. Chora, Anafi
Ich passiere wieder den „Market“, um mir ein Wasser zu kaufen. Er ist verschlossen. Mir ist nicht ganz klar, nach welchem System die Öffnungszeiten funktionieren, aber vermutlich gibt es eine Schicht zu Tagesbeginn und dann später noch mal die Gelegenheit, sich das Nötige zur Zubereitung eines Abendessens zu kaufen.

Natürlich stehen vor dem örtlichen Laden Bank und Stühle. Wer nicht zwischendurch mal anhält, hätte das Dorf sonst in 3 Minuten durchquert. Chora, Anafi

Wasser bekomme ich aber sicher auch in einer Taverne. Und überhaupt wäre ein kleines Mittagessen nach dem Kaffee vorhin bei Karsta und Stefan gar keine schlechte Idee. Nach einigen Minuten bin ich am anderem Ortsende, dort, wo mich gestern der Busfahrer rausgelassen hatte. Hier liegen einige Cafés und Tavernen beieinander. Sie scheinen allesamt geschlossen zu haben. Durch eine offene Haustür sehe ich dann aber einige Leute beim Essen. „Liotrivi“ steht über der Tür. Es handelt sich augenscheinlich um ein Restaurant. Ich trete heran und mache mich bemerkbar. Um eine große Tafel mit allerlei Speisen sitzt eine Familie. Ich entdecke überrascht bekannte Gesichter: Die zwei Jüngeren waren unter den Wenigen, die gestern mit mir von der Fähre gegangen sind.

Nein, die Taverne hätte geschlossen, die Saison sei vorüber, höre ich die Ältere sagen, offenbar die Mutter. Aber natürlich würde man mir etwas zubereiten. Sie kommt hinaus und schließt mir eine winterfeste Veranda gegenüber des Weges auf, von der man einen Blick hinunter aufs Meer hat. Da ist es wieder, das einfache Glück. Meine Wünsche sind bescheiden: Ein Choriatiki und etwas Brot. Und vielleicht noch ein Kaffee? Sie überlegt. Tomaten und Gurke seien aus, aber sie würde mir etwas improvisieren.

Kurze Zeit später erscheint die Jüngere mit dem Kaffee: „You were on the boat last night, right?“ Ja, freue ich mich, dass sie sich erinnert, und wir kommen ins Gespräch. „We just returned from Santorini, from the hospital. Our Grandmother is there. Why are you here?“ Ich erzähle ihr, was ich hier zu suchen habe, was mich anzieht an Orten wie Anafi. Sie erzählt mir, warum es gerade die anderen Orte sind, zu denen sie fährt. „I’ve been to Rome, Paris, London… these places. To Berlin, too. Yes, it’s really beautiful for me and I need to be there sometimes. But if you’ve been to one of those cities, it’s enuogh for a while.“

Wie ist das wohl, auf Anafi aufzuwachsen und dann in eine Stadt wie Berlin zu kommen..? „I always have to return here“ sagt sie. „It’s not always easy. But some people have to. It depends on the heart.“ Sie lächelt und klopft sich an die Brust. Und ich glaube, sie zu verstehen.

Auf dem Weg durchs Dorf trifft man auf die schönsten Formen und Farben, sprich: eckig, blau und weiß. Chora, Anafi

So vergeht der Tag in schlichter Muße. Spazieren, Fotografieren und in die Ferne aufs Meer schauen. Anafi ist gut für die Seele. Am Abend dann treffe ich wieder Karsta und Stefan. Wir wollen eine Kleinigkeit essen gehen und finden uns in der Psistaria „To Petrino“ ein. Die beiden erzählen mir vieles über die Insel und ihre Bewohner. Über den knorrigen Alten, den pensionierten Dorfpolizisten, der ein paar Tische weitersitzt und zufrieden in den Raum starrt, über den Papas, der nur ein Haus von uns entfernt lebt und bei jeder Feier im Ort am längsten tanzt. Aber auch über sich selbst, wie es sie auf die Insel verschlagen hat und was sie hinter sich ließen. Es ist die Musik, die die Leute verbindet und die so vieles zu ändern vermag. Es ist die Musik, die als treibende Kraft so viel Positives in die Welt bringen kann. Karsta lernt im Dorf Tsouras spielen. Das ist die Musik, die ich gestern und heute Morgen aus ihrem Zimmer gehört habe.

Es sind einige Zeilen aus ihrem Buch, das sie mir später schenkt, die mich sehr beeinruckt haben:

„Es begann auf Anafi, im Laden von Takis. Er sagte, ein Instrument zu lernen braucht sehr viel Zeit und Geduld. An diesem Abend verließ ich den Laden mit einer Tsouras auf dem Rücken. Und einem Blatt Papier mit den ersten Noten. Einem Rembetiko. Es war am 17. September. Ich weiß es noch genau, weil es Agapias Namenstag war und weil an diesem Tag ihre geliebte Tante starb. Seitdem ist nicht ein Tag vergangen, ohne dass ich auf der Tsouras gespielt habe. Nicht ein Tag. Es ist, als hole ich mir die griechische Seele in mein Haus. Es ist, als spiele ich meine Sehnsucht. Es ist wie eine neue Sprache. Es ist, als passiert etwas in meinem Leben ohne dass ich weiß, wo es hinführt.“

Wenige Wochen, nachdem ich diese Zeilen gelesen hatte, war ich in Berlin mit der Bouzouki, die ich mir nach meiner Anafi-Reise zu Weihnachten gewünscht hatte, auf dem Weg zu meiner ersten Unterrichtsstunde…

Beim Abendessen mit Karsten und Stefan höre ich dann auch zum ersten Mal von Christian, einem alten Auswanderer, der mit zauseligem Bart, Gehstock und bunten Ketten behangen gelegentlich im Ort unterwegs sein soll und ganz sicher ebenfalls viel über Anafi und das Leben zu erzählen hätte. Ich bin schon bei den ersten Worten über ihn wie elektrisiert und beschließe, ebendiesen Christian, den ich mir direkt vorstelle wie einen hinduistischen Sadhu, auf jeden Fall noch kennenzulernen, bevor ich die Insel wieder verlasse.

Als wir nach dem Essen aufbrechen, möchte Karsta Manolis besuchen, den alten Sambunaspieler, der draußen seinen Esel stehen hat. Er hat Schmerzen am Handgelenk und bekommt Massagen von ihr gegen die Beschwerden. Ich bin aufgeregt und dankbar und kann kaum glauben, dass ich gleich in einem der alten Häuser sitzen könnte. Wir tapsen im Dunkeln einige Schleichwege am Ortsrand entlang und stehen bald vor seinem kleinen Haus. Im Garten steht ein gemauerter Ofen zum Brotbacken. Alles ist dunkel, Manolis scheint fort. Das ist ungewöhnlich für diese Zeit. Ob er bei seiner Schwester ist? Karsta beschließt, es morgen früh wieder zu probieren. Wir gehen heim.

Die Einsamkeit der Safranstrände

Der nächste Tag ist schon der vorletzte, den ich auf Anafi verbringe. Und für heute habe ich ein festes Vorhaben: Ich möchte die 12 km bis an die Spitze des Kalamos wandern, zum großen Monolithen also, der wie ein rätselhaftes Heiligtum, ein Kraftort, am Ende der Insel liegt. Mit seinen 460 Metern Höhe ist er von fast überall auf Anafi aus zu sehen.

Ganz hinten im Bild blitzt winzig die Spitze des Kalamos über den Hügeln. Vom „Monastery“, dem Kloster unterhalb des Berges, sind es dann noch mal etwa 3 km hinauf. Anafi, zwischen Chora und Hafen

Ich beginne den Tag langsam, esse ein Marmeladentoast bei meinen liebgewonnenen Nachbarn, die mich außerdem mit Kaffee versorgen und dann mit guten Wünschen auf den Weg zum Kalamos schicken. Die Chora verlasse ich erst am frühen Nachmittag. Die Länge der Strecke über Sandstrände und hügelige Buchten schreckt mich nicht ab. Es sind eher der schwer einzuschätzende, steile Weg hinauf zum Gipfel und die früh untergehende Sonne, über die ich mir den ein oder anderen Gedanken mache. Doch am Fuße des Kalamos liegt ein von drei Nonnen bewohntes Kloster, das durch eine asphaltierte Straße mit dem Dorf verbunden ist. Und wenn ich dieses vor Sonnenuntergang auf dem Weg zurück hinunter wieder erreicht haben würde, dann bräuchte ich dem Weg nur noch die gut 10 km zum Dorf zurückfolgen. Und das geht im Zweifel auch im Dunkeln.

Bald liegt das Dorf hinter mir. Überschaubar! Chora, Anafi

Im Dorfladen bedient mich wieder die grummelige alte Dame. Immerhin ist sie so aufmerksam, mich vor einem fatalen Fehler zu bewahren: Als ich mit einer etikettlosen 1.5-Liter-Wasserflasche aus dem Kühlschrank, die mir als Wegproviant dienen soll, an die Kasse trete, schüttelt sie energisch den Kopf und wiederholt: „Raki, Raki.“ Wie das wohl geworden wäre nach ein paar Kilometern und dem ersten tiefen Schluck…

Am Abzweig unterhalb des Dorfes ist das Nonnenkloster bereits ausgeschildert. Aus der Ferne höre ich die Ägäis rauschen. Die Stelle, an der sich die Straße teilt – in der anderen Richtung geht es hinunter zum Hafen – dient zugleich als Autofriedhof. Ein paar Hunde stehen in einem Zwinger eingesperrt neben den rostigen Karren und glotzen mich an. Wem die armen Kreaturen wohl gehören?

Ausgedient. Anafi

Fünfzig Meter weiter geht ein schmaler Trampelpfad von der Straße ab. Kein Schild verrät, wohin er führt, aber da ich im Grunde nur an der langen Küstenlinie entlang wandern muss, um am Ende des Eilands beim Kalamos anzulangen, folge ich ihm hinunter in Richtung Meer. Die richtige Entscheidung, wie ich bald feststelle, denn dieser alte Weg, der wohl lange Zeit vor der oberhalb gelegenen Straße dagewesen ist, führt mich von Bucht zu Bucht bis heran an das Kloster am Fuße des Berges.

Unterhalb der Staße beginnt das Reich der Kakteen! Anafi

Aber auch der wilde Safran ist zu dieser Zeit allgegenwärtig. Anafi

Ich laufe. Eine Stunde vergeht. Ich komme durch Kaktushaine und hohes Schilfrohr, wandere über Strände und: Safranfelder.  Ich frage mich, wie schon damals auf Pano Koufonisi, warum hier keiner diese kostbaren Schätze erntet. War es denn nicht so, dass der Kilopreis bei etwa 1000 Euro liegt?! Im Überfluss und unbeachtet steht hier Blüte an Blüte und grell-orangene Fäden lächeln mich an. Aber, ja, wie lang muss man das Gewürzgold wohl sammeln, um auf ein paar Gramm zu kommen…?

Im Sonnenlicht: Die Inselchen Ftena und Makra sowie das größere Eiland Pachia. Anafi

Anafi ist auch zu dieser trockenen, kargen Zeit auf eigene Weise wunderschön. Das Meer glänzt und ist von überall aus zu sehen. Die wenigen kleinen vorgelagerten Inseln scheinen über dem Wasser zu schweben. Sie haben erratische Namen: Ftena. Makra. Pachia. Kleine Echsen rascheln am Wegesrand. Sie hatten in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr mit einem Wanderer gerechnet. Die Sonne wärmt durch den frischen Wind hindurch noch so sehr, dass ich bald nicht nur meinen Pulli, sondern auch mein T-Shirt ausziehe. Ich muss wohl kaum damit rechnen, in den nächsten Stunden jemandem zu begegnen…

Auch in der kleinen Siedlung oberhalb des Roukounas-Strandes ist außer ein paar Hühnern und Bienenstöcken niemand zu sehen. Aus Sorge, jemanden zu erschrecken, der vielleicht arglos an einem der vier, fünf Häuser arbeiten könnte, eile ich direkt weiter.

Ein paar letzte Häuser stehen zwischen den Stränden Katsoúni und Roukounas beisammen. Anafi

Über die Insel verstreut finden sich immer wieder auch Bienenstöcke. Anafi

In Sichtweise der kleinen Siedlung steht ein kleiner Wohnwagen etwas abseits meines Weges. Sagte nicht Stefan gestern Abend, dass Christian in einem Wohnwagen leben würde? Das muss er sein! Die Stelle werde ich mir für später merken.

Bucht vorm Roukoúnas Strand, Anafi

Weiter geht’s, die Küstenline entlang, an der sich ein wunderschöner Sandstrand an den nächsten reiht. Kleisidi, Katsouni, Flamourou, Roukoúna, Potamos und so weiter und so weiter… Ein kleines Wunder, dass Anafi nicht völlig überlaufen ist. Vielleicht liegt es an seiner abgeschiedenen Lage, so weit von Athen als letzte der Kykladen-Inseln in der offenen Ägäis. Aber so genau lässt sich das im November natürlich auch gar nicht beurteilen und später höre ich noch dies und jenes, was darauf schließen lässt, dass es hier zur Hochsaison doch etwas voller wird. Da sind die Abende in Agapias voller Taverne, von denen Karsta und Stefan erzählen, an denen sie für die Besucher spielen. Oder die neuen Gebäude am Rande der Chora, die Platz für weitere Gäste schaffen sollen. Und da ist nicht zuletzt die kleine Anekdote über Christian, den rätselhaften Guru, der sich von einem Fischerboot auch schon mal für eine Weile auf das unbewohnte Nachbarinselchen Ftena hat übersetzen lassen, um dem Sommertrubel zu entgehen – und dort einmal glatt für ein paar Tage vergessen wurde. Aber hier greife ich der Geschichte vor. Und jetzt, so viel ist jedenfalls sicher, habe ich alle Stände ganz für mich allein.

Nicht nur der Safran blüht auf Anafi im November…

Roukoúnas Strand, Anafi

Der Kalamos kommt nun merklich näher. Er sieht schon beeindruckend aus mit seiner sanften Steigung und den zerklüftet ins Meer fallenden Klippen. Alle möglichen Legenden ranken sich um diesen Berg, der die Bewohner Anafis wie ein alter Schutzgott durch das Jahr begleitet, immer in Sichtweite und über allem schwebend. Kommt man in seine Nähe, soll man in einen ehrfüchtigen Bann geraten, der einen immer näher heran und bis auf den Gipfel zieht. Kein Wunder, dass man nicht nur an seinem Fuß, sondern auch auf seiner Spitze ein Kloster gebaut hat. Eine geheimnisvolle Höhle, Drakontospila, die „Höhle des Drachen“, soll sich unergründlich tief durch sein Inneres ziehen.

Der Kalamos – pittoresk und magisch! Anafi

Unberührte Strände? Bis eben vielleicht!

Ich laufe und laufe und laufe durch die monotone, malerische Szenerie. Längst bin ich in einem meditativen Trott angekommen. Die Sonne brennt durch die Frische, immer wieder gibt es kleine Strandabschnitte und dazwischen Felsnasen, die bewachsen sind von Blumen, Sträuchern, Tamarisken und Olivenbäumen. Grillen springen fliehend davon, meine Gedanken haben freien Lauf.

Hinter dem nächsten Felsen stoße ich auf eine Hütte in den gedrungenen Bäumen, die den Strand säumen und ich glaube schon, ihn unerwartet gefunden zu haben: Das sieht zwar nicht annähernd nach einem Campingwagen aus, aber vielleicht hat Christian das milde November-Wetter zum Anlass genommen, sich noch ein paar Tage am Meer niederzulassen, hier, weit weg vom Dorf? Wer sonst hätte den kleinen Verschlag hier hinzimmern sollen? Ich pirsche mich an, räuspere mich und hüstele auffällig unauffällig, um mich bemerkbar zu machen. Aber im Innern befindet sich nichts. Ein paar Bambusstöcke und trockenes Blattwerk hängen träge im Sonnenlicht. Mir steigt scheinbar bereits die Hitze zu Kopf.

Wer mag hier wohl wohnen? Eher niemand.

Es geht nun auf den späteren Nachmittag zu. Ich gehe etwas schneller. Der Schweiß tropft mir von der Stirn und läuft an mir herunter. Es ist Ende November. Und heiß. Die Größe des Kalamos lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wie nah oder fern er wirklich liegt. So geht es weiter an Sand, Fels und Meer, immer die südliche Küste entlang zum Zauberberg. Wann genau geht noch mal die Sonne unter…?

Endlos… Sand und Meer…

…und Sand und Meer…

Bald stoße ich auf eine alte Kirche, an der ich eine letzte Rast einlege. Offenbar wurde sie an einer Stelle gebaut, an der sich einst ein noch viel älteres Gebäude befunden hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass Marmorteile von alten Säulen in ihr verbaut sind und in unmittelbarer Nähe merkwürdig behauene Quader aufgerichtet sind? Ich fühle mich direkt an das fränkische Kastell auf Paros erinnert. Nicht weit von hier steht auch die Kapelle Panagia Dokarioú, vor der sich ein alter zerbrochener Steinsarg mit antikem Relief befindet. Was in Deutschland im Museum stünde, liegt hier einfach in der kargen Landschaft.

Ein Kirchlein, gebaut auf Trümmern von Säulen und Steinquadern

Und was genau ist das…?

Im Innern der Trümmerkapelle

Weiter, immer weiter – etwas abseits des Pfades von der Chora zum Kloster

Etwas weiter sehe ich eine zerfallende Windmühle. Dass sie hier an dieser Stelle unterhalb des Hügelkamms steht, recht klein ist und zudem noch ihre Flügel hat, macht mich etwas stutzig. In der Nähe steht ein protziges Haus. Ob sich hier jemand mal sein privates Kykladen-Paradies gebaut hat oder eine intim gelegene Ferienunterkunft für zivilisationsmüde Paare? In jedem Fall wirkt alles verlassen und der baufällige Status der Mühle weist darauf hin, dass sich hier länger niemand aufgehalten hat. Weiter geht’s.

Ich kann die einzelnen Strände nicht mehr ihren Namen zuordnen… beim Niederschreiben kommt mir ihre Zahl endlos vor.

Christian ist auch hier nicht zu finden. Vermutlich hat sich hier ein Fischer eingerichtet.

Apollons unsichtbare Schwestern

Noch einmal passiere ich Strände, schattenspendende Tamarisken und ein weiteres mysteriöses Lager, dann stehe ich vor der letzten Biegung und einer recht steilen Klippe, auf der sich die Ágioi Anárgyroi Kapelle befindet. Malerisch thront sie hier, direkt vor dem Kalamos, dessen Dellen und Klüfte sich nun scharf abzeichnen. Zum ersten Mal bekomme ich eine Ahnung davon, wie hoch der Berg wirklich ist. An seiner Spitze habe ich etwas Weißes aufblitzen sehen, was nur das leerstehende „obere“ Kloster Moni Kalamiotissa sein kann. Noch ist es hell. Ich werde es schaffen.

Schön sieht er aus, der Kalamos, nicht?

Ein letzter Blick zurück auf meine Strand-und-Meer-Route

Der Pfad führt nun wieder hinauf zur Asphaltstraße, welche die Chora mit dem „unteren“, dem von den drei Nonnen bewohnten Moni Zoodochos Pigi („Kloster zur lebensspendenden Quelle“) am Kalamos verbindet.

An der Straße angekommen, begrüßt mich aber zunächst einmal ein grelles Schild mit dem Hinweis auf Bienen, die hier herumfliegen sollen und offenbar nicht ganz ungefährlich sind. Müsste man sonst vor ihnen warnen?

Ungemütliche Kloster-Haustiere!

Hinter der nächten Kurve sehe ich die Bienenkästen am Rande des Hügels stehen. Den Tierchen begegne ich zum Glück nicht. Dafür zeichnet sich nun das untere Kloster ab, von wo aus der Fußpfad hoch zur Spitze des Kalamos beginnt. Das Nonnenkloster liegt oberhalb eines Weingartens und sieht schon aus einigen Hundert Metern Entfernung bezaubernd aus. Ich beschließe kurzerhand, den Weg abzukürzen und stapfe querfeld ein durch die Weinhänge. Wohl oder übel ziehe ich mir mein durchgeschwitztes T-Shirt wieder an. Nach all den Stunden ist es jetzt wohl durchaus möglich, wieder jemanden zu treffen. Und ausgerechnet einer griechischen Nonne möchte ich nicht halbnackt vor die Füße stolpern.

Zwischenetappe! Das Nonnenkloster Moni Zoodochos Pigi

Oben angekommen, staune ich nicht schlecht. Das Kloster ist ein Idyll. Ein wunderschöner, felsiger Garten wie aus einem altertümlichen Bilderbuch liegt vor dem Eingangsportal des festungsartigen Gebäudes. Zypressen recken sich gen Himmel, so dass man beinahe den Eindruck bekommt, das Gebäude stünde in der Toskana. Dawischen ein Blütenmeer und – Gartengeräte. Die lassen nicht nur auf die Mühe bei der Gartenplege schließen, sondern auch darauf, dass hier tatsächlich jemand lebt.

Ein kleines Idyll am Fuße des Kalamos, das Moni Zoodochos Pigi Kloster

Ich versuche es mal wieder mit Räuspern und Husten, bevor ich am Gebäude ankomme, denn ich nehme an, auch hier rechnet heute niemand mehr mit Besuch. Aber nichts rührt sich. Ich nähere mich langsam dem Eingang. Von drinnen ist ein leichtes Rauschen zu hören, wie laufendes Wasser. Ich rufe ein zaghaftes „Hello?“ – und warte weiter vergeblich auf eine Reaktion.

Nungut. Wer weiß, wie weltlich es hier zugeht, und ob die Bewohnerinnen mich nicht vielleicht auch absichtlich ignorieren. Und um noch auf den Gipfel zu kommen, ist eh Eile geboten. Also umkreise ich das imposante Gebäude nur kurz, mache ein paar Bilder und verschrecke eine Katze, die schlummernd im Schatten döst.

Ein wirklich beeindruckendes Bauwerk in seiner schlichten Wucht.

Das „untere Kloster“ wurde vor etwa 200 Jahren auf den Überresten eines alten Apollo-Tempels erreichtet. Teile des zerfallenen Tempels wurden zum Bau verwendet. Auch Zeus und Aphrodite wurde an dieser Stelle gehuldigt, wie alte Inschriften belegen. Der Legende nach gerieten die Argonauten in Seenot und Apollo selbst hob Anafi aus dem Meer, um ihnen einen sicheren Hafen zu geben. Dies sind die Ursprünge des Tempels, mit dem man ihn hier ehrte. Heute werden im von drei Nonnen bewohnten Gebäude die Ikonen des „oberen Klosters“ verwahrt, die teilweise noch aus dem 12. Jahrhundert stammen sollen.

Besucherinnen und Besucher haben sich hier zu allen – auch den nicht so guten – Zeiten verewigt.

Drachentöter. Anafi, unteres Kloster

Dass mir in einer eingelassenen Nische am Rande des Gebäudes noch der Heilige Georg begegnet, kann nur ein gutes Zeichen für den Aufstieg sein. Ein Holzschild weist den Weg hinters Kloster, wo sich der Pfad hinauf zum Gipfel befinden soll.

Apollons letzte Spuren im Klostergarten

Jetzt liegt er also direkt vor mir. Von hier unten betrachtet scheint die Spitze des Kalamos auf einmal wieder ganz weit weg. Doch ich stehe noch immer unter dem Eindruck der Wander-Euphorie, die einen vor allem hier draußen auf den Inseln der Ägäis zu packen scheint. Und die sanften Linien, die der Monolith dort oben malt, ziehen mich auf merkwürdige Weise an. Natürlich muss ich weiter, muss ich hinauf. Und daran ändert weder mein zur Neige gehender Wasservorrat etwas noch der fortgeschrittene Nachmittag.

Hier beginnt der Aufstieg. Kalamos

Der heilige Berg

Zunächst geht es die Ebene hinterm Kloster hinab. Von hier hat man einen Ausblick auf die andere Seite der Ägäis, wo Astipalea und Amorgos im Meer liegen. Ein wirklicher Weg will sich noch nicht abzeichnen, aber die flachen Felsen und wenigen Büsche machen einem das Gehen leicht und so findet sich bald hinter der ersten Brache auch der Pfad hinauf.

Eine letzte Weggabelung am Kalamos – Drachenhöhle oder Kloster?

Nun gilt es aber erst noch eine Entscheidung zu treffen. Denn plötzlich stehe ich vor einem Abzweig. Während der Wegweiser den Pfad weiter geradeaus als den zur Spitze des Kalamos ausweist, geht es links hinunter zur Drakontospilo. Spilo, spilo… das Wort kommt mir bekannt vor. Und ich erinnere mich: Spilio – so war die Höhle des Heiligen Johannes benannt, zu der ich mich auf eine ganz ähnliche einsame Wanderung auf dem noch spärlicher besiedelten Iraklia aufgemacht hatte, nur um nach Stunden einen einzigen Menschen zu treffen… ausgerechnet im Dunkel der Höhle.

Von einer „Drachenhöhle“ auf Anafi hatte ich bis hierhin allerdings noch nichts gehört. Ob sich der Abstecher lohnt? Da weder das Schild noch Google Maps weiß, wie weit die Höhle vom Abzweig entfernt liegt, entscheide ich mich gegen den Umweg. Sehr schade. Die Johannes-Höhle war nicht weniger beeindruckend als die gewaltige Tropfsteinhöhle auf Antiparos, in der sich sogar Alexander der Große mit seinem Namen verewigt haben soll. Vielleicht verpasse ich was… Ich verschiebe den Höhlenbesuch dennoch auf meine nächste Anafi-Reise, die ich hoffentlich irgendwann in diesem Leben noch antreten werde.

Das ist nicht die „Drachenhöhle“ – Kalamos, Anafi

Schnellen Schrittes geht es weiter, vorbei an Unterständen, die hier einmal für Ziegen gebaut zu worden sein scheinen. Ansonsten ist nicht mehr viel zu sehen, was auf Zivilsation hinweist. Das Kloster liegt schon ein gutes Stück hinter mir im warmen Licht, malerisch und einsam.

Der Pfad hinauf zum Gipfel ist nicht immer gut zu erkennen, der Ausblick aber stets eindeutig: schön!

Auch der Safran lässt sich hier oben wieder blicken. Es ist irgendwie albern, aber beinahe fühlt es sich an, als liefe man über einen Platz, auf dem ein Schatz verstreut liegt. Überall kleine Münzen. So viele, dass man unmöglich alle aufheben könnte. Wie kleine glitzernde Sterne zieren die Blüten mit ihren leuchtenden Fäden den Weg, der im nachmittäglichen Schatten liegt, hier, auf der der Sonne abgewandten Seite des massiven Felsens.

Auf Anafi kann man in Sternen wandern

Ich gehe. Und gehe. Ich denke an nichts. Weiter oben nimmt der ohnehin schon spärliche Bewuchs am grauen Gestein weiter ab. Der Gipfel des Kalamos ist keine 500 Meter hoch, aber mit seinen Hängen und der unendlichen Ruhe, hat die Atmosphäre bald etwas Alpines. Nur meine Schritte und der zaghafte Wind erzeugen Laute in meinen Ohren. Ansonsten herrscht tiefe Stille. Selbst den Vögeln scheint es hier, am unwirtlichen letzten Ende des isoliert im Meer liegenden Anafi, zu einsam zu sein. Ich gehe weiter.

Alpine Aussichten. Kalamos

Erst als ich mich endlich dem Gipfel nähere, merke ich, welcher Kraftakt hinter mir liegt. Der weite Weg vom Dorf zum Fuße des Berges über kleine Hügelchen hinauf und hinab, das Laufen im weichen Sand, die Umwege, das Klettern auf den einen oderen Felsen für die Aussicht oder ein Foto haben mir eigentlich schon vor dem Aufstieg vom unteren zum oberen Kloster die Kraft genommen. Aber erst jetzt, nachdem ich fast eine weitere Stunde in zügigem Gehen den Felsenpfad hinaufgelaufen bin, merke ich, dass ich über meine physischen Grenzen hinaus beinahe hochgezogen werde. Es ist, als dringe durch einen rauschhaften Nebel nun plötzlich erst die Stimme meines Körpers, um mich zu fragen, ob ich eigentlich noch wisse, was ich da tue. Ich schwitze und bin durstig und frage mich, wie viele Kurven es noch braucht, um wirklich die Spitze des Kalamos zu sehen.

Es braucht noch eine Windung und noch eine Kurve und noch mal die Aussicht auf eine bis dahin verborgene Felswand, bis ich endlich den vertrauten weißen Kalk aufblitzen sehe, der das schlichte Glück der Kykladen symbolisiert. Das Dach des oberen Klosters grüßt mich hinter einer letzten Reihe von grauen Felsen.

Und endlich bin ich da.

Am Ziel: Das „obere Kloster“ am Gipfel des Kalamos 

Es ist kaum zu beschreiben, wie es sich anfühlt, hier oben am Ende des Pfades angekommen zu sein. Ich trete aus dem Schatten auf den langgezogenen Gipfelpass. Die Sonne schüttet mir einen Schwall vorabendlicher Wärme ins Gesicht. Sie taucht die ganze Insel, die sich nun unter mir erstreckt in ein friedliches, goldenes Licht. Und hier, auf dieser Seite, wo das Meer wieder zu allen Seiten um mich ist, klingen leise aber ganz deutlich die Wellen zu mir herauf. Kein friedlicherer Ort kommt mir in diesem Augenblick in den Sinn, an dem ich jemals gewesen sein könnte.

Have a break. Oberes Kloster, Kalamos

Meine Sorgen um Erschöpfung und Durst sind verflogen. Ich springe euphorisch von einem Felsen zum nächsten, von den Tonnendächern der Klosterzellen auf den Hügelkamm und schaue mir jeden Winkel des Klosters an und immer wieder die unendlich scheinende Ägäis mit ihren kleinen schattigen Fleckchen, den in der Ferne im strahlenden Wasser liegen Eilanden, auf denen seit Jahrtausenden die Hirten und Bauern unter der brennenden Sonne von der kargen Erde leben, fernab von Zentren industrieller Revolutionen, von grauen Wohnblocks und gemähten Vorgartenrasen. Hier oben ist das Nichts – und zugleich scheinbar das Zentrum von allem. Die eigene innere Mitte, gebaut auf einen magischen Monolithen. Ein schlichtes Gotteshaus, schmucklos und doch strahlend.

Dann setze ich mich. Und bleibe auch sitzen. Zum ersten Mal seit ich das Dorf verlassen habe. Das Licht füllt mich auf und macht mich betrunken.

Haus mit Aussicht: Der Blick vom oberen Kloster über die Insel Anafi: Unten rechts im Tal als weißer Punkt das Nonnenkloster, weit hinten links an der Horizontlinie die Chora

Darf’s ein bisschen weniger sein? Das abegelegene, verlassene Kloster an der Spitze des Kalamos.

Ich sitze und bleibe sitzen. Und bald liege ich. Helios schaut mir weiter vom Himmel aus zu. Immer weiter neigt er sich herab zum Meer und bald überlege ich, die Nacht einfach hier oben zu verbringen. Es ist mild und zwischen den Mauern des alten Klosters findet sich ein ebener und windstiller Platz. Während die Kapelle des Klosters verschlossen ist, hatte ich dafür vorhin eine geöffnete Zelle entdeckt, in der eine alte Matte liegt. Wenn ich doch nur etwas mehr zu trinken dabei hätte, ich würde wirklich bleiben. Den Sonnenaufgang hier oben zu erleben, wäre auf jeden Fall eine außergewöhnliche Erfahrung.

Ja, es ist einsam und bräuchte ich Hilfe, dann würde es vermutlich Stunden dauern, bis jemand hier oben ankäme. Andererseits: Welcher Ort, welcher Schlafplatz könnte friedlicher sein? Nichts und niemand könnte mich an diesem letzten Zipfel des abgelegenen Inselchens stören.

Die alten Klosterzellen stehen längst schon leer.

Doch dann komme ich zur Vernunft und entscheide, dass eine warme Mahlzeit und viel kaltes Wasser nach meiner Rückkehr ins Dorf noch weit verlockender klingen als eine Nacht auf dem Kalamos. Vielleicht komme ich ja eines Tages noch mal wieder und dann bin ich gewappnet. Ich werfe mir also meinen kleinen Rucksack wieder über, der einmal Wasser und Kekse enthalten hatte, einen tragbaren Akku und ein Buch und steige den Kalamos, den schönen Zauberberg, wieder hinab.

Am Hügel gegenüber dräut ein Unwetterchen!

Eine Wolke hat sich am gegenüber liegenden Hügel verfangen und möchte wohl gern ein Unwetter werden. Aber so sehr sie sich bemüht, sich aufzubauschen und in ein dunkles Grau zu verwandeln, stetig fließt ein Teil von ihr den Hang hinab. So bleibt der grollende Dunst nur ein fernes Schauspiel, dem ich bald den Rücken kehre.

Luna leuchtet auf.

Hinab geht es schneller. Meine erschöpften Füße klatschen und rutschen über das unebene Geröll. Aber auch die Dunkelheit zögert nicht und so befinden wir uns bald im Wettlauf. Wer wird zuerst beim unteren Kloster ankommen und damit bei der Straße, die mich auch im Nachtschwarz von den Nonnen zurück ins Dorf führen wird? Es dauert nicht lang und der Mond beginnt über mir zu leuchten, während die Sonne sich hinter dem Berg dem Meer nähert.

Abendstimmung. Unteres Kloster.

Gute Gaben

Und endlich bin ich wieder am Kloster. Ich war schneller. Die letzten Meter zum ehrwürdigen Gebäude gehe ich in gemächlicher Freude, in dem warmen Gefühl, mein Tagwerk vollbracht zu haben und jedweder Gefahr entronnen zu sein. Alles, was ich jetzt noch brauche, ist ein Schlückchen zu trinken um die letzten 10 km zurück ins Dorf gehen zu können. Zwar hatte vorhin keine der Nonnen auf mein Rufen reagiert, aber ich bin mir auf merkwürdige Art und Weise sicher, dass es diesmal anders sein wird.

Mysteriöse Gestalten im Klostergarten…

Und wirklich – kaum dass ich durch den steinernen Wall erneut in den Klostergarten trete, sehe ich eine schwarzgewandete Figur an etwas, das wie ein alter Brotofen aussieht. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll… Wie konservativ sind die Frauen, die hier leben? Was denken sie, wenn ihnen plötzlich im Halbdunkel aus der hinteren Ecke ihres Geländes eine verschwitzte und unrasierte Gestalt in labberigem T-Shirt und zerrissenen Chucks entgegentritt?

Ich mache mich mit einem freundlich herüber gerufenen Kalispera schon aus einiger Entfernung bemerkbar – und ernte ein freundliches Lächeln. Das tut gut. Ich habe den halben Tag lang keinen Menschen gesehen und jetzt tritt mir in diesem antiken Garten eine Nonne entgegen, die in ihrem Gewand und ihrer Gelassenheit so ehrwürdig wirkt, dass ich sogleich ganz gebannt bin von dieser Begegnung.

Sie grüßt mich und fragt nach meinem Weg. Ich erzähle ihr von meiner Wanderung und schwärme von der Schönheit der Insel. Ob ich ein Glas Wasser bekommen könne. Sie lächelt. „Come with me“, sagt sie. Wir gehen gemeinsam ein paar Schritte vom Ofenhaus in Richtung der festungsartigen Klostermauern. Im Hintergrund geht die Sonne unter und taucht den Himmel in spektaktuläres Licht, so als bräche sich über den erdigen Tönen der trockenen Flora und der uralten Mauern ein warmer Regenbogen bis hinab ins Meer.

„I’ll be back in a minute“ sage ich und haste eine Anhöhe hinauf, um das Kloster im abendlichen Licht zu fotografieren. Was für ein Anblick… es ist einer dieser Momente, in denen man tief eintaucht in die Weite und Zeitlosigkeit dieses herrlichen Landes. Verschluckt und aufgelöst in einen Zustand, den man endlich und einfach Leben nennen darf.

Das Schauspiel des Herbstlichtes über Anafi, rechts die Straße zurück ins knapp 10 km entfernte Dorf

Zurück am Kloster, ist erst mal niemand mehr zu sehen. Beseelt vom Frieden um mich herum, der Aura des Kalamos und der Tatsache, hier in der Einsamkeit so freundlich begrüßt worden zu sein, setze ich mich auf einen steinernen Vorsprung an der Klostermauer und warte.

Einige Zeit später kommt die Nonne zurück. Sie tritt an eine Tür in der Außenmauer, hinter der ich, als ich zu ihr gehe, so etwas wie einen Lagerraum erspähen kann. Eine weitere Stimme ist von drinnen zu hören. Was sie in den Händen hält, erscheint mir in diesem Augenblick wie das sprichwörtliche Geschenk Gottes. Ich werde mir vielleicht gerade erst bewusst, wie ausgelaugt und erschöpft ich wirklich bin. Wie ich nun also auf das Päckchen Orangensaft starre, auf die gekühlte Flasche Wasser, auf selbstgebackene Kuchen, Nüsse und Obst, da kommt es mir vor, als brächte mir jemand Speisen direkt aus dem Garten Eden.

Ich bedanke mich herzlich, trinke und esse und mache mich bald daran, mich zu verabschieden. Schon vorhin am Backhaus erschien es der Nonne offenbar etwas merkwürdig, dass ich mich jetzt, da die Sonne untergegangen war, zu Fuß auf den Weg ins Dorf machen wolle. Das würde mindestens zwei Stunden dauern auf der komplett unbeleuchteten Straße, sagt sie. Ich versichere ihr nochmals, dass ich ganz selig, gestärkt und guten Mutes sei und die weitestgehend ebene Strecke mir nur wie der letzte Spaziergang an einem langen Wandertag vorkäme. Sie dreht sich um und redet in der Kammer hinter der Mauer mit der mir unbekannten Stimme.

„We’ll take you to the village“ verkündet sie schließlich. Ich bin beschämt von der Güte dieser Frauen. Nassgeschwitzt und in beinahe surreal euphorischer Stimmung kommt es mir irgendwie falsch vor, dass mich diese noblen Gestalten in ihr Gefährt einladen, diesen fremden Mann, dessen Namen sie nicht einmal kennen und der im Halbdunkeln in ihrem Garten herumspaziert.

Doch sie lassen sich nicht umstimmen. Minuten später stehen wir zu dritt am alten Wagen. Die zweite Nonne spricht etwas deutsch. Wir stellen uns endlich richtig einander vor und erzählen uns bald von den Orten, an denen wir gelebt haben. Der warme Abendwind weht mir durch die geöffneten Scheiben um die Ohren. Ich schließe bald die Augen und bin der glücklichste Mensch der Welt. Ein Foto habe ich von unserer Begegnung nicht gemacht. Umso schöner bleibt mir alles in Erinnerung…

Gesund und glücklich zurück in der Chora, Anafi

Als wir eine Viertelstunde später im Dorf ankommen, ist es dunkel geworden. Kaum aus dem Auto ausgestiegen und mit warmen Worten verabschiedet, merke ich, wie schwer meine Beine vom Tag sind. Trotz all der behaglichen Einsamkeit des Tages, zieht es mich nicht mehr hinaus unter die Leute. Ich bin so erschöpft, dass ich sofort ins Bett gehe und Minuten später eingeschlafen bin.

Besuche

Es ist der letzte Tag meines Aufenthalts auf Anafi und Christian, der mysteriöse Aussteiger hat gestern auf dem Weg zum Kalamos so sehr meine Fantasie beschäftigt, dass ich es mir zur Aufgabe mache, ihn heute wirklich zu finden. Es scheint mir beinahe, als gäbe es eine moderne Mythologie der Insel. Und Christian ist ihr ruheloser Wanderer, Schutzheiliger der Verstoßenen.

Erst aber möchte ich hinunter zum Hafen. Bei meiner Ankunft war es ja bereits dunkel und morgen, wenn in aller Frühe meine Fähre zurück nach Piräus geht, wird die Sonne auch noch nicht aufgegangen sein. Mindestens eine Taverne soll dort sein und vor Jahrzehnten gab es hier die erste Zimmervermietung. Ob davon noch was zu entdecken ist?

Als ich nach draußen trete, treffe ich aber erst einmal Karsta und Stefan, die auf dem Balkon sitzen und frühstücken. Sie laden mich ein. Stefan hat Suppe gemacht. Hühnerbrühe. Ich muss leider passen. Auch unser Vermieter Matheus kommt einige Minuten später dazu. Wir verspeisen ein paar Brote, ich genieße den Kaffee und frage Matheus – mit Karsta als Dolmetscherin – über den Kalamos und seine Klöster aus.

Nachbarn! Die „Ostria Rooms“ im November.

Wind und Wetter setzen dem Gebäude auf dem Gipfel zu und regelmäßig müssen die Aufbauten mit den freihängenden Glocken instand gesetzt werden. Ein Erdbeben hat vor Jahren für verheerende Zerstörungen gesorgt. Tatsächlich aber, sagt er, sei der kleine Anbau mit der Matratze, den ich entdeckt hatte, für Wanderer gedacht, die auf dem Gipfel übernachten wollen. Hätte ich das vorher gewusst… andererseits: Mein kleiner Ausflug mit den beiden Nonnen im warmen Abendlicht war auch eine wunderschöne Episode. Vielleicht komme ich einfach noch mal wieder. Ich habe noch viele Fragen und Matheus erzählt. Über die Veränderungen auf der Insel, über EU-Projekte und Glauben, über das konservative Leben im Dorf und den Tourismus. Auf Anafi, so scheint es, geht all dies gut Hand in Hand. Ich hoffe, das wird noch lange so bleiben.

Ich staune vom Frühstückstisch aus einmal mehr über die simple Schönheit, die so karge, sonnenverbrannte Orte wie Anafi ausstrahlen. Das einfache Leben, dieses alte Klischee, hier existiert es. Unterm Balkon blühen die Blumen und duften die Kräuter. Karsta und Stefan ernten für ihre Mahlzeiten, was sie auf den wenigen Quadratmetern gesät haben. Unter dem Ast einer geduckten Kiefer faulenzen ein paar Katzen, zwischen denen Hühner unbeirrt im trockenen Gras picken. Und wieder diese Stille.

Eine griechische Insel ohne Katzen ist möglich aber sinnlos. 

Nach dem Essen wollen Karsta und Stefan noch einmal zum alten Manolis. Auch gestern war er in seinem Haus nicht anzutreffen und die Massage seiner schmerzenden Gelenke wartet weiter. Doch zuvor steht für die beiden noch ein kurzer Besuch bei Agapia an. Sie ist die gute Seele und Köchin des „Astrachan“, der Taverne in der Mitte des Dorfes. Agapia war eine der ersten Personen, mit denen sich Karsta nach ihrer Ankunft auf Anafi angefreundet hatte und im Sommer, wenn die Besucher ins kleine Dorf strömen, sitzen sie und Stefan nun manchmal bei ihr auf der Terrasse, von der man einen wunderbaren Blick übers weite Meer hat, und spielen auf Tsouras und Bouzouki alte Rebetikos.

Novemberlicht. Anafi

Ich gehe mit. Agapia hat offenbar ihr ganzes Leben auf Anafi verbracht. Sie wirkt so in sich ruhend und zufrieden, wie sie dort, die Hände im Schoß ruhend, auf der Bank neben ihrer Küche sitzt und mit ihrer Cousine plaudert, so sehr am richtigen, an ihrem Ort. Nur Zahnschmerzen plagen sie seit einigen Tagen, sagt sie, und ihre Wange ist davon geschwollen. Einen Zahnarzt findet man auf Anafi wohl nicht. Früher oder später wird sie nach Santorini oder gleich in die Hauptstadt reisen müssen, um ihre Schmerzen behandeln zu lassen.

Lässt sich heute lieber von der Seite fotografieren: Agapia im Astrachan. Anafi, Chora

Das allerdings hält sie nicht davon ab, Süßes zu backen und neben einem dampfenden Kaffee, steht bald ein köstlicher Brocken aus Schokolade und Nüssen vor mir. Wie diese köstliche Gebäck heißt, habe ich vergessen, aber sie hat es eben erst selbst gemacht und es schmeckt ganz wunderbar.

Wir unterhalten uns ein wenig. Agapia spricht nur griechisch und ich keines, aber ich verstehe hier und da ein Wort und Karsta fasst für mich zusammen. Agapia sagt, die Wellen am Kleisidi Strand seien heute nicht so heftig und sie erklärt, wie man den guten Safran erkennt, den dunkel leuchtenden, „wilden“ Safran, der als Gewürz genutzt wird. Der, so lerne ich, unterscheidet sich sehr von dem, der sich in kleinen Teppichen über die Hügel zieht. Ich verstehe nun endlich, warum sich niemand so recht für diese Blüten interessiert.

Agapias Mann Tzortzis ist ebenfalls zuhause, liegt aber drinnen und schläft. Er ist heute Morgen schon früh hinaus zum Fischen gefahren und ruht sich nun aus.

Ich bin Karsta und Stefan wirklich dankbar, dass sie mich mitnehmen zu den Leuten, für die ich sonst, wie einige Tage zuvor auf Thirasia, sicher nur ein merkwürdiger Fremder bliebe. Mit Manolis allerdings haben wir auch heute Pech. Als wir den Weg fortsetzen und bei seinem kleinen Haus ankommen, rührt sich wieder nichts. Er ist nicht da. Allerdings hängt frisch gewaschene Wäsche an der Leine. Kein Grund also, sich um den alten Mann zu sorgen.

Unsere Wege trennen sich, bald bin ich über den steilen Fußweg unten am Hafen angelangt. Auch wenn der Ort keinen Namen trägt und nicht als eigenständiges Dorf durchgeht, stehen hier eine Kapelle und ein paar Häuser, darunter die Taverne Akrogiali, auch als „Popis Restaurant“ bekannt, womit ein Hinweis auf jene alte Dame gegeben ist, die, so hörte ich, vor vielen Jahren die Erste war, die auf Anafi Zimmer vermietete und hier unten am Anleger nun noch immer wirkt und arbeitet. Das muss aufregend gewesen sein, wenn man hier als Reisender vor vielen Jahren mit einer Handvoll Drachmen in der Hosentasche gestrandet war, in Zeiten, da noch nicht jeder Meter der Insel vorab im Internet betrachtet werden konnte und man vielleicht nicht einmal vorher anrufen konnte, um zu fragen, ob auf Anafi überhaupt ein Zimmerchen zu haben wäre. Denn wer hatte hier draußen schon ein Telefon. Hach.

Heute gibt es auf Anafi sogar eine Bank – oder so etwas ähnliches.

Popis Haus. Anafis erste Touristen landeten hier. 

Wenn ich schon mal da bin, möchte ich natürlich auch einen Blick hineinwerfen. Ich habe Glück, die Tür steht offen. Drinnen sitzt ein älteres Ehepar am Tisch. Popi und ihr Mann? Daneben eine Jüngere, die die Tochter sein könnte. Es riecht nach Fisch und hinten am Herd tänzelt eine kleine Flamme unter einem großen Topf. Die drei blicken mich an. Ich frage, ob geöffnet sei und als die Jüngere bejaht, setze ich mich. Allerdings nach draußen, auf die Veranda, da ich mir nicht ganz sicher bin, ob man bei Popi heute wirklich mit einem Gast gerechnet hat und ich nicht grad eher wieder in ein privates Mittagessen gestolpert bin.

Einen Choriatiki und eine kühle Limo bekomme ich aber ohne Weiteres. Das Meer vor mir rauscht heftig und platscht gischtig über den Beton. Schade, dass man dieses Stück Weg asphaltiert hat. Wie es hier wohl vor 20, 30 Jahren ausgesehen hat? Es ist nett hier unten. Für die Übernachtung außerhalb der Saison bietet sich aber weiterhin eher die Chora an – zumindest, wenn man während seines Aufenthalts mehr als fünf Gesichter sehen möchte.

Was braucht’s zum Glück? Nicht viel mehr. Anafi, Hafen

Ich schlendere noch zum Anleger weiter. Morgen früh werde ich von dieser Stelle aus wieder abfahren. Nach Syros, wie ich gerade entschieden habe. Ein paar Kaikis liegen auf dem Trockenen und warten auf Reparatur oder einen frischen Anstrich. Ein Angler versucht sein Glück.

Hafen, Anafi

Auszeit. Hafen, Anafi

Das Inselphantom

Dann wird es Zeit für meine Tagesmission: Christian finden, den Insel-Guru, der „am Strand“ und „in einem Wohnwagen“ leben soll. So viel weiß ich. Ich trotte also vom Hafen die Inselstraße wieder hinauf, vorbei an der Kapelle und dem ewig brummenden Dieselgenerator, zurück zu der Stelle, wo der Fußpfad zum ersten der Strände abgeht, die sich an der Südküste entlangziehen. Es sind die Strände, an denen ich bei meiner Wanderung zum Kalamos entlang gekommen bin. Heute aber halte ich Ausschau nach Christians Zuhause und gehe auch zu den vorderen Strandabschnitten, die ich gestern ausgelassen hatte.

Oberhalb des Hafens beginnt der Fußpfad zu den Stränden

Kaum habe ich den ersten Hügel erklommen, stehe ich in einer Herde Ziegen. Eine Frau ruft und treibt einige der jüngeren Tiere zurück zu den anderen, die bräsig im trockenen Gebüsch weiden. Sie lächelt mich an. Einige Meter weiter steht ein Mann. Er wirkt belustigt und gemütlich, wie er da ruht auf seinem Hirtenstock. Er grüßt. Ich komme nicht umhin und versuche, ein Gespräch vom Zaun zu brechen – natürlich wiederum wohlwissend, dass er vermutlich kein Englisch und ich noch immer kein Griechisch spreche. Aber die Offenheit macht’s – es ist erstaunlich: Wir führen für mindestens 5 Minuten einen Dialog über das Wetter, seine Herde, den riesigen Ziegenbock, die Unterkunft bei Matheus und Berlin. Ohne dieselbe Sprache zu sprechen. Fürs Foto wirft sich der Gute in Position und lacht schallend. Sein durchdringendes Organ ist beeindruckend und wahrscheinlich beruflich bedingt. „Obelix“, wie ich später höre, wird er genannt. Das passt. Wir ziehen wohlgemut unserer Wege.

Herr der Ziegen! Anafi

Bald entdecke ich den Wohnwagen wieder, den ich gestern auf dem Weg zum Kalamos gesehen hatte. Hier wird er wohl wohnen, der Eremit. Ich nähere mich, sage seinen Namen und warte auf eine Reaktion. Als sich nichts rührt und ich näher komme, sehe ich, dass der alte Campingwagen völlig in sich zusammengefallen ist. Wenn hier mal jemand gewohnt hat, dann ist das lange her. Hier kann es nicht sein. Ich gehe wieder hinunter ans Wasser, die Buchten entlang.

Und dann habe ich ihn gefunden. Zumindest seine Wohnstatt. Ein einfaches Igluzelt steht zwei Strandabschnitte weiter unter einer Tamariske. Ein Batiktuch liegt davor über einige kleine Felsen ausgebreitet, so dass es beinahe einen Sessel ergibt, samt Armlehne und Ausblick aufs weite Türkis. Ein kleiner Pfad führt vom Wasser hinauf zum Zelt. Das ist zwar kein Wohnwagen, aber irgendwer hat sich hier eingerichtet. Wildcamper habe ich keine gesehen – geschweige denn überhaupt irgendeinen Touristen, der es sich hier am Strand hätte gemütlich machen können. Vielleicht also so etwas wie Christians Sommerresidenz?

Stein-Reich, Palast und Thron. Anafi

Nun, da ich mich ihm nähere, werde ich etwas nervös. Was weiß ich eigentlich über diesen Mann? Nichts als dass er denselben Namen trägt wie ich und sicher alles andere als konventionell ist. In Tuch gehüllt oder gern auch nackt, mit Ketten behangen, einen Druidenstab in der Hand, asketisch beinahe, exaltiert aber auch menschenscheu, zurückgezogen. So stelle ich ihn mir, nach allem, was ich gehört habe, vor. Und, klar, er lebt auf Anafi. Außerhalb des Dorfes, in einer schlichten Behausung. Viel einsamer geht es nicht. Hat so jemand ein Interesse daran, mit mir zu sprechen?

Ich räuspere mich mal wieder und rufe und wiederhole… „Hallo?“ Im Zelt rührt sich nichts. Der Eingang ist verschlossen. Ich nähere mich und rufe wieder. „Hallo, hallo?“ Keine Antwort. Er will also nicht. Oder er ist nicht da. Ich überlege… Dies ist immerhin ein öffentlicher Strandabschnitt, Sessel, Zelt und Pfad hin oder her. Ich beschließe also mich an den Strand zu setzen und so lang zu warten, bis Christian entweder aus dem Zelt heraus oder eben zurück nach Haus kommt. Wer möchte es mir verbieten. Und ich habe ja sonst nichts besseres vor. So zücke ich mein Notizheft und mache mir Gedanken. Und Notizen zu meiner Reise. Das Meer, das Licht, das Rauschen. Alles fließt. Durch mich und die Tinte hindurch aufs Papier. Ich könnte Stunden hier sitzen.

Und das tu ich auch…

Und nichts rührt sich…

Und ich gebe auf.

Es ist später Nachmittag geworden. Ich bin wirklich enttäuscht. So wie es aussieht, kann ich Christian nicht finden, auch wenn sich kaum eine dreistellige Anzahl an Leuten auf dieser Insel befindet. Entmutigt schlendere ich zurück über den Hügel, auf dem ich Obelix begegnet war, über die letzten sandigen Wege, bis ich kurz vorm Hafen noch einmal unten am Meer ankomme, einem weiteren Stückchen Strand, an dem ich zwischen den Sträuchern zwei Männer beim Kartenspiel sehe – aber keinen Christian. Oberhalb liegen zwei, drei Häuser, ein Hund bellt und – ein Schatten bewegt sich im bereits dämmrigen Licht langsam auf etwas zu, das wie ein… Wohnwagen aussieht!

Meine Nackenhaare stellen sich auf. Innerhalb einer Sekunde entkomme ich meiner Lethargie und bin wieder völlig euphorisiert. Ich habe ihn gefunden. Und beinahe freue ich mich weniger über diese Tatsache, als über das einfache aber große Glück, dass darin liegt, dass einem am Ende doch alles gelingt, wenn man es sich nur fest genug vorgenommen hat. Und sei es auch nur, dass man an einem Vorabend am Ende der Welt einen alten Mann findet, den man sich bis dahin beinahe selbst ausgedacht zu haben schien.

„Christian?“ frage ich diesmal beinahe entschlossen, als ich zwei Minuten später unterhalb seines am Hügel stehenden Wohnwagens anlange. Ein kleiner Weg führt hinauf. Ich hatte gehofft, ihn noch in seinem Vorgarten zu finden, wo in allerlei halb aufgeschnittenen Kanistern diverse Pflanzen wuchern. Doch die Wohnwagentür ist bereits geschlossen und Christian nirgends mehr zu sehen. „Christian?“ Ich warte. Etwas bewegt sich. Es rumpelt. Es klickt. Und dann blickt mir aus einigen Metern Entfernung ein alter und sehr dünner Mann entgegen, fragend und müde. Er trägt etwas, das wie ein brauner Pyjama aussieht, löchrig und fleckig, an den Füßen dicke Socken.

„Hallo. Bist du Christian? Kann ich zu dir raufkommen?“ ich winke und lächle freundlich. Er ruft zu mir herüber: „Nee!“ Ich bleibe unvermittelt stehen, etwas stutzig. Natürlich erwarte ich nicht, dass mich ein wildfremder Mensch einfach empfängt, nur weil ich eine so unbändige Neugier und Begeisterung für ihn entwickelt habe, allein bei dem Gedanken an die Geschichten, die er mir erzählen könnte. Aber irgendwie hatte ich mir im Vorfeld ausgemalt, dass Christian vielleicht Lust auf eine Unterhaltung hätte – denn viele Leute kommen hier im November ganz sicher nicht vorbei.

Und während ich noch nachdenke, ob ich mich direkt zurückziehe oder doch einen weiteren zögerlichen Versuch machen sollte, mich vorzustellen, fängt er an zu grinsen. „Nee!“ – „NAI – das heißt JA auf griechisch..!“ Reingefallen. Nun grinse ich selbst über mich und meine Einfältigkeit. Aber auch über seinen offenkundig vorhanden Humor. Ich gehe hinauf.

Stillleben

„Setz dich“, sagt er und bietet mir einen Klappstuhl an, während er auf einem wackeligen Schemel Platz nimmt. So sitzt er vor mir, mit kleinen, etwas trüben Augen und brauner, straffer Haut. Christian ist wirklich eine Erscheinung. Seine Haare, sein weißgelber Bart sind lang und verfilzt und geben ihm etwas Ehrwürdiges. Rote Adern ziehen sich durch sein Gesicht und lassen erahnen, dass er nicht bei bester Gesundheit ist. Darauf deuten auch seine langsamen, schwankenden Bewegungen und seine dürre Statur. Doch er strahlt und fragt mich erst gar nicht, was ich von ihm will. Wir reden einfach. Wir reden ohne Umschweife und ich bin ganz und gar eingenommen.

Zu Besuch beim geheimnisvollen Insel-Guru. Anafi

„Ich bin ein paar Tage auf der Insel, oben bei Matheus. Schöne Grüße von Karsta und Stefan“, sage ich in der Annahme, dass sich die drei hier Gelandeten sicher gut kennen würden. Er freut sich und sagt, dass sie sich einige Zeit lang nicht gesehen hätten. Wie oft er wohl hinaufgeht in die Chora? Christian macht den Eindruck, als wäre dies ein großer Kraftakt für ihn.

In Dresden sei er geboren und 71 Jahre alt. Viele Jahre hat er als Künstler, als Maler, gearbeitet. Er hat Kurse gegeben, Ausstellungen gemacht und ein gutes Leben geführt. Mitte der 80er sei er dann ausgebürgert worden aus der DDR, weil er immer und immer wieder eine Ausreiseerlaubnis beantragt hätte und darüber mit dem Staat in Zwist geraten sei. Er ist in Westberlin gelandet, woran er sich mit gemischten Gefühlen zurückerinnert. „Und dann war ich eine Weile in Athen“ erzählt er und wirkt nun etwas nachdenklicher. Was folgt, klingt wie eine angedeutete Liebesgeschichte, wie etwas Entscheidendes in seinem Leben. Es hatte mit seiner Profession als Mallehrer zu tun und bald schon war er in die in der griechischen Hauptstadt lebende Familie seiner Herzensdame eingeführt. Doch ein Happy End war der Geschichte nicht beschert und Christian brach alle Zelte ab. Er flüchtete sich nach Serifos, wo er eine Weile gelebt hatte, improvisiert und ohne festes Zuhause. Und schließlich, vor etwa 30 Jahren, ist er auf Anafi gelandet. Und geblieben.

„Nur im Winter, da bin ich immer nach Bonn zurückgefahren. Da habe ich zuletzt gelebt und dort habe ich immer noch eine Wohnung.“ Ich frage mich – und schließlich ihn – wie es möglich ist, dass er hier in einem schlichten Wohnwagen lebt und in Deutschland eine Mietwohnung halten könne. „Mit meiner Rente“, sagt er und sogleich, dass ihm gerade droht, ebendiese Wohnung zu verlieren. Es hat wohl formelle Probleme gegeben. Aber er habe weder einen Computer noch viel Ahnung von der deutschen Bürokratie und so ist er nun gezwungen, nach Bonn zu reisen, um die Dinge zu klären. Einige Freunde aus Wien hätten signalisiert, ihm bei dieser Angelegenheit zu helfen.

Ich kann mir nun vieles vorstellen, kaum aber, wie dieser schmächtige Mann mit seinen trüben Augen, der sich so fernab eingerichtet hat auf seiner Insel, in seinem Wesen, hier im Wohnwagen, am Hang über dem Meer mit Blick auf das Nichts – wie also dieser Mann mit dem Flugzeug nach Deutschland reist, um dort gegen die Windmühlen des hiesigen Bank- Rechts- und Mietwesens anzukämpfen. Und eigentlich auch kaum, warum er jemals wieder einen Fuß in dieses Land setzen sollte.

Der alte Mann und das Meer. Eine eindrucksvolle Begegnung.

„Möchtest du ein Bier?“ fragt er und als ich bejahe, erhebt er sich ächzend von seinem Hocker, greift einige Male ins Leere, bevor er sich an der über ihm hängenden Wäscheleine hochzieht und langsam in den Wagen steigt. Er lacht. „Ich sehe nicht mehr so gut… und überhaupt, die Gesundheit“. Ich sage, dass ich das verstehe und auch älter werde. Darüber kann er freilich nur lachen. Drinnen steht ein einfaches Bett. Und natürlich kein Computer. Auch kein Fernseher. Und vielleicht nur ein Radio. Er kommt zurück mit einem sehr trüben Glas und schüttet mir die Hälfte eines Mythos ein. Die andere trinkt er direkt aus der Flasche. Wir stoßen an.

Ich frage ihn, ob wir ein paar Fotos machen könnten, bevor es ganz dunkel würde, und erzähle, dass ich über die Inseln schreiben möchte und auch über ihn. „Na klar“ sagt er und steht noch einmal auf, um sich vor dem Meer fotografieren zu lassen.

„Ich gehe nicht mehr so oft hinauf ins Dorf“, erzählt er mir schließlich, während wir gemeinsam trinken. „Als ich zuletzt oben war und wieder die Straße hinuntergelaufen bin, gab es einen fürchterlichen Sturm. Es waren so starke Böen, dass ich fast weggeweht bin.“ Ich bin geneigt zu grinsen. Auch Christian lächelt. Aber er ist so dünn, dass ihm anzusehen ist, dass es tatsächlich ein Kraftakt für ihn gewesen sein muss. „Ich bin dann oben zu diesem Bushäuschen gegangen, hast du das gesehen?“ Ja, es steht auf halber Strecke zur Chora an der Kreuzung Richtung Kloster eines. „Dort habe ich dann die Nacht verbracht und gefroren und geschlafen, weil ich einfach nicht weiter gehen konnte“.

Beinahe noch wunderlicher ist die Geschichte, die er dann erzählt. Wie er sich einmal im Sommer von einem der Fischer auf die gut 4 km entfernte, unbewohnte Insel Ftena hat übersetzen lassen, um den Reisenden zu entgehen, die die Strände zu dieser Zeit bevölkerten. „Ich mag keine Menschenansammlungen“. Allerdings hatte man ihn bald wohl ganz vergessen und als irgendwann seine Vorräte zu Ende gegangen waren, musste er erst mit Rauch und Feuer auf sich aufmerksam machen, um wieder nach Anafi herübergeholt zu werden.

Wir reden noch lange Zeit und ich bin völlig eingenommen von der Aura dieses Mannes, der im Halbdunkeln beinahe jugendlich wirkt mit seiner glatten Haut und der schmalen Statur. Der sich vor langer Zeit von seinem alten Leben losgesagt hat und so vieles zu erzählen hat. „Ich hoffe, ich halte dich von nichts ab“, werfe ich irgendwann ein. Er lacht. „Wovon denn?“

Jedes Wort sauge ich auf. Ich spreche ihn noch auf das Schlagzeugbecken an, das an seiner Wäscheleine hängt und beständig leise im Wind klimpert. „Das“, sagt er, „ist mein persönlicher Tribut an Charlie Watts, den Schlagzeuger der Rolling Stones. Ich liebe diese Band.“ Vor einiger Zeit, vielleicht war es sein Geburtstag, hat es eine Überraschung für Christian gegeben. Im Kafenio bei Margarita hatte man auf großer Leinwand und über die Stereoanlage eine Konzert-DVD der Stones abgespielt. Das, sagt er mit strahlenden Augen, sei das Größte gewesen und er denkt noch oft daran. Er wünschte, dass man das noch einmal wiederholen könnte.

Mehr als das aber wünscht er sich, dass er noch seinen 72. Geburtstag erleben darf. „Hier auf Anafi, auf meiner Insel.“

Luna wacht auch heute Nacht. Anafi, auf dem Weg hinauf in die Chora.

Ein Tanz hinterm Tomatenstrauch

Im Stockfinstern steige ich zwei Stunden später den Weg hinauf zur Straße, die hoch zur Chora führt. Der Mond steht am klaren Himmel und lässt das Wasser unten funkeln, dort, wo Christians Wohnwagen steht. Ich bin dankbar und glücklich und stehe noch ganz unter dem Eindruck des Gesprächs. Und ich komme nicht umhin, einmal mehr diesem Land, den abgelegenen Inseln in der Ägäis, der Stille der Orte eine Kraft zuzuschreiben, die wie eine merkwürdige Psychomagie tief eindringt in ein Unbewusstes, das in mir ist und das scheinbar nur hier, zwischen Licht, Wellen und Düften sein merkwürdig-wunderbares Werk tun kann.

Wie herrlich passt es da, als mich, kaum in der Chora und bei Matheus‘ Haus angekommen, der Klang der Tsouras begrüßt…

„In an abandoned courtyard / Under the window / The witches and the gypsies / Put up their tents.“

Karsta und Stefan sitzen drinnen. Es geht auf Dezember zu und die Abende werden auch Anafi kühler. Ich klopfe und gehe hinein zu den beiden, um mich zu verabschieden. Ich erzähle ihnen von meinem Tag und von meiner Begegnung mit Christian. Ich hab außerdem Karstas Anafi-Buch dabei, dass sie mir zwei Abende vorher gegeben hatte, als ich sie bat, es mir anschauen zu dürfen. Es ist das Buch, von dem mir Andreas Deffner erzählt hatte, bevor ich nach Anafi gefahren bin. Eine letzte zerlesene Kopie fand sich unterm Bett.


Leseglück! „Anafi“ von Karsta Lipp

Der Blick, mit dem Karsta die Insel auf ihren Fotos einfängt, ist ebenso wunderbar wie die Worte, die sie über das Spiel auf der Tsouras gefunden hat. Komplett in schwarzweiß gehalten, finden sich hier Porträts und Szenen von einer schlichten Poesie, so unspektakulär und still im besten Sinne wie Anafi selbst. Ein Paradies, das aus seiner in sich selbst eingeschlossenen Ruhe besteht und nicht aus Übermaß. Ein Raum, ein zufälliger, fast geheimer Ausschnitt der Welt aus friedlichen Gesichtern, Spiritualität und archaischer Landschaft. Die Fotografien aus diesem Bildband haben sich schon mit meiner Erinnerung an Anafi verbunden, als ich am Abend zuvor das Buch zum ersten Mal aufgeschlagen hatte.


Mehr Infos über zum Buch findet ihr hier.

Ein kleiner Traum geht an diesem Abend noch in Erfüllung: Meinen ersten „magischen“, griechischen Moment hatte ich erlebt, als ich auf dem Weg nach Ikaria war und dann stattdessen ein paar stürmische Tage auf Paros verbracht hatte. In einer Taverne am Fischmarkt, deren Namen ich damals nicht lesen geschweige denn mir merken konnte, saß ein Häuflein alter Männer und sang zu den Weisen, die ein nicht weniger alter Mann in der Ecke auf seinem Instrument zum besten gab, eben seiner Bouzouki oder Tsouras. Den Unterschied hätte ich damals ebenso wenig benennen können. Jetzt, bei Karsta und Stefan, halte ich das erste Mal selbst ein solches Instrument in der Hand. Natürlich habe ich keine Ahnung, wie und was ich spielen soll. Aber ich überlasse mich der Intuition und in den kommenden 20 Minuten musizieren wir zusammen, und während ich mich, begeistert von dem, was da aus meinem Handgelenk kommt, an 9/8-Takt und kleinen Melodien versuche, erwecken die beiden zweistimmig die alten Tänze und Lieder zum Leben – vom wartenden Liebhaber am Tomatenstrauch, den Verstoßenen in den Haschischhöhlen am Hafen und unerwiderter Sehnsucht.

Schöner könnte meine Reise nicht enden.

Mehr Lichter als auf der ganzen Insel: Die Aqua Jewel kommt mich holen.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es noch stockdunkel. Um 7 Uhr legt die Aqua Jewel ab, jene Fähre, die mich vor einigen Tagen auf Thirasia aufgelesen hatte. Immerhin hat sie diesmal wirklich angelegt und das schon am Vorabend, wie ich oben von meiner Veranda aus unschwer erkennen konnte. Latente Hektik befängt mich dennoch, als ich die Tür hinter mir zum letzten Mal schließe, denn was mir noch fehlt, ist ein Ticket. Wie immer gilt es, sich ein Stück weit auch auf Rationalität und Glück zu verlassen. Noch bin ich von jeder Insel fortgekommen.

Ich haste im tiefen Blau der Morgendämmerung den Fußpfad zum Hafen hinunter. Die Lichter der Aqua Jewel strahlen mich aus der Ferne ungeduldig an. Merkwürdig. Hatte sich die Straße unten am Hafen gestern auch so lang am Meer entlang gezogen? Als ich Popis Taverne passiere, lege ich einen Zahn zu und jogge. Okay, es sind noch 20 Minuten, bis die Aqua Jewel die Leinen losmacht. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass eine Fähre eher ablegt in der Annahme, dass der letzte angekündigte Bewohner und Fahrgast mittlerweile auf dem Schiff sei und dass sich zu dieser Jahreszeit ohnehin kein Fremder mehr auf der Insel befände.

Aber natürlich geht alles gut. Ich bekomme am Ticket-Häuschen am Pier für 19,50 Euro meine Fahrkarte nach Syros und stehe, kurz bevor wir ablegen, allein oben an Deck. Eine Handvoll weiterer Passagiere ist mit an Bord gekommen und verbirgt sich im Inneren der Aqua Jewel. Es wird jetzt zusehends heller und die Konturen der Insel treten hervor.

Hafen und Kalamos. Anafi

Als wir dann wirklich losfahren, ist der Kalamos deutlich zu sehen. Er überragt wie ein fremdartiger Herrscher die Rückseite der Insel. Ist es ein freundlicher Gruß, den er mir herüber ruft oder eher eine beleidigte Drohung, weil ich es vorgestern gewagt hatte, ihm auf den Kopf zu steigen? Die Straßenlaternen künden noch von der gerade vergangenen Nacht, als wir um die Insel fahren und der Hafen aus meinem Blick verschwindet.

Die Chora im ersten Licht. Anafi

Dafür aber gestattet mir das blasse Morgenlicht noch einen letzten Blick auf die Chora oben am Berg. Von hier sieht das Dorf sehr klein aus und jedes einzelne Haus wirkt wie ein steingewordenes Kapitel über seine Bewohner und Erbauer. Die ganze Geschichte, die sich daraus ergibt, kennen nur die Leute von Anafi.

Aber einen kurzen Blick habe ich hineinwerfen dürfen.

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