Wie mir eine Kirche morgens einen Abschiedsgruß schickte und ich abends im Zickzack gen Himmel rannte, was sich hinter den Türen des verlassenen Hauses befindet und wie die Tante verschollen blieb aber Irini mich Tag und Nacht willkommen hieß: Frühlingsanfang auf Folegandros.

Besucht: 25. – 28. März 2017

  • südliche Kykladen
  • Einwohner ca. 750
  • 32 km²

Keine Lieder über Liebe

Nachdem ich gegen 19 Uhr aus Berlin über Athen in Piräus angekommen und durch die in abendliches Licht getauchten Viertel der Hafenstadt gezogen bin, um mich auf der Suche nach einem genehmen Abendessen dann doch nur für einen mit Neonröhren ausgeleuchteten Kebab-Store in der Nähe meines Hotels zu entscheiden, der wirkt, als hätte sich der Laden über die Jahre den Zwängen des Marktes unterworfen und sich von einem klassischen Kafenio in die Zentrale eines Lieferdienstes verwandelt, gehe ich satt und zufrieden von Choriatiki und Bier und in Vorfreude des kommenden Tages, der mich nach Folegandros bringen würde, zu meinem Hotel.

In Piräus, so habe ich gelernt, läuft man immer Gefahr, in einem Zimmer zu landen, dessen Fensterfront sich einem jener hafennahen Straßenzüge zuwendet, durch welche die ganze Nacht hindurch in infernalischer Lautstärke die Musik der Clubs dröhnt. Gut beraten ist man also, wenn man sich mittelfristig mit den verschiedenen Möglichkeiten vertraut macht, um sich bei bevorstehenden Reisen, je nach Verfügbarkeit, stets für dieselben zwei, drei erschwinglichen Hotels zu entscheiden, die etwas ruhiger und dennoch in Fußnähe zum Hafen gelegen sind. Ich bin zwar heute zum ersten Mal im „Piräus Port Hotel“, kann es hinsichtlich der oben genannten Kriterien aber tatsächlich uneingeschränkt empfehlen. Mit 30 Euro liegt es in der untersten Preisklasse der nach oben weit offenen Skala – und außerdem in einer angenehm ereignisarmen Seitenstraße.

Auf dem Weg zurück dorthin lasse ich es mir nicht nehmen noch einmal beim „To Steki Tou Artemi“ vorbei zu schauen, jener alten, unscheinbaren Taverne bei den Marktständen, die es mir vor meiner ersten Reise so angetan hatte. Gern hätte ich mich noch auf ein Bier und ein paar Oliven hinein gesetzt, aber für heute Nacht bleiben die Türen verschlossen. Immerhin kann ich die Gelegenheit nutzen, endlich ein Foto von der Außenfassade zu machen, die es dem geneigten Leser einfacher machen soll, selbst ein mal den Weg hinein zu finden.

Hach, da werden Erinnerungen wach. Bei meiner ersten Reise lauschte ich hier dem Rebetiko und dem Singsang eines Grüppchens betrunkener Männer. Hafen, Piräus

Eine Bar, gleich um die Ecke meines Hotels, hat geöffnet und ich höre im Vorbeigehen den leidenschaftlichen Gesang einer Frau. Ich zögere. Durch die beschlagene Scheibe ist zu sehen, dass etwa 30 Leute beisammen sitzen und gebannt lauschen. Während ich noch am Eingang stehe und überlege, ob ich mich dazu setzen solle, tritt ein Mann heran, der mich durch den Türspalt darauf hinweist, dass es sich hier um eine private Feier handelt. Nun gut. Ich betrachte dies als Signal, tatsächlich schlafen zu gehen, und das passt mir im Grunde auch ganz gut. Denn morgen früh um kurz nach 7 sticht mein Schiff in See.

Tag am Meer

Es ist wieder so weit. Mit einer Pünktlichkeit, die mich jedes Mal aufs Neue erstaunt, legt die Fähre – diesmal ist es die orangefarbene Zante-Variante – um 7:15 vom Hafen ab. Als hätte sie jemand eigens für uns bestellt, läuten die Glocken zum Abschied. Ob sie von der Agios Nikolaos oder der Agia Triada herüber rufen, kann ich zwar nicht genau ausmachen, aber die Feierlichkeit, die der Klang diesem Augenblick verleiht, stimmt mich bestens auf mein Vorhaben ein, eine der wohl schönsten der ägäischen Inseln zu besuchen. Folegandros, ich komme!

Blue Star Ferries vs. Zante Ferries. Wir haben das Nachsehen, aber dafür auch länger was von der Aussicht. Vor der Halbinsel Attika

Ganze zehn Stunden wird die Überfahrt dauern, bei dir wir unter anderem Kythnos, Serifos und Milos passieren. Es ist stets aufs Neue herrlich, oben an der Reling zu stehen und der geschäftigen Aktivität am Hafen zuzuschauen, wenn die Fähre anlegt. Jetzt im März ist natürlich weit weniger los als im Sommer, wenn auf manchen Inseln Hunderte von Touristen rund um die Wartebereiche am Kai in der Sonne darben, um auf Kommando die Fähre und schließlich die Stühle und Bänke an Deck zu stürmen. Umso schöner aber lässt sich heute der ganz normale Alltag beobachten, wenn sich Verwandte auf Familienbesuch zu Begrüßung oder Abschied in den Armen liegen und heiß erwartete Post, Lebensmittel und sonstige Einkäufe von einer Hand in die andere wechseln.

Da liegt es, das gelobte Land. An der charakteristischen Spitze links, auf der sich Chora und die Kirche Panagia befinden, ist es leicht zu identifizieren. Vorne zu sehen sind letzte Ausläufer der Siedlung Ano Meria. Zante Ferries, zwischen Polyegos und Folegandros 

Um 17 Uhr, nachdem ich bald zehn Stunden bei angenehmen 20 Grad draußen an der Sonne verbracht habe, legt die Fähre schließlich im Hafenort Karavostasis auf Folegandros an. Wie bei den meisten kykladischen Inseln handelt es sich hier nicht um den Hauptort des Eilands, die sogenannte „Chora“, sondern um den oft kleineren Hafenort. Aufgrund von Jahrhunderten der Überfälle durch Piraten haben sich die Bewohner auch auf Folegandros in die schwerer zugänglichen Hügel im Inselinneren zurückgezogen, wo sie ein festungsartiges und verwinkeltes Dorf mit geschützten Außenmauern aufbauten. Das „Kastro“, der von Wehrmauern geschützte, alte Kern der Chora, ist auf Folegandros komplett erhalten.

Wenn’s beim Postamt zwei mal klingelt

Am Hafen wartet praktischerweise ein Bus, der die Ortschaften auf Folegandros miteinander verbindet, was ein sehr überschaubares Netz ergibt: Karavostasis → Folegandros (Chora) → Ano Meria und zurück. Mehr Dörfer sind auf der Insel mit ihren kaum mehr als 700 Einwohnern nicht zu finden. Es gibt einen offiziellen Busfahrplan, der an den Ortseingängen tagesaktuell mit Kreide auf Tafeln vermerkt wird. Dabei kann man kann sich relativ sicher darauf verlassen, dass der Fahrer des einzigen Busses der Insel seine Fahrten stets auf die Ankunft der Fähren eingerichtet hat, sofern diese nicht laut Plan erst zu allzu später Stunde eintreffen. Wer also an- und abreist, wird in aller Regel Gelegenheit finden, den Bus entsprechend abzupassen.

Die beiden anderen Touristen, die gerade mit mir von der Fähre gekommen sind – offenbar Vater und Sohn aus Frankreich – und drei Einheimsche steigen ein und schon geht’s hoch in die Hügel.

Ein Bus, Platz für 12 und laute Musik. Guter Start! Karavostasis, Folegandros

Heute endet die Fahrt bereits in Folegandros, der Chora, die denselben Namen trägt wie die Insel. Wer ins 5 km weiter gelegene Ano Meria will, muss offenbar bis morgen warten. Oder laufen. Die Endstation des Busses liegt wenig charmant auf einer asphaltierten Fläche am Ortseingang, gleich hinterm Postamt, neben dem sich ein Sportplatz mit grünem Hartgummiboden erstreckt. Doch der Eindruck wird sogleich relativiert, als sich nach wenigen Metern Straße der Blick auf die Panagia-Kirche – gewissermaßen das Wahrzeichen der Insel – und die ersten beschaulichen Häuser des Ortes öffnet. Zu denen gehört auch mein Hotel „Evgenia Rooms“. Mit 40 Euro die Nacht ist das Zimmer im Erdgeschoss am Ortsrand und ohne besonderen Ausblick für die Nebensaison zwar nicht ausgesprochen günstig, dafür aber in gutem Zustand und relativ geräumig.

Zunächst einmal stehe ich aber vor verschlossener Tür. „Reception“ steht daran geschrieben, doch auch auf mehrfaches Klopfen hin bleibt es still. Auch der Rest des Hauses mit seinen fünf, sechs Zimmern scheint unbewohnt. Weitere Hinweise sind am Eingang nicht zu entdecken. Zum Glück hat jemand das Internet erfunden. Ich rufe meine Buchung bei dem großen Portal mit dem blauen App-Button auf und klicke „Unterkunft kontaktieren“. Tatsächlich ploppt eine Telefonnummer auf und kurz darauf habe ich eine Frauenstimme in der Leitung, die mich etwas irritiert fragt, wann und wo ich denn mein Zimmer gebucht hätte, um mir dann mitzuteilen, dass sie im Augenblick gar nicht auf Folegandros, sondern in Athen sei. Ihr Bruder allerdings wäre auf der Insel und würde sich sogleich auf den Weg machen um mir aufzuschließen.

So setze ich mich vor die Tür in die Abendsonne, warte 10… 20 Minuten. Und endlich rollt er heran, der Bruder, auf seinem knatternden Zweirad und gewährt mir Einlass. Ich bin zufrieden, zahle die 80 Euro für zwei Nächte in bar, werfe meinen kleinen Rucksack aufs Bett und mache mich sogleich auf den Weg, um noch vor Sonnenuntergang oben an der Kirche Panagia zu sein, von der man einen tollen Rundumblick haben soll.

Na, das sieht doch ganz vielversprechend aus. Ein kurzer Blick um die Ecke und dann flugs die Treppen zur Panagia hinauf!

Einigermaßen erstaunt scheint mein Vermieter noch, als ich ihm meinen kurzen Aufenthalt im Ort erkläre und erzähle, dass ich die dritte Nacht in Ano Meria verbringen möchte. „No, there’s nothing open at this time of the year“, versichert er mir. Ich sage ihm den Namen der Unterkunft und es stellt sich heraus, dass diese seiner alten Tante gehört. Um so sicherer ist er, dass ich vor verschlossenen Türen stehen werde, denn die Tante würde nur im Sommer vermieten. Jetzt seien ja für Wochen quasi keine Touristen auf der Insel. Nun, das lässt sich doch sicher zu gegebener Zeit klären, denke ich mir. Die verschlossene Tür hat sich ja auch heute für mich geöffnet. Und dass ich das letzte Mal unfreiwillig unter freiem Himmel geschlafen habe, ist sicher schon 15 Jahre her. Na, selbst wenn… Wir verabschieden uns.

Im Zickzack gen Himmel

Ein gewisser Ruf eilt den Treppen voraus, die sich so charakteristisch im Zickzack den Hügel hinaufziehen, dass man Folegandros allein daran aus der Ferne erkennt. Aber die Spannung auf den Ausblick verleiht Flügel und wenige Minuten später bin ich oben an der Kirche angekommen. Bis zum Sonnenuntergang ist es noch ein wenig hin und so schaue ich, ob die Panagia geöffnet ist, damit ich einen Blick hineinwerfen könne. Doch schon das Eingangstor zum Hof ist verschlossen. Und so lasse ich den lieben Gott einen guten Mann sein und die Kirche in Ruhe. Stattdessen suche ich mir am steilen Hang ein Plätzchen zum Sitzen und knipse kurz darauf dieses entzückende Szenario:

Die weißbemalten Felsen rechts verweisen auf die unmittelbare Nähe zur Kirche, das weiße Dorf weiter unten auf die unmittelbare Schönheit dieser Insel: Folegandros, Chora

Der Himmel färbt sich rosarot und geht sogleich in ein warmes Rotorange über, das den Beginn der Nacht markiert. Mir stockt der Atem von der Schönheit der Szenerie und ich weiß schon jetzt, so kurz nach der Ankunft, dass ich in Folegandros ein kleines Paradies gefunden habe. Kaum ein Laut ist jetzt zu hören, nur einzelne Stimmfetzen aus dem Dorf und ein fernes Rauschen, das von den Wellen, die unten auf die Felsen rollen, zu mir weht. Weit hinten auf der Insel ist die Siedlung Ano Meria zu erkennen, zu der ich am dritten Tag wandern werde, noch weiter, rechts, die unbewohnte Insel Polyegos. Und gleich dort, wo die Sonne versinkt, der 750 Meter hohe Berg Profitis Ilias auf Milos.

Auch auf der anderen Seite ergießt sich ein beeindruckendes Farbszenario über den abendlichen Horizont. Wie weit man hier schauen kann…

Der Abendhimmel an der Panagia, hinten am Horizont Santorini – ich weiß schon, wo ich jetzt lieber bin! Folegandros, Chora

Zurück hinunter ins Dorf. Die Wildblumen zu dieser Jahreszeit ließen jeden deutschen Hobbygärtner in Ehrfurcht erstarren… Folegandros, Chora

Ich laufe in der Dämmerung zurück nach unten ins Dorf und nehme in meinem Apartment, gleich unten am Fuß der Treppe, eine heiße Dusche. Dann ziehe ich los, um mir die Chora anzuschauen und etwas zu essen. Für Fotos ist es jetzt zu dunkel, aber ich weiß ja, ich werde gleich morgen früh wieder aufbrechen und kann mich dann in Ruhe all den schönen Ecken widmen, die da warten, entdeckt zu werden.

Nicht viele Tavernen haben zu dieser Jahreszeit geöffnet. Um genau zu sein, sind es zwei, die sich am Durchgang zwischen zwei Plätzchen gegenüber liegen und zudem noch von derselben Bedienung versorgt werden. Wird hier außerhalb der Saison effizient Personal gespart? Sind es zwei familiär geführte Stätten, durch Hochzeit verbunden? Oder ist’s am Ende doch ein und dieselbe Taverne, deren Fläche sich über die Jahre bis auf die andere Straßenseite und ins gegenüberliegende Haus erweitert hat? Ich entscheide mich jedenfalls für die Variante auf der linken Seite des Weges, das „Chrisospilia“, wenn ich es richtig rekonstruiere. Nett ist’s hier, mit Sicht auf einen der kleinen Plätze in der Chora, für deren Schönheit die Insel unter Reisenden bekannt ist. Aber um draußen zu sitzen ist es zu kühl und zu windig. Ich esse eine mit Feta überbackene Aubergine, bekomme danach ein beinahe unpassend galant anmutendes Dessert spendiert und folge nach dem Verlassen der Taverne dem leisen Wummern von Rockmusik, das ich drei Häuserecken weiter vernehme. Es führt mich direkt in die „Loggia“ Bar, in der ich mich sogleich unter die einheimischen Tavli-Spieler mische und am Ende dieses langen Tages dort ankomme, wo ich mich am wohlsten fühle: Verschluckt im Nirgends eines kleinen Fleckchen Lands, draußen im Meer…

Falls jemand nach mir fragt… ich meld mich nächste Woche! Folegandros, Loggia Bar

Hinter Piratenmauern

Am nächsten Morgen schließe ich gegen 10 die Tür zu meinem Apartment ab, um mir die Chora genauer anzuschauen. Es ist Sonntag, und nachdem ich direkt an der Gasse, die ins Dorf führt, das Café „Thema Chronou“ entdecke, in dem ich mich mit Sandwiches, frisch gepresstem Orangsensaft – die Orangen besorgt die Wirtin dafür flugs im Dorfladen um die Ecke – und Kaffee versorge, nimmt mich die Atmosphäre des ersten Platzes sofort gefangen. Vögel zwitschern und über einen Lautsprecher wird der orthodoxe Singsang aus der Kirche Agia Aikaterini nach draußen übertragen. Das erste Grün sprießt an den Bäumen. Ich bleibe eine Weile sitzen, genieße die warmen Sonnenstrahlen, den Kaffee und die schlichte Tatsache, an diesem Sonntagmorgen hier sein zu dürfen.

Mein Blick fällt schließlich auf ein kleines, hölzernes Hinweisschild mit dem Wort „Kastro“, das auf einen Durchgang zeigt. Hinter dem verbirgt sich dann auch tatsächlich der Jahrhunderte alte Kern der Chora. Um diese Häuser zu schützen, wurde einst die große Wehrmauer gebaut, durch die ich soeben gestiegen bin. Die eng aneinander gebauten kleinen Häuser mit ihren steilen Treppen haben hier an den hohen Klippen der Insel die Zeiten unter venezianischer, osmanischer und russischer Herrschaft überdauert.

Merkwürdig. Hier wäscht am Sonntag scheinbar niemand sein Auto… Folegandros, Chora-Kastro

Im Wesentlichen besteht das Kastro nur aus zwei Straßenzügen. Aber zusammen mit den umliegenden Häusern, seinen verwinkelten Gassen und den wunderschönen kleinen Plätzen fügt sich die Chora zu einem beinah klischeehaft schönen Beispiel für ein kykladisches Dorf zusammen. Kein Wunder, dass immer mal wieder die Rede von der „Puppenstube“ ist, wenn von Folegandros gesprochen wird. Hier erfüllen sich die Sehnsüchte derer, die die Inseln der Ägäis bislang vor allem als Postkartenmotiv kennen.

Es geht bergab

Für den Nachmittag habe ich mir vorgenommen, einen ganz allgemeinen Eindruck von der Insel zu gewinnen. Nachdem ich den Teil zwischen Hafen und Chora ja bereits gestern ein Stück weit aus dem Bus zu sehen bekommen hatte, stapfe ich also in die andere Richtung aus dem Ort hinaus. Die einzige Straße auf dieser Seite führt nach Ano Meria, aber da ich mir dort erst für den morgigen Abend ein Zimmer gemietet habe, möchte ich mir die Besichtigung dieses dritten und letzten Ortes der Insel noch einen Tag aufsparen. Bei nächster Gelegenheit biege ich also links von der Straße in die Felder ab. Hier geht ein alter Pfad den Hang hinab auf die Küste zu.

So kurz nach Frühlingsbeginn ist die Insel bereits übersäht von Grün und Blüten. Folegandros

Da ich das griechische Festland und die ein oder andere Insel bisher vor allem im Sommer oder Herbst erlebt habe, staune ich über die satte und üppige Vegetation. Statt trockener, heißer Landschaften aus Fels und immergrünem, hartem Buschwerk bietet das Panorama sanft anmutende Wiesen, die man so auch in den Schweizer Alpen verorten könnte. Nur Edelweiß sucht man hier wahrscheinlich vergeblich. Vom Weg aus lassen sich die vielen terrassierte Hänge erkennen, die auf die lange, landwirtschaftliche Geschichte der Insel verweisen. Aus diesen Tagen stammen sicher auch die Pfade, denen ich jetzt folge. Man kann sich direkt vorstellen, wie hier einst der ein oder andere Bewohner auf seinem Esel vorbei gekommen ist. Und manch einer ist sogar heute noch so unterwegs.

Beste Aussichten! Folegandros

Auf der digitalen Karte entdecke ich einen kleinen Strand, der unterhalb des Hanges liegt und den ich kurzerhand zu meinem Ziel küre. Da es so vor allem bergab geht, komme ich schnell voran und lege bald eine erste kleine Pause ein, um bei allem Wandereifer nicht doch noch in Ano Meria zu landen. Ein idyllischeres Plätzchen als den im Schatten des Olivenbaums an der kleinen Christos-Kapelle mit dem hübschen Beinamen „Zur Verklärung Des Herrn“ wird man auch sicher so schnell nicht finden.

Verklären muss man hier eigentlich nicht viel. Es ist schon von selbst schön genug! Folegandros, Weg zum Fira Strand

Von hier an wird der Weg unübersichtlicher. Von einem Spaziergang kann keine Rede mehr sein, wenn man an den porösen, erdigen Abhängen eines Flussbetts herunterklettert, in dem sich beizeiten das Regenwasser seinen Weg ins Meer bahnt. Der Lauf hat sich tief in die Erde gegraben, Felsen ausgewaschen und ist von allerlei struppigem Gebüsch bewachsen. Nach einigen Minuten kann ich aber einen ersten Blick auf den Strand werfen, der vor allem aus großen runden Kieseln besteht und erwartungsgemäß menschenleer ist. Ein verlassenes Haus mit Angelgerätschaften prägt den Eindruck. Ob hier wohl mal jemand gelebt hat..?

Der erste Eindruck mag täuschen – hinter dem Haus zieht sich der Kieselstrand noch ein gutes Stück weiter. Folegandros, Fira Strand

Fira, das ist kein Bilderbuchstrand, für den sich im Allgemeinen der lange Fußmarsch und die Kletterei lohnen. Das beweist schon der Blick auf die nahe Agali-Bucht weiter nördlich mit ihrem Sandstrand und der Handvoll Apartments und Tavernen, die sich drum herum gesellt haben und die wesentlich populärer ist – zumal mit Bus und Auto erreichbar. Aber gerade die relative Abgeschiedenheit und der Klang der Wellen, der das einzige Geräusch an diesem Ort ist, lassen mir Fira geradezu idyllisch erscheinen. Ich werfe Proviant und Klamotten ab und bleibe eine Weile, um den Frühling einzusaugen. Folegandros im März, was besseres kann einem wohl kaum passieren.


Vorn der steinige Strand von Fira. Wer ein wenig klettern kann, erreicht die weiter hinten gelegene Agali-Bucht mit Sandstrand und Bars zu Fuß. Oben auf dem Gipfel ist der Ortsrand von Ano Meria zu sehen. Folegandros

Da die Tage noch immer verhältnismäßig kurz sind, mache ich mich bald auf den Rückweg. Damit sich mir dafür eine andere Szenerie bietet, beschließe ich, über die die Felsen umschließende Bucht nach Agali zu gelangen um von dort aus die Straße zurück zur Chora zu nehmen. Tatsächlich, so stelle ich fest, gibt es auch einen kleinen Fußpfad, der Fira und Agali verbindet. Dort angelangt treffe ich auf ein paar Arbeiter,  die dabei sind, die Gebäude auf die Saison vorzubereiten. Einen Parkplatz gibt es hier, Apartment, Cola-Automaten und Eistruhen. Man kann sich gut vorstellen, wie hier im Sommer das Leben tobt, wenn mal wieder jedes Bett auf der kleinen Insel restlos ausgebucht ist. Wer plant, im Juli oder August Folegandros zu besuchen, der sollte beizeiten buchen.

Der Weg zurück zur Chora über die Straße ist naturgemäß weniger charmant, auch wenn einem zu dieser Jahreszeit kein Fahrzeug begegnet. Während ich mich das gewundene Stück asphaltierten Wegs von Agali hochquäle, entdecke ich, etwas versteckt, einen weiteren, kreuzenden Wanderweg, der scheinbar nach Ano Meria hinaufführt. Ich beschließe, ihn morgen zu gehen. An der Straße angekommen, geht es links zu meinem morgigen Ziel, rechts zurück in die Chora. Es ist mittlerweile windig geworden und mein Handy-Akku neigt sich dem Ende zu, aber ein paar Schnappschüsse von unterwegs kann ich noch machen.

Der charakteristische, spitze Hügel der Chora ist bald wieder in Sicht. Hinten links erstreckt sich Sikinos. Folegandros

Die alten kykladischen Windmühlen, wer liebt sie nicht. Im Gegensatz zu denen von Mykonos und Santorini, dürfen sie auf Folegandros aber einfach ihr Dasein fristen, ohne zum Luxushotel oder Wahrzeichen aufgehübscht zu werden. Folegandros, Chora 

Auch Esel hält man hier nicht als Touristenattraktion, sondern als Verkehrsmittel. Ein bisschen traurig sieht das manchmal schon aus. Folegandros, Chora

Klopfen bei Gott

Nach kurzer Stärkung und Abwerfen meines Proviant-Rucksacks, ziehe ich noch mal durch den Ort und anschließend hoch zur Panagia-Kirche, um sie mir doch ein mal näher anzusehen. Die Gassen sind wie ausgestorben und das, was wohl einmal eine prachtvoll blühende Bougainvillea werden will, ist momentan noch ein braunes Gestrüpp. Zu jeder Jahreszeit aber trösten schließlich die schlichten Häuser mit ihren farbigen Holztüren und Fensterläden, die vielen Blumen, die in irdenen Töpfen die Wegränder säumen und das geheime Leben der Katzen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit, die Wege kreuzen. Es ist erstaunlich, wie ähnlich sich unter diesen Gesichtspunkten die meisten der griechischen Inseln sind, die ich bisher gesehen habe. Aber eben diese Wiedererkennbarkeit und der verlässlich schlichte Charme – zumindest jener Inseln, die noch nicht völlig vom Tourismus eingenommen sind – machen ja den unendlichen Reiz dieser Weltgegend aus.

Sieht zu jeder Jahreszeit charmanter aus als Hannover und Erfurt. Folegandros

Jede unscheinbare Ecke im Ort hat ihren speziellen Reiz. Und ihre Katzen. Folegandros Chora

Das Restaurant geschlossen, die Bäume kahl. Und doch ahnt man schon, wie es hier im Sommer aussehen wird. Folegandros, Chora

Der Weg hoch zur Panagia-Kirche fühlt sich heute fast schon gewohnt an. Kein Wunder, sieht man ihn doch vom Meer aus genauso, wie von allen möglichen Ecken der Insel. Oben angekommen, öffne ich das verschlossene Tor, um an das Gebäude heranzukommen. Ich war mir bisher nicht ganz sicher, ob die Kirche noch genutzt oder sogar als Kloster bewohnt wird. Im Augenblick macht sie aber einen eher verwahrlosten Zustand und kein Mensch ist zu sehen. Die Fenster sind staubig und ein Stapel Stühle steht achtlos am Eingang. Ich klopfe vorsichtshalber an, um auf mich aufmerksam zu machen. Nichts rührt sich. Die Tür is verschlossen. Schade, ich hätte gern einen Blick hinein und auf die Ikone der Schutzheiligen Muttergottes geworfen, die hier jedes Jahr zu Ostern in einer Prozession zu allen Häusern der Insel getragen wird.

Gleich neben der Kirche fällt mir ein Grab ins Auge, das mit einer edel verzierten Marmorplatte verschlossen ist. Georgios Dekavalas sagt die Inschrift. Und das griechische Wort für Priester lässt sich ebenfalls ablesen. Welches Leben der Mann hier wohl geführt hat?

Grabpflege erledigt die Natur hier selbst und in den schönsten Farben. Folegandros, Panagia-Kirche

Was ins Auge fällt (und was ich aus unerfindlichen Gründen nicht fotografiert habe), sind die Teiler fremdartiger Architektur, die in das Mauerwerk der Kirche eingebaut sind. Antike Säulen und kopflose Statuen finden sich hier und lassen auf die lange Geschichte dieser Kirche schließen, deren genaues Erbauungsjahr nicht bekannt ist. In früheren Jahrhunderten diente das Gebäude bereits als katholisches Frauenkloster, doch an selber Stelle hat offenbar auch ein Tempel gestanden, der Artemis und ihrem Bruder Apollon gewidmet war. Entsprechende Inschriften hat man im Fundament entdecken können und diese Tatsache erklärt wahrscheinlich auch das Vorhandensein der erwähnten antiken Elemente im Erscheinungsbild. Eine Form von Baustoff-Recycling, die ich schon auf Paros bewundert habe.

Von hier oben hat man einen tollen Blick über die Insel und ich fasse noch ein mal mein morgiges Ziel ins Auge. Vor dem wolkenverhangenen Horizont sehe ich noch ein mal Ano Meria und freue mich bereits darauf, Neues zu erkunden. Nach meinem Besuch im Chrisospilia gehe ich heute früh ins Bett.

Im Geisterdorf

Am nächsten morgen breche ich früh auf. Nachdem ich mich erneut mit Käse-Tomaten-Sandwich, Kaffee und frischem Orangensaft im „Thema Chronou“ gestärkt habe, kaufe ich noch Bananen, Wasser und Kekse im kleinen Markt am vorderen Dorfplatz. Wie hier einfach die Zeit stehengeblieben zu sein scheint… man muss es selbst erlebt haben. Was man hier einmal Tante-Emma-Laden genannt hat und quasi gar nicht mehr existiert, ist auf den griechischen Inseln noch überall zu finden (in wunderbarer Weise etwa auch auf Sikinos, Schinoussa und Pano Koufonisi). Hier wird alles für den täglichen Bedarf feilgeboten, von der Zahnpasta bis zum Heiligenbildchen. Über der Kasse hängen Fotos der Familie, Blumenkränze und das in grauer Vorzeit erworbene Zertifikat, das zur Führung des Ladens berechtigt. Ein ähnlich schönes Beispiel wird mir heute noch ein mal begegnen.

Jetzt verlasse ich aber schnurstracks die Chora und bin nach wenigen Minuten wieder auf der Straße, die die beiden Ortschaften verbindet. Nach einigen hundert Metern geht links ein kleiner Pfad ab, eben der, der den Weg hinunter zur Agali-Bucht kreuzt, und der mir dort gestern aufgefallen war. Bald schon bin ich wieder in Hügeln unterwegs, in denen es summt und duftet, dass es eine Freude ist.

Ein wachsamer Esel begrüßt mich schon von Weitem mit seinen Rufen. Folegandros

Es ist wunderschön hier oben. Wenn die Sonne durchkommt, glitzert unten das Meer, und die Sicht geht kilometerweit über Insel und die offen daliegende Ägäis. Auf dieser Seite des Hangs hat man einen der wenigen Blicke von den Kykladen, ohne umliegende Inseln zu sehen zu bekommen. Weit weit entfernt liegen Andikythira und Kreta.

Der Weg ist nicht ganz ohne. Tatsächlich bin ich mehrere Stunden unterwegs, weil ich den weitschweifigen Umweg durch die Hügellandschaft nehmen, während die Straße, die die Orte verbindet, kaum 5 km lang ist. An einigen Stellen ist der Pfad auch recht steil und ich bin froh, mit minimalem Gepäck unterwegs zu sein. Nachdem ich an einem einsam gelegenen Haus vorbeikomme, das als letztes in einer ansonsten offenbar verlassenen Siedlung bewohnt scheint, mache ich auf einer Mauer Rast. Immer wieder blitzt die Sonne zwischen den Wolken hervor und sorgt für frühsommerliche Gefühle. Da schmeckt das Pasteli, eine Süßigkeit aus Sesam und Honig, gleich noch ein bisschen besser.

„Traditionelles Pasteli von Folegandros“ verrät die Packung. Ziemlich klebrig, ziemlich lecker! Folegandros

Ein Stückchen Weg ist schon geschafft. Am Horizont die Panagia-Kirche. Folegandros 

Lasst euch nicht stören, ich will nur vorbei. Folegandros zwischen Chora und Ano Meria

Einige Hügelkuppen später, schon ganz in der Nähe von Ano Meria, erstreckt sich vor mir plötzlich ein kleines Dorf. Ich staune nicht schlecht, denn das habe ich vorher auf der digitalen Karten nicht verzeichnet gesehen. Beim Näherkommen ist dann aber bald klar, wieso. Der letzte Mensch muss hier schon vor langer Zeit seine Sachen gepackt und verschwunden sein. Kakteen und Gräser überwuchern die Gebäude und die Steinmauern, die offenbar einmal als Gehege für Vieh angelegt wurden, fallen in sich zusammen. Man erkennt das Fundament einer Mühle und durch eines der Fenster sieht man in einem Haus tatsächlich auch einen alten Mühlstein liegen.

Es macht Spaß, ein wenig durch die dachlosen Räume zu ziehen, die Öfen und Auslassungen in den Mauern zu betrachten und sich zu überlegen, wie diese Häuser wohl ein mal von innen ausgesehen haben. Und ganz vielleicht findet man ja noch die ein oder andere Hinterlassenschaft in den Ritzen der Gemäuer?

Es folgt das letzte Teilstück – und auch das schwerste. Nachdem ich die verlassene Siedlung unter mir im Tal lasse, komme ich noch mal auf einen wunderschönen Weg, der von Blumen aller Farben gesäumt ist. Die Wolken haben sich mittlerweile verzogen und brennt mir in den Nacken. Auch Stirn und Nase fangen langsam an zu brennen. Aber wer will sich schon beklagen, wenn man zum ersten Mal im noch jungen Jahr eine volle Ladung Sonne abbekommt. Jenseits der Hügelkuppe vor mit liegt Ano Meria – oder viel mehr darauf. Ein Teil zumindest, denn die Gemeinde mit ihren etwa 200 Einwohnern ist kein Dorf im eigentlichen Sinne, vielmehr eine an der jetzigen Straße lang gestreckte Siedlung aus sich aneinander reihenden kleinen Höfen.

Kann man sich einen schöneren Wanderweg ausdenken? Folegandros, unterhalb von Ano Meria

Doch das stelle ich erst fest, als ich nach einem letzten kraftraubenden Anstieg endlich oben anlange, nassgeschwitzt, hungrig und mit einem kräftigen Sonnenbrand im Gesicht.  Zum Glück ist gleich eines der ersten Gebäude der örtliche Laden. Und was für einer!

Der Tante-Irini-Laden

Ano Meria macht zunächst keinen weiter spektakulären Eindruck. Tatsächlich hat diese abgelegene Siedlung wenig gemein mit der pittoresken Chora. Stattdessen gibt es vereinzelte, oft verfallene Häuser, die sich an der langen Straße entlangziehen und, was ich auf den ägäischen Inseln bisher selten gesehen habe, landwirtschaftliche Betriebe mit Ställen und Verschlägen. Aus denen starren mich jetzt nicht nur Schweine und Hühner an, auch Kühe stehen stoisch dazwischen auf dem erdigen Boden und blicken wiederkäuend herüber. Menschen hingegen sind kaum zu sehen. Nur ein alter Mann ist mit seiner Forke zwischen einigen rostigen Landmaschinen unterwegs und murmelt einen Gruß, als ich vorübergehe.

Was dort geschrieben steht, kann ich leider nicht übersetzen. Das Haus am Aufgang des Wanderweges scheint mir aber an die hundert Jahre lang schon dort zu sein. So viel kann selbst ich sagen. Ano Meria, Folegandros

Im Gegensatz zum Esel sind Kühe, wie hier im Hintergrund, eine eher seltene Erscheinung auf den ägäischen Inseln. Ano Meria, Folegandros 

Ausgezehrt wie ich mich nach meiner Wanderung fühle, ist schließlich der Anblick einer offenen Tür hinter einer Veranda und unter einem Schild, auf dem ich das Wort „Kaffee“ oder „Café“ erkenne, ein echter Segen. „Irini“ lese ich dort außerdem und trete ein, um ebendiese zu finden und um Speis und Trank zu bitten. Gleich rechts hinten in ihrer Küche steht sie dann auch und kocht. Was für ein schöner Ort dies ist. Bei Irini kann man nicht nur Essen, sondern auch die Waren des alltäglichen Lebens bekommen. Ob Klopapier, Gesichtscreme oder Tomaten, Spüli oder Thunfisch in der Dose. Irini scheint den Ort mit dem Nötigsten zu versorgen und dabei zugleich Treffpunkt für die knapp 250 Bewohner des Ortes zu sein. Die Wände zieren Familienfotos und Blumenkränze. Und sieht man dem Laden auch die Mühe um ein gepflegtes und zeitgemäßes Interieur an, so spürt man ein Stück Inselgeschichte in jedem Winkel.

Das Schönste an den griechischen Inseln sind weder weiße Strände noch blaue Kuppeln, sondern Orte wie Irinis kleiner Dorfladen. Ano Meria, Folegandros

Ich bitte mit meinen paar Brocken Behelfs-Griechisch um eine kalte Cola und einen frischen Salat und setze mich auf die Veranda. Gegenüber der Straße hockt auf auf einer Felsmauer ein dicker, gelangweilter Kater und beachtet blinzelt träge ein paar Bienen nach. Auf der Mauer stehen Blechkanister in der Sonne. Scheinbar hat Irini dort etwas eingelegt. Alles an diesem Ort will mir sagen: langsam, langsam, alter Freund. Vergiss die Arbeit, vergiss Berlin. Vergiss was war und was kommt. Es gibt nur diesen Moment, die Sonne und unten das Meer.

Nach dem Essen verabschiede ich mich und kündige meinen Besuch für den Abend an. Eine Alternative hätt’s in Ano Meria zu dieser Jahreszeit ohnehin nicht gegeben, aber ich könnte mir auch keinen besseren Ort zur Einkehr vorstellen. Jetzt allerdings – es ist mittlerweie später Nachmittag – suche ich erst mal mein Zimmer. Das ist gar nicht so einfach, denn mit Adresse und Hausnummern kommt man in Ano Meria nicht weiter. Ich rufe einer Frau, die Wäsche im Garten aufhängt, ein „Entschuldigung“ und den Namen meiner Unterkunft zu. Sie gestikuliert mich in Richtung des Ortsausgangs nach Chora. Und tatsächlich, kurz hinterm zu dieser Jahreszeit verschlossenen „Folklore-Museum“ sehe ich nach einigen Minuten ein Holzschild, das mir den Weg zum „Anatoli“ weist. Ich blicke zurück und ernte von der nun etwa einen halben Kilometer zurückliegenden Wäscheleine ein freundliches Winken.

Beim Anatoli angekommen, scheint sich zunächst zu bestätigen, was mit der Neffe aus der Chora vor zwei Tagen bedeutet hatte: Das Ensemble der drei in klassischen Kykladenstil gebauten Appartmenthäuser steht still und verlassen da. Kein Fahrzeug, kein Mensch, nur der Wind, der in der letzten Stunde kräftig zugelegt ha, sind zu hören. Ich klopfe am bewohnt wirkenden Nachbarhaus, das mit derselben Zufahrt erreichbar ist, aber auch hier öffnet mir niemand die Tür. Bleibt also wiederum nur der Anruf. Und auch diesmal habe ich Glück. Ja, ein Zimmer sei schon für mich vorbereitet, gleich vorne am Abhang, der Schlüssel stecke bereits in der Tür. Ich solle gern schon einmal hineingehen, sagt mir die freundliche Dame am anderen Ende. Sie komme gleich mit dem Auto, um mir alles zu erklären. Und so ist es. Zwar ist die junge Frau relativ sicher nicht die Tante, von der mir mein Gastgeber in der Chora erzählt hat, aber herzlich empfangen werde ich dennoch.

Nun sind 50 Euro für eine Nacht in einem verlassenen Ort auf einer verlassenen Insel, weit ab von jeglichem Urlaubs-Ambiente nicht wenig, aber wer sich ein mal auf die Terrasse dieses Appartments gesetzt und den Blick hat schweifen lassen, der käme im Leben nicht drauf, sich zu überlegen, ob oder wie diese Aussicht mit Geld aufzuwiegen sei. Was auf dem Foto schon gut aussieht, ist in Wahrheit atemberaubend.

Links die Hügelspitze mit der Chora. Die Panagia ist noch als pixelgroßer Punkt zu erkennen. Ganz am linken Bildrand im Meer: Sikinos, die stille Schönheit, zu der ich später noch reisen werde… Ano Meria, Folegandros

Auch das Innere des Anatoli hat sich seine 9.8/10-Note bei Booking.com redlich verdient. Modern und doch gemütlich mit dunklem Steinboden und traditionellen Stilelementen entschädigt dieses Häuschen am Ende der Welt hundertfach für den Sonnenbrand, den ich mir auf meinem Fußweg hierher eingefangen habe. Ein wenig Einsamkeit muss man an diesem stillen Ort im März schon ertragen können und zu zweit ist’s sicher noch schöner. Mit bleibt die Aussicht darauf, in ein zwei Stunden noch mal in Irinis gemütlichem Dorftreffpunkt zu sitzen. Mehr kann ich mit in diesem Augenblick gar nicht wünschen. Während der Wind draußen langsam zu einem echten Sturm heranwächst, genieße ich die warme Dusche und ziehe mir etwas langärmliges an. Jetzt, wo ich so weit gekommen bin, möchte ich auch das andere Ende der Insel sehen, das ich bei der Anreise von der Fähre aus als erstes betrachten konnte.

Wieder einmal bin ich also auf jener Straße, der einen und einzigen auf Folegandros, die sich quer über den Inselrücken zieht, um die letzten Häuser von Ano Meria und die Küste zu sehen. Ich muss mich gegen die stürmischen Böen stemmen, um in der Dämmerung voranzukommen und bis auf einen Popen, der mit der Hand am Hut um die Dorfkirche eilt und in seinem benachbarten Häuschen verschwindet, bekomme ich niemanden zu sehen. Selbst das Vieh scheint sich schweigend in die Verschläge geflüchtet zu haben. Als ich nach einigen Hundert Metern am Ende des Dorfes ankomme, erwartet mich dort nicht nur der Wendeplatz des Inselbusses, sondern ein letztes Mal auch die untergehende Sonne, die mich an diesem so einfachen wie besonderen Tag begleitet hat. Milos ist mir heute Abend zwar um einige Kilometer näher aber dennoch so unerreichbar fern wie Madgaskar und Tahiti.

Die begrünten Hänge von Ano Meria mit den alten Wällen, durch die man das Land vor langer Zeit urbar gemacht hat. Die Sonne versinkt hinter Milos. Ano Meria, Folegandros

Kaum ist die Sonne verschwunden, wird es auf der unbeleuchteten Straße stockdunkel. Der Sturm reißt an meinen Klamotten und zieht mir kalt durch die Hosenbeine. Zeit für was Warmes. Ich erreiche Irinis Häuschen, klopfe an und öffne die obere Hälfte der Tür, die als Klappe befestigt ist. Drinnen sitzen ein paar Gestalten und schauen mich neugierig an. Irini winkt mich herein. Ich drücke die Klinke von Innen auf und mache es mir nach kurzer Begrüßung auf der Eckbank unter ein paar Fotos gemütlich.

Was diese Bilder so alles zu erzählen haben… vielleicht finde ich es bei einem späteren Besuch heraus, wenn ich endlich Griechisch gelernt habe. Ano Meria, Folegandros

Jetzt am Abend hat Irini Besuch. Die junge Dame, die etwa ihre Enkelin sein könnte, kommt an meinen Tisch und spricht zum Glück Englisch, was mein Anliegen, auch ohne Karte etwas Vegetarisches – und mal etwas anderes als Choriatiki, den typischen „Greek Salad“ – zu bestellen. Nach kurzer Beratung und einigen erstaunten Blicken verschwinden beide in der Küche, um mir wenige Minuten später eine leckere Fasolada, griechische Bohnensuppe, zu präsentieren. Dankbar nehme ich an und bekomme überraschend ein Craft Beer dazu serviert, das in Sachen Design jeder Neuköllner Hipsterkneipe alle Ehre machen würde. Katsika heißt die Mikrobrauerei, die auf Folegandros Pilsner und Pale Ale herstellt. Etwas teurer als die typischen Vertreter Alfa, Fix und Mythos, dafür aber auch geschmacklich besonders. Behaglich ist’s hier in Ano Merias guter Stube. Und dass geraucht wird, während ich esse, empfinde ich nicht als lästig, sondern als eine angenehme Befreiung von deutscher, gastronomischer Korrektheit.

Irgendetwas gibt es zum Glück immer zu besprechen. Auch einem Ort, an dem scheinbar so gar nichts passiert. Ano Meria, Folegandros

Irini gibt mir das Gefühl, sehr willkommen zu sein. Auch, wenn wir keine gemeinsame Sprache sprechen, reden wir über den Wind, meine Wanderung und Berlin. Ich gebe ihr zu bedeuten, dass mir ihr Essen ganz vorzüglich geschmeckt hat und mache mich bald, nachdem ich mich noch ein bisschen gewärmt habe, auf den dunklen Weg in meine Unterkunft. Wenn man an einem Tag kaum jemandem begegnet und mit fast niemandem ein Wort wechselt, dann fühlt sich der kurze Abschied nach einem Abend wie diesem fast an, wie der von einer alten Freundin. Natürlich bin ich nur der Gast, einer von denen, die hier sicher vor allem im Sommer zu Dutzenden vorbei kommen. Aber ich werd diesen stillen, ereignislosen und doch gerade deswegen so besonderen Abend nicht vergessen.

Vielleicht ist es das besondere an den griechischen Inseln, vor allem zu dieser Jahreszeit, denn auch später, bei meinen Besuchen auf Iraklia oder Schinoussa mache ich ähnliche Erfahrungen: Sie können die Perspektive verschieben. Was klein ist, wird groß. Was still und einfach ist, die Landschaft und das Licht, dehnt sich aus zu einer Erfahrung, über die man noch Monate nachdenkt. Und eine warme Mahlzeit und eine kurze Unterhaltung werden zu den schönsten und erfüllendsten Dingen werden, die der Tag für einen bereit hält.

Wir sehen uns wieder!

Am nächsten morgen stehe ich pünktlich am kleinen Wartehäuschen, das ich noch gestern Abend im Dunkeln entdeckt hatte. Bis dahin war ich davon ausgegangen, wieder zum Ende des Ortes gehen zu müssen, um den Bus Richtung Chora zu finden. Dort, am Wendeplatz, hatte ich eine der Kreidetafeln mit den aktuellen Fahrtzeiten entdeckt. Demnach sollte ich eine Stunde vor Abfahrt der Fähre im Hauptort der Insel ankommen. Ob der Bus von dort aus noch weiter hinunter zum Hafenort Karavostasis fahren würde, war nicht zu erkennen, aber das herauszufinden war dann noch genug Zeit – und falls er es nicht täte, dann würde es auch ein flotter Spaziergang die Straße hinab tun.

Zu meiner Überraschung bin ich nicht der Einizige, der am Wartehäuschen auf Mitfahrgelegenheit hofft. Zwei Männer stehen dort und sprechen eine Sprache, die offenbar nicht Griechisch ist. Wir grüßen uns und als ich nach einer Weile frage, ob sie eine Ahnung hätten, ob der Bus denn noch käme, geben sie mir mit ein paar Brocken Englisch zu verstehen, das sie es nicht wüssten. Offenbar warten sie also auf etwas anderes. Und als ich Minuten später auf der Rückbank eines rostigen Kombis sitze, weiß ich, dass es der Kollege ist, mit dem die beiden zur Arbeit in die Chora wollen. Bauarbeiter aus Albanien seien sie, die dafür sorgen, dass Folegandros pünktlich zur Sommersaison wieder die Touristen aus aller Welt in makellosem Glanz empfangen kann. Nachdem ich ihnen darauf erzähle, dass ich aus Deutschland käme, starten die üblichen Lobhudeleien auf Dortmund, FC Bayern, BMW und Mercedes. Ach, die lieben Klischees. Aber kann ich mich davon freisprechen, hier im griechischen Himmel auf Erden nicht auch ein wenig in selbigen zu denken? Wohl kaum…

Als ich kurze Zeit später zu Fuß den Weg zum Hafenort antrete – ich habe noch Zeit für die knapp 3km, die Luft ist mild und die Sonne scheint – ist es wiederum ein junger Albaner, der mit seinem Auto neben mir hält und mich freundlich hereinwinkt. Ich wär auch gern gelaufen, aber eine so höfliche Einladung schlägt man natürlich ungern aus. Und fast war es ja zu erwarten, denn ich kenne dieses Phänomen bereits von anderen griechischen Inseln: Kaum geht man ein paar Schritte außerhalb der Ortschaften, hält die nächste hilfsbereite Seele und bietet die Mitfahrt an, ob auf Tinos, Poros oder Nisyros. Trampen leicht gemacht.

Unten angekommen, genieße ich noch kurz die friedliche Atmosphäre an der sandigen Bucht von Karavostasis – ein Alter streicht die Tür seines Häuschens und zwei andere sitzen unter einer aus einem Tarnnetz gespannten Bootsgaragage beim Kaffee. Dann kommt pünktlich die Zante-Fähre übers noch immer vom Wind gekräuselte Wasser und ein langer Tag auf dem Meer bringt mich, vorbei an den mythischen, den überlaufenen, den namenlosen, kargen und bunten Flecken Land, zurück in die tobende Zivilisation. Bis bald, kleiner Schatz der Kykladen!

Mein Eindruck

  • Folegandros ist eine ausgesprochen schöne Insel mit einer alten und bildhübschen Chora
  • Von Piräus aus dauert es seine Zeit, bis man auf Folegandros angekommen ist. Außerhalb der Saison gibt es zudem keine täglichen Verbindungen
  • Es gibt tolle Landschaften, Wanderpfade und nur drei kleine Orte, ein jeder mit ganz eigenem Charakter
  • Die Insel scheint sich auf wachsenden Tourismus einzustellen. Erste Anlagen mit Pools in der Chora bieten Anlass zur Sorge
  • Ideal für: Genießer, Wanderer, Entdecker, für Ruhesuchende genauso wie für Gesellige

 

 

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