Wie ich einen griechischen Drachen traf, an einem Tag um eine ganze Inseln wanderte und in einer Privatkapelle einkaufte, wie ich vom Dach fiel, einen Schatz fand, ein Nickerchen in einer Höhle machte und nach dem Besuch der halben Kirche endlich doch noch zum Familienessen ins Warme eingeladen wurde: Ein Herbstspaziergang auf Pano Koufonisi. 

 

Besucht: 18. – 19. November 2017

  • Kleine Kykladen
  • Einwohner: ca. 400
  • 5,7 km²

 All by myself…

Die ganze Nacht lang hat es durchgeregnet. Über die Kleinen Kykladen und die ganze Region ist ein Gewitter hinweggezogen, das in seiner Wucht seinesgleichen sucht. Wegen meiner kaum vorhandenen Griechisch-Kenntnisse bekomme ich allerdings kaum mit, wie schwer das Unwetter tatsächlich war, das gerade in den Vororten Athens für schwere Verwüstungen gesorgt hat. Ganze Straßenzüge stehen dort unter Wasser, das Hab und Gut der Leute treibt durch die Viertel. Nachdem ich mich gestern Abend bei der Rückkehr von der Wanderung nach Kalotaritissa vor den hochaufgetürmten, violetten und blitzenden Wolkengebirgen zu Capitan Gehorgo geflüchtet hatte, waren zwar bereits erste Bilder vom Festland auf dem Fernsehschirm zu sehen – zumindest bis der Strom ausfiel. Dass aber auch Menschen ums Leben gekommen sind, lese ich erst einige Tage später.

Jetzt bricht ein neuer Tag an. Der Himmel ist wieder klar. Nur einige Schleierwolken ziehen träge durchs Blau. Um 8:25 soll die Express Skopelitis abfahren, die zu dieser Jahreszeit nur alle paar Tage mal am Hafen von Donousa vorbei schaut – und die überhaupt das einzige Schiff ist, das die Insel ansteuert. Es ist kaum fünf nach acht, da sehe ich vom Balkon aus, dass sie bereits in den Hafen einfährt. Ich raffe meine letzten Sachen zusammen und ziehe die Tür hinter mir zu. Bis zum Hafen ist es nur ein kurzer Spurt. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, mich direkt vor der Haustür inmitten einer Sumpflandschaft wiederzufinden. Der ganze Treppenabsatz und der geflieste Weg hinunter zum Schotterpfad sind von einer zentimeterdicken, schmierigen Schlammschicht überzogen. Ich tipple und rutsche die Mauer des Hauses entlang, lege mich mehrfach fast der Länge nach hin und lande endlich auf dem Weg, der hinunter in die Chora führt. Das die Hänge in den Ort hinunter laufende Wasser sorgt für kleine kreuzende Sturzbäche und binnen kurzer Zeit sind meine Schuhe durchnässt.

Als ich endlich rennend am Hafen ankomme, habe ich meine Mitreise wohl nur der Tatsache zu verdanken, dass hier noch eine Handvoll Kartons von der Express Skopelitis den Besitzer wechselt und Lieferscheine unterschrieben werden. Denn außer mir gibt es niemanden, der auf die Fähre steigt. Und da scheinbar auch keiner erwartet, dass sich das noch ändern wird, legt das Schiff um 8:20 ab.


Tschüß Donousa, wir sehen uns sicher mal wieder!

Die Überfahrt nach Pano Koufonisi, der einzigen heute noch bewohnten Insel der Koufonisia genannten Inselgruppe, die aus 13 Eilanden besteht, dauert eine knappe Stunde. Bis auf die Besatzung der kleinen Fähre, die seit vielen Jahren die abgelegeneren Kykladen-Inseln mit dem Rest der Welt verbindet, ist niemand an Bord zu sehen. Die Luft ist bereits angenehm mild und der Fahrtwind weht mir den Dunst der Ägäis ins Gesicht. So schaltet mein Körper nur Minuten nach meiner sportlichen Einlage wieder zurück in den Tiefenentspannungs-Modus. Naxos zur Rechten, Amorgos zur Linken steuern wir direkt auf die Dreierkette Koufonisisa, Schinoussa, Iraklia zu, jene Inseln, die ich in den nächsten Tagen nacheinander besuchen werde.

Da für einen Kaffee im Το Κύμα (Die Welle), der kleinen Dorftaverne, die zugleich als Lebensmittelladen fungiert, keine Zeit mehr war, suche ich an Bord nach einem Getränkeautomaten oder einer Bar. Beinahe hätte ich das Schild übersehen, dass den Weg unter Deck weist. Und siehe da: Außer mir befinden sich doch noch drei weitere Fahrgäste sowie eine Schutzheiligen-Ikone an Bord. Es gibt den üblichen auf die Schnelle zusammengerührten Nescafé und wenige Minuten später sitze ich glücklich und zufrieden mit meinem dampfenden Getränk wieder in der warmen Brise meines Privatdecks.

Während wir an Naxos‘ Küstenlinie entlang ziehen, kommt Pano Koufonisi schnell näher. Die ersten Häuser sind zu sehen und die relativ dichte Besiedlung, die sich bereits ausmachen lässt, zeigt, wie klein die Insel mit ihren etwa 400 ständigen Einwohnern wirklich ist. Das kommt mir und meinem Plan, sie heute noch zu Fuß zu umrunden sehr entgegen. Denn schon morgen früh möchte ich weiter nach Schinoussa. Ob es wirklich klappen wird, in dieser Zeit ein mal um die ganze Insel zu laufen?

Wir fahren um den letzten felsigen Ausläufer der Insel herum auf den Anleger zu und trotz des etwas entfernt liegenden Ortskerns der Chora und der wenig charmanten Asphaltfläche, die den Hafen darstellt, stellt sich, kaum bin ich an Land gegangen, eine angenehme und freundliche Atmosphäre ein. Die Express Skopelitis liegt im gleißenden Wasser und zwei freundlich grüßende ältere Herren begutachten den verlorenen Neuankömmling.

Meine Jungfernfahrt mit der berühmten Skopelitits, der „Mutter der Inseln“! Chora, Pano Koufonisi.


Ein kleines Pläuschchen am Morgen kann man auch vorm geschlossenen Kafenio halten. Chora, Pano Koufonisi.

Auch ansonsten scheint mich die Insel an diesem Morgen erst einmal freundlich aufzunehmen. Ich setze mich eine Weile auf die Kaimauer am Hafen und lasse mich von der warmen Sonne streicheln. Nur alle paar Minuten kriecht langsam ein altes Auto vorüber. Insgesamt scheint es hier recht gemächlich und gemütlich zuzugehen. Ich trete hügelaufwärts den Weg in die Chora an und eine der malerischen Windmühlen setzt sich linkerhand gleich in Szene, um dem Ortseingang etwas Pittoreskes zu verleihen.


Windmühle am Ortseingang von Koufonisi, im Hintergrund die heute unbewohnte Schwesterinsel Kato Koufonisi.

Garstige Gastgeber

Im Ort selbst herrscht morgendliche Beschaulichkeit. Neben einem Friseursalon hat jemand einen ganzen Schwarm Sardellen zum Trocknen in die Sonne gehängt, eine alte in schwarz gewandete Frau sitzt mit ihrem Kopftuch hinter der Eingangstür eines Hauses, deren obere Hälfte sie so aufgeklappt hat, dass sie das Geschehen auf dem Weg im Blick hat und ein Mann mit Kapitänsmütze und prächtigem, grauem Schnurrbart lässt sich sitzend, seinen Gehstock in stolzer Manier mit aufgelegter Hand neben sich aufgepflanzt, die Sonne ins Gesicht scheinen.

Gleich ein Haus weiter werkelt eine Dame im Beet vor einer Taverne. Sie setzt offenbar ein paar Pflanzen um und entfernt alte Triebe. Gießkanne und Schubkarre stehen in Griffweite. Einige faul im Schatten liegende Katzen und ein aufgeregter Chihuahua schauen ihr zu. Zunächst laufe ich vorbei. Nachdem ich aber auf der digitalen Karte sehe, dass meine gestern gebuchte Unterkunft in unmittelbarer Nähe liegen muss, drehe ich mich zu ihr um und bitte um Auskunft.


Neugierige Blicke auf beiden Seiten. Und einige Meter weiter lauert bereits der Inseldrache, Pano Koufonisi

Sie blickt auf, starrt mich an und ich denke bei ihrem regungslosen Blick zunächst, sie hätte mich nicht verstanden. Ich bitte um Entschuldigung und frage, ob sie englisch spreche, ergänze, dass ich nach Melissa Rooms suchen würde. In diesem Moment fällt mein Blick auf das Schild „Melissa Fish Tavern“ direkt über uns – und ich strahle sie an. Sie starrt weiter ohne eine Miene zu verziehen. Zwei, drei Sekunden vergehen, bevor sie irgendetwas auf Griechisch vor sich hinmurmelnd ihre Handschuhe auszieht, ins Blumenbeet pfeffert und davon stapft. Ich bin latent verwirrt, interpretiere dies aber als Geste, ihr zu folgen. Sie hat bereits einige Schritte Vorsprung und ich eile hinterher, während sie zwischen dem Tavernen-Mobiliar und schließlich hinter einer Tür verschwindet, die sie hinter sich zuzieht.

Eine halbe Minute später taucht sie am Fuße einer Treppe weiter hinten am Haus wieder auf und geht hinauf. Ich trotte hinterher. Über einen langen Balkon, der an verschiedenen Türen vorbeiführt, geht sie zielstrebig auf eines der Zimmer zu und schließt auf. Als ich ankomme, drückt sie mir den Schlüssel in die Hand. Bevor sie wieder von dannen zieht, frage ich sie noch nach dem WLAN-Zugang und verzichte ansonsten wo möglich auf Konversation, um sie nicht noch weiter mit der Tatsache meiner Anwesenheit zu verärgern. Wir wollenoffenbar beide nur unsere Ruhe. Fair enough. Dass sie ohne ein weiteres Wort wieder verschwindet, war allerdings ein Fehler, wie sich kurz darauf zeigt… Erst einmal stelle ich aber zufrieden fest, dass das Zimmer wirklich sehr gemütlich ist und, wenngleich beim Buchungsvorgang von Meerblick die Rede war und davon reichlich wenig zu sehen ist, die Sonne ganz wunderbar auf Tisch und Stuhl draußen vor meiner Zimmertür scheint. Hier lässt es sich aushalten.

Bevor ich nun gleich die Insel umrunde, möchte ich noch einmal mein Handy aufladen. Es wollen schließlich Fotos gemacht werden unterwegs. Aber egal, welche Steckdose ich ausprobiere, es kommt kein Strom heraus. Mir steht bereits der Schweiß auf der Stirn bei dem Gedanken, mich mit meinem Anliegen noch einmal an den Hausdrachen am Blumenbeet zu wenden. Aber wir sind die beiden einzigen lebendigen Gestalten in diesem Haus… und so trete ich ans Balkongeländer, rufe über die 3 Meter Distanz nach unten die Wörter „Sorry“ und „Electricity“ und ahne schon Böses, bevor es über mich hereinbricht. Die Handschuhe fliegen diesmal klatschend gegen die Hauswand auf der andere Straßenseite und ein raunendes Gefluche tönt zu mir herauf, während die Dame wiederum unten im Haus verschwindet. Wenige Sekunden später kommt sie die Treppe herauf und ich bin beinahe geneigt, mich nach einem Fluchtweg umzusehen. „Key! Key!“ schallt es mir entgegen und als sie bei mir anlangt, blickt sie sich hektisch im Zimmer um, zieht den Schlüssel aus der Tür und steckt das Plättchen mit der Zimmernummer in einen Schlitz neben dem Türrahmen.

Sofort leuchtet meine Deckenlampe auf. Sie durchbohrt mich mit einem Ausdruck zwischen Triumph und Mordlust – und ist einen Wimpernschlag später wieder verschwunden. Ich bleibe einigermaßen fassungslos zurück, möchte mir aber weiterhin auf gar keinen Fall meinen Tag vermiesen lassen. Zwei, drei mal tief durchgeatmet und mit der Gewissheit, dass ich mich über derlei Unflätigkeiten noch in aller Ruhe bei der Bewertung der Unterkunft in der Buchungs-App auslassen könne, mache ich es mir schmunzelnd an der Steckdose neben dem Bett bequem und lade mein Telefon auf. Eine halbe Stunde später kann’s losgehen mit der Insel-Umrundung. Von meiner „Wirtin“ sehe ich bis zu meiner Abreise nichts mehr.


Jetzt aber los! Die Kirche Agios Georgios, benannt nach dem Schutzheiligen der Insel, Pano Koufonisi

Da Pano Koufonisi im Grunde nur aus dem gleichnamigen Hauptort und ansonsten lediglich aus ein paar verstreuten Siedlungen und Gebäuden besteht, gilt es als erstes, ausreichend Proviant für die Wanderung zu beschaffen. Auf der Suche nach einem möglichst charmanten kleinen Laden und einer Bäckerei, komme ich an „Agios Georgios“, der Hauptkirche des Ortes vorbei.  Der Heilige Georg wird in der orthodoxen Kirche als Märtyrer und Drachentöter verehrt, lese ich. Wie passend… Hinein, um ihn um Beistand zu bitten, komme ich leider nicht. Die mit Palmwedeln geschmückte Tür ist heute verschlossen. Schön ist die Kirche aber auch von außen. Würde der Oleander schon blühen, man könnte sich kaum ein idyllischeres Kykladen-Szenario ausmalen.

Gebaut wurde die Kirche des Heiligen Georg 1870 von Arbeitern aus Santorini. Für den Bau wurden, etwa im Eingangsbereich, auch antike Marmorteile einer byzantinischen Kirche benutzt, deren Reste man in der Nähe des Dorffriedhofs fand.

Sofern dieses Datum nicht in die Fastenzeit fällt, findet jedes Jahr am 23. April ein Fest zu Ehren des Heiligen Georg statt, bei dem singend eine festlich geschmückte Ikone durch den Ort getragen wird, beschirmt von Fischerbooten, die sie vom Meer aus begleiten. Der Tag endet mit einem großen Festmahl an der Kirche, für das per Losverfahren jedes Jahr ein freiwilliger Bewerber gezogen und zuständig gemacht wird.

In der Kirche befindet sich eine Reliquie. Der Knochen des Heiligen Georg, der der Inselkirche vom Patriarchen Jerusalems als Gabe zugekommen ist, wird am Festtag des Schutzheiligen in der Kirche ausgestellt und mit Blumen geschmückt.

Ein paar Ecken weiter habe ich eine Bäckerei gefunden. Ich gönne mir den nächsten typisch fürchterlichen Nescafé (mein Vorsatz, diesen Konzern so gut es geht zu boykottieren, ist in Griechenland schlicht nicht umsetzbar) und bestelle mir Spanakopita dazu. Überrascht stelle ich fest, dass sich auch hier der Gute-Laune-Pegel irgendwo zwischen Gefrierpunkt und Ignoranz einpendelt. „Hallo“, „bitte“ und „danke“ sind nicht gefragt. Hatte ich nicht tatsächlich irgendwo gelesen, dass die Bewohner von Pano Koufonisi einigermaßen wohlhabend seien und der Tourismus ihnen darum nur ein leidiges Zubrot ist? Unfreundlicher als hier ging es bisher jedenfalls höchstens im Hafenbus von Santorini zu. Ich verzehre meine kleine Stärkung allein im angebauten Wintergarten und lege schließlich der draußen rauchend mit ihrem Handy auf einer Mauer kauernden Bäckersfrau meine Münzen auf den Tresen. Nix wie los.


Juten Tach! Pano Koufonisi

Kaufrausch

Viel los ist Mitte November nicht auf den Straßen des Ortes. Auch hat es sich zwischenzeitlich wieder stärker bewölkt. Offenbar hat sich Zeus nach dem gestrigen Wolkenbruch noch ein paar weitere Unwetter aufgespart. Ich begegne einem knatternden Mofa und einer Hand voll schlendernd ihren Tagesgeschäften nachgehenden Einwohnern. Am Ortsausgang kehre ich schließlich noch in einen zunächst recht unscheinbar wirkenden Strandmarkt ein. Der allerdings hat es in sich…

Draußen auf der vorgelagerten Terrasse brummen Nestea-Kühlschränke und Eistruhen, in denen im Augenblick nur ein paar alte Fische siechen und angebräuntes Obst auf Abnehmer wartet. Überall liegen leere Kartons und Kisten herum. Beinahe hätte ich die komplett in Schwarz gehüllte alte Dame übersehen, die inmitten des Chaos auf einem Plastikstuhl hockt und auf Kundschaft wartet. Ich grüße sie freundlich, sie nickt mir zu und wenige Sekunden später dringe ich wie durch ein Wurmloch ein in eine dunkle Dimension, eine filmreife Kulisse aus Weihrauch und Vergangenheit, in die intime Welt einer generationsübergreifenden Dorfladen-Dynastie. Es erscheint beinahe unwirklich. Bilde ich mir das gerade alles nur ein?

Es riecht nach Staub und Wachs, fast wie in einer alten Kapelle. Gleich hinterm Eingang steht unter einem verblassenden Preisschild eine Art Altar mit dem Foto eines vormals jungen Mannes. Ich vermute, dass es sich um den verstorbenen Ehemann der alten Dame handelt und tapse ehrfürchtig daran vorbei zwischen die Regale. Augenblicklich habe ich vergessen, was ich hier eigentlich wollte und lasse fasziniert den Blick schweifen über das chaotische Interieur aus seit Jahrzehnten in den Regalen verstaubenden Packungen und Päckchen unbekannten Inhalts, über Konserven, Tüten und Schachteln. Ein beinahe psychedelisch aufgeladenes Szenario entfaltet sich. Als hätte meine Wahrnehmung einen unerwarteten Schritt seitwärts getan. Es ist derartig dunkel hier drinnen, dass sich kaum ausmachen lässt, welche wundersamen Waren in den unteren Regalreihen schlummern. Wenn ich nur einen Tag lang Zeit hätte, all das genau unter die Lupe zu nehmen, dann ließen sich hier sicher wahre Schätze bergen!

Die alte Dame ist mir mittlerweile in den Laden gefolgt und sieht mich erwartungsvoll aber freundlich an. Das erinnert mich daran, dass ich etwas kaufen wollte. Ich entdecke eine Kekspackung in den Regalen und Wasserflaschen in der Nähe der Kasse. Wie zur Abnahme der Beichte trete ich mit meiner Beute feierlich an den Verkaufstresen, wo mir die Dame sogleich noch ein eingeschweißtes Schoko-Brötchen anempfiehlt. Englisch spricht sie dabei so wenig wie ich griechisch. Aber wir verstehen uns.

Der Computer immerhin beweist: Ich bin nicht versehentlich durch die Zeit gereist. Pano Koufonisi 

Ich zahle, und da die in der Schublade herum kullernden Münzen augenscheinlich nicht reichen, mir auf 10 Euro herauszugeben (wahrscheinlich hat sie vor allem Drachmen vorrätig) verschwindet sie schlurfend in einem Hinterraum. Ich staune nicht schlecht als ich durch die Tür hineinspähe und bemerke, dass dieser zugleich als Lager dient, in denen Hunderte weitere blasse Schächtelchen teils vermutlich seit Jahrzehnten auf ihre künftigen Abnehmer warten. Dieser Ort ist ein wahres Eldorado historischer Warenkultur.

Woher meine Faszination für die alten, namenlosen Dorfläden kommt, die mich so auch auf Folegandros und Schinousa, auf Iraklia, Hydra, Paros oder Nisyros verzaubert haben, kann ich nicht genau erklären. Vielleicht ist es so: Sie sind wie Zeitkapseln, bedroht davon, mit der nächsten Generation zu zerbrechen. Sie sind Zeugnisse einer in abgelegeneren Orten noch existierenden Lebensweise, die resistent ist gegen die sich immer schneller drehende Welt. Ein schlichtes Beharren, das weder optimieren möchte noch konkurrieren und das erst recht niemanden überreden will, etwas zu kaufen, was nicht wirklich gebraucht wird. Diese Läden sind soziale Räume, an denen man sich für eine Weile niederlässt, um Neuigkeiten auszutauschen und erst in zweiter Linie, um die notwendigen Dinge des Lebens zu kaufen. Sie sind Knotenpunkte im Nervensystem der Dorfgemeinschaften. Sie sind all das, was wir mit unserer Discounter-Kultur vor langer Zeit verloren haben und woran uns mit viel Mühe und Aufwand die teureren Supermarktketten durch ihre designten Gemüsemarkt-Kulissen zu erinnern trachten.

Beratung, Verkauf, Verpacken – alles aus einer Hand. Pano Koufonisi

Alte Verstecke

So gern ich bleiben und mit Taschenlampe und Lupe durch den Laden kriechen würde – ich habe noch viele Kilometer vor mir heute. Also los. Wenige Minuten später habe ich den Ort hinter mir gelassen. Ich laufe entgegen dem Uhrzeigersinn um die fast kreisrunde Insel und möchte dabei so nah wie möglich am Wasser entlang gehen. Das erweist sich auf Pano Koufonisi als relativ dankbarer Vorsatz. Ein paar ausgetretene Pfade entlang der Uferfelsen und kleinere Strände prägen die ersten Kilometer. Dabei fällt auf, dass die Insel (vor allem im Vergleich zu ihren direkten Nachbarn Keros, Naxos und Schinoussa), nicht nur relativ flach, sondern auch ziemlich… nunja, gelb ist. Ob das das Geheimnis des wunderbar türkisen Wassers ist, das sie umgibt?

Da wird das Wandern zum Spaziergang. Rund, flach und klein: Pano Koufonisi

Die Strände hat man im November ganz für sich. Allerdings ist heute auch eher kein klassisches Badewetter. Pano Koufonisi

Unterwegs begegne ich kaum jemandem. Jetzt im November sind so gut wie keine Touristen auf der Insel und auch von den Einheimischen ist nicht viel zu sehen. Im Verlauf der Stunden, die ich so gehe, begegnet mir lediglich ein junges Pärchen, das mit seinem Hund Gassi geht. So wirkt denn also auch die am dichtesten besiedelte Insel der Kykladen wie ein stilles und abgeschiedenes Paradies für Ruhesuchende.

Das auffällige, gelbe Gestein hat noch eine weitere Eigenschaft: Es ist offenbar recht weich und wird von der steten Brandung an vielen Stellen der südöstlichen Hälfte der Insel ausgehöhlt. So entstehen interessante Gesteinsformationen, Pools, unterspülte Brücken und Höhlen, die manchmal in kleinen, versteckten und überdachten Stränden einige Meter unterhalb des Felsplateaus münden. Ideale Piratenverstecke.

In der Tat spielte die Piraterie auf den Koufonisia-Inseln historisch eine Rolle. Die Meerengen um die zwischen Naxos und Amorgos gelegenen kleinen Kykladen boten beste Voraussetzungen für diese Art des Lebensunterhalts. Zunächst ab dem 13. Jahrhundert in venezianischer Hand, erlebte die Seeräuberei seit Eroberung von Pano Koufonisi durch die Osmanen 300 Jahre später eine lange Blütezeit. Im Verlauf des 1821 begonnenen Aufstands der Griechen gegen die Osmanische Herrschaft wurde die Insel wieder griechisch. Wie so viele ihrer Nachbarn hatte sie zuletzt noch die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht zu erleiden, was – zumindest äußerlich – zum Glück keine Spuren auf der Insel hinterlassen hat.

Eine der ausgespülten Höhlen kommt mir, Augenblicke nachdem ich sie entdeckt habe, auch schon zu Hilfe. Zwar habe ich mit Piraterie nichts am Hut, aber als Schutz vor einem Regenschauer ist sie auch für mich das geeignete Mittel. Bäume oder Gebäude sucht man an dieser Ecke der Insel nämlich vergeblich. Der Himmel macht ernst mit dem, was er seit geraumer Zeit androht und schickt nach der Sintflut von letzter Nacht noch einmal Nachschub. Ich kraxle das bröckelnde Gestein hinunter und land auf einem weichen Sandbett, das mich in meinen Unterschlupf führt. Stehen kann ich hier nicht. Aber so dazuliegen in der milden Luft mit Blick auf das türkise Meer, auf das leise die Tropfen prasseln, hat schon etwas äußerst Gemütliches…

Falls ihr euch schon mal gefragt habt, wer da überhaupt schreibt… das hier unten bin ich. Pano Koufonisi (im Hintergrund Keros)

Eine Viertelstunde später ist der schöne Spuk vorbei und ich setze meinen Gang fort. Zu den kleinen Binnenseen und Buchten, die das Meer ins Ufer geschwemmt hat, gesellen sich jetzt ein paar Pfützen. Aber viel zu verlieren habe ich nicht, denn meine Schuhe sind ohnehin noch ganz klamm von meinem morgendlichen Wettlauf zur Fähre auf Donousa. Nachdem ich bald an einigen verriegelten Beach Bars und einem enormen abgezäunten Gelände vorbei gekommen bin, das einer augenscheinlich mehr als gut betuchten Person gehört (wohl einem Italiener, worauf die Bezeichnung des angrenzenden Strandes, „Italida“ – also quasi „beim Italiener“ – schließen lässt), ragen die Uferfelsen etwas höher auf.

Je weiter man sich auf die Siedlung Finikas zubewegt, desto rauher wird das Ufer. Pano Koufonisi

Ich nähere mich jetzt der kleinen Siedlung Finikas, in der jene acht Personen der Insel gemeldet sind, die nicht im Hauptort leben. Wer dabei an ein verlassenes altes Dorf jenseits der Hauptverkehrswege denkt wie etwa Nikia auf Nisyros oder Panagia auf Iraklia, der wird enttäuscht. Finikas macht eher den Eindruck eines lose zusammengewürfelten Konglomerats aus neugebauten Ferien-Appartments und ein paar landwirtschaftlichen Flächen und Gebäuden (sogar ein paar Kühe finden sich hier – ein seltener Anblick auf den griechischen Inseln). Im Sommer, wenn die zwei, drei Tavernen in Wassernähe geöffnet haben, ist Finikas sicher recht lebendig, denn wenngleich hier nicht der schönste Strand zu finden ist, so doch immerhin der wohl längste der Insel. Jetzt aber ist alles geschlossen. Nur ein Fischer zieht seine Runden in der vorgelagerten Bucht, die von einer langen ins Meer ragenden Felsspitze abgeschlossen wird,

Eines der raren Lebenszeichen außerhalb des Hauptortes. Ein Fischer bei Finikas, Pano Koufonisi

Natürlich lasse ich mir die Erkundung besagter Felsnase nicht entgehen. Der Bewuchs ist hier noch spärlicher und zwischen den Ritzen der plateauartig geschichteten Steinformationen blitzen an einigen Stellen weißlila Kristalle hervor. Das sieht beeindruckend aus und offenbar haben auch schon einige frühere Entdecker versucht, sich hier etwas abzuschlagen. Am durchsichtigen Mineral aber zerbröselt jeder Schlagstein. Das habe ich – freilich nur zu Zwecken der Recherche – selbst versucht.

Es ist mittlerweile sicher eine Stunde vergangen seit dem letzten Schauer, aber es hat sich erneut stark zugezogen. Ich habe die felsige Halbinsel gerade verlassen, da prasselt es schon wieder auf mich herab. Eines der Tavernengebäude ist ganz in der Nähe, aber die Türen sind verriegelt und das Vordach, das im Sommer die Terrasse vor Sonne schützt, ist abmontiert. Ich renne im platschenden Regen zurück auf das Ufer zu und entdecke gleich wieder eine der vielen Höhlen unterhalb des Felsplateaus. Diesmal hält der Regen an und kein blauer Schimmer am Himmel kündet vom baldigen Ende des Schauers. So lege ich mich, nachdem ich ein wenig Proviant genascht habe und vom monotonen Klatschen der Tropfen auf dem Wasser neben mir schläfrig werde, unterm schützenden Felsdach auf die Kiesel und mache die Augen zu…

An dieser Stelle der Insel befinden sich auch die Ksylompatis-Höhlen, die nur vom Wasser aus erreichbar sind. Im Sommer werden sie von einigen Booten angefahren, aber auch mit einem gemieteten Kayak oder schwimmend sind sie erreichbar. Die Höhlen führen etwa 20 Meter in den Fels. Dort soll es einen verstecken Strand geben, der besonders unter frisch Verliebten bekannt ist…

Von Gold, Schrott und Blut

Etwa eine halbe Stunde später wache ich auf und es geht weiter. Für den Rest des Tages bleibt das Wetter stabil. An Finikas vorbei geht es jetzt über den nördlichen Teil der Insel. Etwa die Hälfte der Strecke ist geschafft. Zum ersten Mal muss ich die Küste verlassen, denn auf dieser Seite besteht die Insel aus einem hohen, wildbewachsenen Plateau, das zum Meer hin etwa 100 Meter steil abfällt.

Ein letzter Blick hinab auf Finikas und die Bucht um den Pori Strand. Im Hintergrund die unbewohnte Insel Keros. Pano Koufonisi

Hier oben ist es etwas frischer. Zwischen all dem feuchten Gestrüpp und den Kieseln und Felsen, die das Wandern ohne befestigten Pfad schwieriger machen, wachsen lauter kleine pinke und lila Blüten aus denen orange leuchtende Narben hängen. Fasst man sie an, dann färbt es sogleich die Fingerkuppen in derselben strahlenden Farbe. Ob das wirklich Safran, dieses wohl teuerste aller Gewürze ist? Riechen kann ich es nicht und um es mir in den Mund zu stecken fehlt mir der Mut. An diesem Ort würde man mich im Falle eines Falles wahrscheinlich erst im Frühling wiederfinden… Ich lasse das leuchtende Feld des botanischen Goldes hinter mir und stapfe weiter gegen den Uhrzeigersinn um die Insel. Vorbei an ausgedienten Schafställen und verfallenden Steinhäusern komme ich bald zum ersten Mal an einer Straße und auch direkt bei einer Tankstelle an. Sehr merkwürdig, kilometerweit vom einzigen Ort entfernt ein derartiges Unternehmen zu betreiben. Das umliegende Grundstück scheint zugleich als Sperrmülldepot zu dienen. Eine Menge ausgedienten Restaurant-Mobiliars liegt herum, Plastik- und Korbstühle, Schränke und Bretter. Ein Friedhof der letzten Sommersaison. Die Straße führt vom Plateau hinab weiter um die Insel herum. Das denke ich zumindest, denn nach einem weiteren halben Kilometer stehe ich unversehens vor einem meterhohen Zaun, der quer über die Straße geht und über und über mit Plastikfetzen durchzogen ist. Versteckt vor den Augen der Touristen und Bewohner erstreckt sich hier hinterm Hügel in der Inselmitte die Müllhalde von Koufonisi. Dead End.

Für einen Moment fürchte ich, dass ich umkehren muss, schlage mich dann aber kurzentschlossen querfeldein und an der Halde vorbei ins kniehohe Gebüsch. Auf gut Glück mühe ich mich so voran, bis ich hügelanwärts ein Steinhäuschen entdecke. Wo ein Haus ist, muss auch ein Weg sein, schlussfolgere ich und schlängle mich weiter durchs Gestrüpp. Der Weg hat sich gelohnt. Oben angekommen, offenbart sich ein herrlicher Rundumblick. Wer auch immer hier sein Haus gebaut hat, er hat sich den Ort gut ausgesucht. Ich sehe jetzt zur Rechten das letzte Viertel des Insel-Kreisrunds, das ich noch zu begehen habe, entdecke dort auch einen weiteren kleinen Hafen und schaue linkerhand wieder auf den Hauptort Koufonisi, den ich vor Stunden hinter mir gelassen hatte. Am Horizont breiten sich die Kleinen Kykladen vor mir aus: Keros, Kato Koufonisi und Schinousa sind auszumachen. Auch Iraklia lässt sich erahnen. Weit hinter Keros erstreckt sich Amorgos.

Die goldene Sonne am Horizont bedeutet zweierlei – Pure Romantik und: gleich wird’s dunkel. Pano Koufonisi 

Um eine noch schönere Aussicht und das noch bessere Foto zu bekommen, versuche ich auf das Häuschen zu klettern. Die Steine, aus denen seine Mauern gemacht wurden, liegen allerdings unverputzt und lose aufeinander. Schon mit dem ersten Griff fallen mir ein paar Brocken entgegen. Okay, langsam langsam. Man will ja nichts kaputt machen. Vorsichtig hieve ich mich an der etwa zwei Meter hohen Kante nach oben und nehme dabei eine verfallene Mauer zu Hilfe, die ebenfalls nur noch aus losem Gestein besteht und ans Haus angrenzt. Endlich auf wackeligen Beinen oben angekommen ist die Aussicht atemberaubend. Aus dem grüngelben Tal, dass sich in Richtung Hauptort erstreckt, klingen entfernt Viehglocken herauf. Ein Schäfer ist zu sehen, der ein paar klagende Schafe vor sich hertreibt. Sonst ist kaum etwas zu vernehmen. Nur der Windhauch zwischen den Gräsern sorgt für ein Rascheln. Aus dem grauverhangenen Nachmittag hat sich ein goldener Abend herausgeschält, der friedlicher kaum sein könnte. Ich atme ein paar mal tief durch und nehme mir vor, den Sonnenuntergang am kleinen Fischerhafen zu fotografieren, den ich von hier oben westlich der Chora erspähe.

Die dringende Frage, die sich mir jetzt aber erst mal stellt ist: Wie kommt ich von diesem einsturzgefährdeten Bauwerk wieder heil herunter? Das schnelle Hochklimmen hat glimpflich funktioniert. Aber jeder der Mauersteine oben an der Kante ist so wackelig, dass an ein vorsichtiges Hinsetzen und Hinabgleiten nicht zu denken ist. Zumindest nicht, ohne im zweiten Gedanken von der tonnenschweren Wand begraben zu werden, die ich mit meinem Hintern nachziehe. Zum Herunterspringen ist es auch zu hoch – zumal unten auf dem Boden überall faustgroße Kiesel verstreut liegen. Ich mache ein paar zaghafte Versuche, mit dem Schuh seitlich halt an der Mauer zu finden. Aber alles hier wirkt, als könnte es bereits der nächste Windhauch zum Einsturz bringen. Und was bringt’s auch, wenn ich nicht zugleich oben etwas zum Festhalten habe. Auch übers Dach auf die andere Seite gehen, um zu schauen, ob es dort einfacher geht, kann ich nicht. Ein Loch klafft in der Lehmdecke und die letzten Schilfrohre, die sie zusammenhalten. Es bleibt nur, mich vorsichtig hinzuknien und dann bedacht von der Kante abzustoßen um wieder auf der hüfthohen am Haus verlaufenden Grenzmauer zu landen. Ich ahne, dass das keine gute Idee ist. Aber eine bessere habe ich nicht.

Ein mal noch Luft holen, anpeilen… Ich lande, wie beabsichtigt, auf einem tellergroßen Stein, der allerdings sogleich polternd mit mir von der Mauer rutscht und direkt in den danebenstehenden Busch fliegt. Wie es eine dramaturgisch sauber arrangierte Geschichte verlangt, ist dieser gespickt mit langen holzigen Dornen und harten dünnen Ästchen, die sich nun in vielfältiger Weise in meine Schienbeine und Waden bohren. Ich springe fluchend zurück ins Gras und schaue mir die Bescherung an. Oberflächlich sind nur ein paar Schrammen zu sehen, aber in den nächsten Minuten ziehe ich mir mindestens zehn, teils mehrere Zentimeter lange, Holzstückchen aus dem Bein, die sich kanülenartig unter meine Haut geschoben haben (den letzten Splitter finde ich noch Wochen später zuhause). Nun tröpfelt das Blut aus den Wunden. Mir geht direkt wieder etwas von giftigen Pflanzen im Kopf herum. Hört man ja immer wieder, sowas. Und was weiß ich, welches boshafte Gewächs sich da gerade in meinen Körper gebohrt hat. Aber die Hitze, die ich nun am Bein spüre, hat wohl eher was mit den Wunden zu tun – und auch ein bisschen mit der Aufregung. Sah vielleicht schon auch ein bisschen witzig aus, wie ich da von der Dachkante in die Büsche gehüpft bin, denke ich nun lächelnd. Und verstaucht und gebrochen ist ja immerhin nichts. Ich wische mir mit Taschentüchern so gut es geht das Blut ab (schließlich werde ich wohl bald wieder unter Menschen sein) und gehe vergnügt weiter meiner Wege.

Die Kirche des Propheten Elijah – ein Anfang ist gemacht. Pano Koufonisi

Tatsächlich führt vom Haus aus ein Pfad den Hügel hinab. Es dauert nur einige Minuten, da stoße ich auf einen merkwürdigen Steinhaufen etwas abseits des Weges, der sich bei näherer Betrachtung als eine Art Altar unter offenem Himmel entpuppt. Ich recherchiere und finde heraus, dass es sich im die Profitis Ilias „Kirche“ handelt.

In den 1940er Jahren beschlossen einige Inselbewohner an der Stelle, an der einst eine uralte byzantinische Kirche gestanden hatte, ein neues Gotteshaus zu errichten. Einige Spuren des alten Gebäudes waren dort noch zu finden und man sammelte Geld, um auf den Überresten neu aufzubauen. Doch das, was zusammenkam, reichte nicht, und so entsandte man zwei Freiwillige auf die Dodekanes-Inseln, um die Summe zu investieren und das Geld zu mehren. Die beiden verschwanden und man sah und hörte nie wieder von ihnen. Die Angelegenheit wurde als böses Omen aufgefasst und drei Jahrzehnte lang passierte nichts mehr.

1972 schließlich nahm man den alten Plan wieder auf und entdeckte bei Grabungen einige antike Marmorsäulen. Im Folgejahr stand dann bereits eine kleine Mauer aus mutmaßlichen Bausteinen der ursprünglichen Kirche. Eine Nische wurde in die noch unfertige Wand eingebaut, in der man eine Öllampe und das Bild des Propheten Elijahs aufstellte. Am 20. Juli desselben Jahres, dem Gedenktag des Heiligen, pilgerten erstmals einige Bewohner zum Bildnis und hielten eine Vesper ab. Doch es dauerte kein weiteres Jahr, bis das zuständige Kirchenoberhaupt weitere Aktivitäten am halbfertigen Altar verbot. Denn wo keine gesegnete Kirche steht, da dürfe es auch keine Messen geben.

Und wenn sich doch am 20. Juli auch heute noch Gläubige am Bild des Propheten und der Öllampe einfinden, so scheint die Geschichte des Wiederaufbaus der Kirche dennoch vor bald 50 Jahren ihr vorläufiges Ende gefunden zu haben.

Weiter geht es den kiesigen Weg hinab, bis ich nach etwa 10 Minuten auf eine asphaltierte Straße treffe.  Hier passiere ich das erste mal seit Stunden wieder bewohnte Häuser, treffe zwei, drei Autos, die an mir vorbeiziehen und sogar einen Hund, der mich kritisch beäugt. Das Leben hat mich wieder! Noch ein paar hundert Meter weiter und ich stehe am Fischerhafen von Pano Koufonisi.

Während man auf so vielen der griechischen Inseln von alten Fischerdörfern und Häfen spricht und damit Buchten meint, in denen sich längst nur noch Tavernen und Pensionen aneinander reihen, während ein paar Ausflugsboote am Hafenbecken für die nächste „Daily Excursion“ werben, ist der Begriff hier einmal wirklich angebracht. Netze liegen quer über den Strand verteilt und zahllose Schiffchen wiegen sich im goldenen Abendlicht, während Fischer auf Ruderbooten zwischen ihnen und dem Land pendeln oder vor einem der Stahlcontainer sitzen, in den Reparaturarbeiten und Vorbereitungen für die abendliche Tour laufen. Eine Ouzeri namens Aneplora steht einsam als einziges festes Gebäude an der Bucht und bis auf zwei ältere Männer, die auf Stühlen davor sitzen, ist niemand zu sehen. Offenbar dient die Terrasse als Treffpunkt, doch ansonsten scheint hier zumindest am heutigen Abend die Tür verschlossen.

Die Kykladen können mehr als immer nur weiß-blau, Pano Koufonisi

Einmal mehr stellt sich in diesem Augenblick und mit Blick aufs Meer ein Bild völliger Idylle ein. Die Stille der Insel, das diffuse Licht und die Gemächlichkeit, mit der die Bewohner ihrem späten Tagwerk nachgehen, während ich wie unsichtbar Zeuge dieser Szenerie sein darf und mich auch keiner beachtet, als ich am Wasser von Fels zu Fels hüpfe, um Fotos zu machen, sind unbeschreiblich harmonisch. Hier spielt sich ungestörtes Inselleben ab, wie es seit langer Zeit zu diesem Eiland gehört. Gerade die Fischerei ist es eben auch, die hier eine unverändert große Rolle spielt. Und nicht zuletzt darum stößt man immer wieder auf die Information, dass Pano Koufonisi, gemessen an seiner Einwohnerzahl, eine der größten Fischereiflotten des Landes beherbergt.

Ich genieße die Atmosphäre einige Zeit und als sich die Sonne schließlich langsam am Horizont verabschiedet, mache ich mich auf, zurück in die Chora zu gehen. Von hier ist es nun noch ein guter Kilometer, bis ich meine Inselumrundung abgeschlossen habe. Die letzten Meter fühlen sich dementsprechend leicht an. So sehr ich die Ruhe auch genossen habe, die tollen Aussichten auf Keros, die gemütliche Zeit in den regengeschützten Höhlen und das faszinierende, beinahe surreal wirkende Türkis des Meeres, das die Insel an so vielen Stellen umgibt, so sehr freue ich mich jetzt auf ein paar freundliche Gesichter und ein gutes Essen.

Bevor es so weit ist, kann ich es mir aber natürlich nicht nehmen lassen, noch ein paar Bilder von der Mühle an an der alten Werft zu machen, die sich am westlichen Ortseingang befindet, gleich neben dem Friedhof. Sie ist die zweite der beiden Mühlen, die heute noch auf Pano Koufonisi zu finden sind. Erbaut wurde sie vor fast 200 Jahren und sie zeugt von der autarken Lebensweise auf der lange Zeit nur schwer erreichbaren Insel, auf der erst Mitte der 80er Stromleitungen verlegt wurden und seltener als ein mal die Woche eine Fähre anlegte.

Links die Werft, mittig die 1830 erbaute Mühle, rechts die St. Nicholas Kirche am Friedhof – Chora,Pano Koufonisi

Im Hintergund links der Ortseingang, hinten die Insel Keros und rechts Kato Koufonisi – Chora, Pano Koufonisi

Jetzt aber ist mein Akku leer – und mein Magen auch. Ich bin ganz euphorisch ob der Tatsache, dass ich es geschafft habe, ein mal um die Insel herumzuwandern und will mich mit einer warmen Dusche und einem kühlen Bier belohnen. Der Ort ist schnell durchquert und wenig später stehe ich wieder dort, wo man mich heute Morgen so resolut empfangen hat – am Vordach der Melissa Fish Tavern. Ein leichtes Schaudern durchfließt meinen geschundenen Körper, aber das Haus liegt komplett im Dunkeln und ich darf mich in der Gewissheit wiegen, hier heute niemandem mehr zu begegnen.

Eine Stunde später bin ich wieder auf der Straße. Kurz hinter der Werft, noch außerhalb des Ortes, war mir vorhin ein Licht aufgefallen, eine Tür, eine Terrasse, die, wenngleich niemand draußen zu sehen war, darauf schließen ließ, dass sich im Haus ein Kafenio oder eine Taverne befinden könnte. Zwar gab es auch in der Chora selbst ein paar Anhaltspunkte für kalte Getränke und warme Speisen, aber die irgendwie geheimnisvolle Atmosphäre dieses schlecht beschilderten Etablissements abseits der (ohnehin schon wie ausgestorbenen) Hauptwege hat sich in meinem Innern bereits viel zu sehr verselbstständigt als dass ich ihrer Anziehungskraft nicht längst erlegen wäre.  So tapse ich im nunmehr nächtlichen Dunkel zurück zu besagtem Haus und bin mir, dort angekommen, noch immer unschlüssig, ob ich vor einer zu dieser Zeit des Jahres privaten Wohnung oder einem öffentlichen Lokal stehe. Ein kurzer Blick durch die Gardinen bringt mich nicht weiter. Denn während drinnen zwar Tische und Stühle in einer Menge sichtbar sind, die darauf schließen lässt, dass man hier grundsätzlich Gäste empfängt, sind ansonsten nur drei Personen auszumachen, augenscheinlich ein altes Ehepaar mit ihrer erwachsenen Tochter, die gemeinsam speisend und redend vor dem Fernseher sitzen.

Beherzt klopfe ich an die Tür und der Mann tritt heran, neugierig und freundlich mit fragendem Blick. Ich vermelde Durst und Hunger und den Wunsch nach vegetarischer Kost, wobei die englischsprechende Tochter vermittelnd dazu tritt. Zunächst scheine ich Pech zu haben, denn obwohl man mich gern bedienen möchte, sei mit den vorhandenen Mitteln kein vegetarisches Essen zuzubereiten. Selbst für einen Choriatiki scheint nicht alles im Haus zu sein, was nötig ist. Mann und Frau beraten – und schließlich kommt die erlösende Botschaft, dass man mir etwas improvisieren würde.

Ich bin doppelt glücklich über die Aussicht auf Essen und die Tatsache, dass ich hier tatsächlich eine offene Tür gefunden habe (im Übrigen zu dieser Jahreszeit keine Selbstverständlichkeit, wie ich zwei Tage später auf Iraklia feststellen werde) und signalisiere, dass ich mich draußen auf die Terrasse setzen würde. Viel zu sehen ist hier im Dunkeln nicht mehr, aber ich bin mir noch immer unschlüssig darüber, ob der Innenraum im Augenblick überhaupt für Gäste geöffnet ist. Immerhin ist Mite November und es würde mich nicht wundern, wenn hier seit Tagen niemand mehr eingekehrt ist, schon gar niemand Fremdes.

Doch dann kommt zum Tragen, was man wohl griechische Gastfreundschaft nennt. Denn als der ältere Herr mit meinem Bier an der Tür erscheint, lädt er mich ein, mich nach drinnen und zu ihnen zu setzen. Das Angebot kann man wohl kaum ausschlagen. So komme ich unvermittelt in den Genuss, der Namenspatronin des To Steki Tis Marias dabei zu zuzusehen, wie sie mir mein wohlverdientes Mahl zubereitet.

Maria zaubert mit dem, was da ist und ich bin vor Aufregung ganz verwackelt. Chora, Pano Koufonisi

Und dann steht da vor mir, wovon ich seit geraumer Zeit träume: Käse, Olive, Tomaten und Öl, Brot und ein großes Fix. Hallelujah.  Es ist ganz wunderbar hier drinnen zwischen den vielen Fotos, auf denen offenbar Familienmitglieder aller Generationen zu sehen sind, zwischen Kitsch und Tand, der sich über die Jahre angesammelt hat und gleich am Heizlüfter, der glühend da steht, wie um noch mal zu beweisen, dass der Sommer bereits lang hinter uns liegt. Marias Mann erzählt mir von seiner Reise nah Athen, vom schlechten Wetter und der gestrigen Katastrophe dort und davon, was er über Deutschland weiß. Ich erzähle ihm, dass ich von Insel zu Insel reise und es mein Ziel ist, alle griechischen Inseln zu besuchen, auf denen irgendwer lebt. Zwar spreche ich kein Wort griechisch und er keines englisch, geschweige denn deutsch. Aber wir verstehen uns.

Jetzt aber fix! To Steki Tis Marias. Pano Koufonisi

Nach dem Essen bringt mir Maria einen Rakomelo und ein Stück Obst, dass sie in Sirup eingelegt hat. Leider stoßen wir nun an unsere Sprachbarrieren und es bleibt ein Geheimnis, welche Frucht sicher hinter dem köstlichen Geschmack irgendwo zwischen Feige und Quitte verborgen hat, der zum Abschied meine Sinne verwirrt. Ich bedanke mich artig, wir tauschen ein paar gute Wünsche aus und wenig später hat die Dunkelheit mich wieder. Was für ein wunderbarer Abschluss für einen langen Tag.

Obwohl… die Bar, die ich nun in der Ortsmitte geöffnet vorfinde, kann ich dann doch nicht links liegen lassen und ich kehre noch einmal ein, um bei Musik und unter Menschen die Fotos des Tages zu sortieren. Nach ein paar neugierigen Blicken auf allen Seiten tauche ich ab in die fernwehschwangere Musik, die lautstark vom Tresen des Astrolouloudo herüber tönt.

Wer auf Pano Koufonisi so gar nicht schlafen will, der schaut mal in der „Aster“ vorbei. Astrolouloudo, Pano Koufonisi

Nach einer weiteren Stunde endlich müde und die Erschöpfung des langen Tages spürend, freue ich mich nun auf mein Bett. Ich verabschiede mich und komme auf dem Rückweg an einem Haus vorbei, durch dessen großes, geöffnetes Fenster ich eine zu so später Stunde merkwürdig anmutende Feier entdecke, auf der Schulkinder einen Tanz aufführen. Ein Geburtstag? Ein religiöses Fest? Auf jeden Fall aber: Ein weiterer Eindruck und Beweis dafür, dass die Uhren in einer Gemeinde mit wenigen Hundert Einwohnern anders ticken. Denn es überrascht mich kaum, dass ich gleich als nächstes die junge Frau unter den Feiernden erblicke, die ich vorhin noch in meiner Fantasie zu Marias Tochter gemacht hatte. Hier scheint wirklich jeder jeden zu kennen. Und zwar wirklich und wahrhaftig. Freundlich winkt sie mir zu.

Will man so leben? Ich könnte es nicht sagen. Und wenn ich daran denke, mit welch schlechter Stimmung der Tag begonnen hat, dann sollte man meinen, dass hier nun wahrlich nicht die ewige Glückseligkeit verborgen liegt. Doch mit dem Verlauf des Tages und dem Untergang der Sonne hat sich Pano Koufonisi Stück für Stück zu einem so bodenständig einfachen, herzlichen und in alle gedämpften Farben des griechischen Herbstes getauchten Fleckchen Erde verwandelt, dass, als ich endlich im Bett liege, das Paradies plötzlich gar nicht mehr so weit weg scheint. Morgen aber geht es erst mal nach Schinoussa.

Mein Eindruck

  • Pano Koufonisi ist im Vergleich zu vielen Nachbarinseln nicht unbedingt bildschön, hat aber durch die geologische Beschaffenheit eine ganz eigene Atmosphäre
  • Die Insel eignet sich gut für kurze Aufenthalte
  • Ideal für leichte Tageswanderungen
  • Einige sehr schöne Strände
  • Touristisch erschlossen und dennoch ruhig
  • Die lebhafteste der Kleinen Kykladen

 

 

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