Wie ich die Geometriker suchte und einen Asteroiden fand, wie man antike Tempel recycelt und welche Geister am Hafen von Naousa spuken, wohin der Wind mich wehte und warum ich eigentlich gar nicht hätte hier sein sollen: Eine Wanderung übers spätwinterliche Paros. 

Besucht: 07. – 09. März 2016

  • zentrale Kykladen
  • Einwohner: ca. 13.700
  • 196 km² 

Eigentlich wollte ich nach Ikaria…

Der klangvolle Name dieser Insel muss mir in einem Gespräch untergekommen sein. Oder in einem der Artikel, die dieses Eiland als urtümlichen Flecken im Meer darstellen, auf dem die Bewohner sich erst mit der Abenddämmerung aus ihren Häusern wagen, sich die ganze angenehm milde Nacht über auf den Dorfplätzen versammeln und aufgrund ihrer naturverbundenen Lebensweise und Ernährung Altersrekorde brechen, von denen man sonst nur in Zusammenhang mit Himalaya-Regionen hört. Im Augenblick meiner Abreise nach Griechenland war mir all das nicht mehr gegenwärtig, aber etwas brachte dieser Name dennoch in mir zum Klingen… Ikaria. Ein Wort wie ein Versprechen, das sich einlösen würde, wenn ich meinen Fuß das erste Mal von der Fähre und auf den Boden der Insel setzte. Ganz so wie „Sansibar“, „Tuvalu“ oder „Bora Bora“, deren Namen wie aus sich selbst heraus eine Geschichte erzählen. Etwas würde passieren, wenn ich zum ersten Mal in das Leben eines so abgelegenen Stück Griechenlands mitten im Meer treten würde. Doch zu aller Freiheit und Leichtigkeit, die eine nicht vorausgeplante Reise mit sich bringt, gehört natürlich auch, dass manchmal alles anders kommt, als man es sich ausmalt.

Es ist Anfang März und ich lande gegen Mittag in Athen. Die Stadt empfängt mich mit ihrem ungewohnt hellen und freundlichen Licht und die Temperaturen dieses griechischen Spätwinters gingen in Mitteleuropa längst als sommerlich durch. Trotz lärmenden Verkehrs und der Allgegenwärtigkeit jener mehrstöckigen, grauen Häuserblocks, bei denen nicht zu erraten ist, ob sie in den Vierzigern oder den Achtzigern gebaut wurden, bin ich beeindruckt von den leuchtenden Farben der die Straßen säumenden Bäume, an denen schon – oder noch? – Zitronen und Orangen hängen. Ich kaufe mir ein Ticket für die Ruinen des Olympieion in Sichtweite der Akropolis, setze mich in den Schatten, und recherchiere, nachdem ich die beeindruckende Szenerie eine gute Weile auf mich habe wirken lassen, die Reisemöglichkeiten nach Ikaria.

Der Zeus-Tempel Olympieion, die Akropolis und reichlich unsensibel in die Szenerie gezogene Bürohausarchitektur. Athen

Kaum eine Fähre ist Anfang März auf dem Weg dorthin und wenn, dann auf so ungünstigen Routen, dass während meines kurzen Aufenthalts in Griechenland nur ein Tag für die Erkundung der Insel bliebe. Ikaria muss warten. So schnell können sich die Dinge ändern. Ich schlage also nach, welche Schiffe noch heute Nachmittag vom Hafen Piräus ablegen würden. Bald steht fest: Die nächste Fähre geht in etwa drei Stunden und das weiteste Ziel, das noch vor Mitternacht erreichbar wäre, ist Paros.

Piräus ist eine traurige Ballade

Ich mache mich auf dem Weg zum Hafen. Piräus ist ein einziger lauter Moloch mit viel zu vielen Autos und Gehwegen in desaströsem Zustand. Der Lärmpegel dieser mehr noch als Athen von Verkehr geplagten Stadt ist beträchtlich. Beim Überqueren von Straßen ist man besser beraten, zwischen den Lücken der unnachlässigen Fahrzeugströme hindurchzueilen, als darauf zu hoffen, dass man sich bei grüner Fußgängerampel gefahrlos seinen Weg bahnen könne. Denn während die Autofahrer in einer solchen für sie untragbaren Situation und Erwartung ihres neuerlichen Startsignals ungeduldig das Anrollen auf dem Fußgängerüberweg proben, gilt das Haltegebot für zweirädrige Maschinen offenbar erst gar nicht.

Nachdem ich mir in einem der zahllosen nur mit dem Nötigsten eingerichteten Ferry Offices zwischen Metrostation und Hafen ein Fährticket besorgt habe, flüchte ich mich in eine ruhige Seitenstraße, die sogleich mein Interesse weckt. Markisen, verriegelte Stahltore, verlassene Warenstände und nicht zuletzt der Geruch lassen darauf schließen, dass hier regelmäßig ein Umschlagplatz für Meerestiere aller Art zum Leben erwacht. Wo Einheimische Markt halten und empfindliche Nasen vorbeieilen, dort kann eine urige Taverne nicht weit sein, so hoffe ich – und werde nicht enttäuscht! In einem baufälligen Haus, hinter einer holzvertäfelten Fassade mit dem eingeschnitzten Hinweis auf die Eröffnung im Jahre 1926, lockt der Klang einer Bouzuki.  Als ich die Taverne „To Steki Tou Artemi“ betrete, sitzen unter Familienfotos, Motiven aus Schwarzweißfilmen und allerlei Tand eine Handvoll angetrunkener alter Männer, die lallend zu den Rembetika des in der Ecke sitzenden Musikers singen.

Schnaps und Rebetika – Das vor bald 100 Jahren eröffnete „To Steki Tou Artemi“ am Hafen. Piräus

Wenngleich mich meine erste Reise nicht nach Ikaria führen wird, so spüre ich an diesem schlichten, trostlosen und doch so rührend menschlichen Ort sofort, dass sich jener unterschwellige Ruf, der mich hierhin gelockt hat, an diesen alten Hafen, der seit der Antike Reisende hinaus schickt aufs Meer, ins Unbekannte und, in früheren Tagen, oft auch ins Ungewisse, sogleich in den Beginn einer Erzählung verwandelt. Meiner eigenen, meiner griechischen Erzählung. Ich lege meinen Rucksack ab, bin glücklich ob der der Tatsache, dass mein Schiff erst in 90 Minuten ablegt und lausche bei Choriatiki und Bier den alten Liedern, deren inniger Vortrag von den Anwesenden alle paar Strophen mit leidenschaftlicher Gesangsunterstützung und klirrenden Gläsern quittiert wird. So einfach ist das. Und so wunderschön.

An Bord

Als die Sonne tiefer steht, gehe ich zum Anleger. Blue Star Ferries hält den Fährbetrieb zwischen den Inseln auch außerhalb der Sommersaison aufrecht, wobei Paros als zentral gelegene Kykladeninsel noch einigermaßen häufig angefahren wird. An Bord angekommen, buche ich mir online ein Zimmer für die erste Nacht im Hafenort Parikia. Und endlich, mit dem Tagesziel vor Augen, stelle ich mich aufs oberste Deck und genieße die Wärme der spätnachmittäglichen Sonne, während sich das Schiff gemächlich durch das große Hafenbecken schiebt, um schließlich südwärts entlang der attischen Halbinsel dem Mittelmeer entgegenzusteuern.

Endlos ziehen sich die verwachsenen Orte an der Küste entlang, bis das Festland mit dem Poseidon-Tempel auf dem Kap Sounion endet und nach und nach am dunstigen Horizont verschwindet. Die ersten Inseln sind da längst auszumachen. In der Ferne, zwischen Kea und der früheren Verbannungsinsel Makronisos sind Andros und Tinos zu erahnen. Auf dem unbewohnten Eiland Agios Giorgios drehen sich Windräder, was einen merkwürdig unpassenden Eindruck macht und doch hier, so nahe dem Großraum Athen, nicht völlig fehl am Platz scheint. Bevor es schließlich dunkel wird, lassen sich Gyaros, Syros und Kythnos ausmachen. Weiße Fleckchen am Hang, an denen wir behäbig vorüber ziehen, entpuppen sich als kleine Siedlungen und mit jedem Ort, der sich vor meinem Auge auftut, frage ich mich, wer wohl draußen in der Abenddämmerung zusammen sitzt, wie sich das Leben mit zunehmender Entfernung vom Trubel des Kontinents anfühlt und was man sich dort erzählt.

Mir ist bereits klar, dass ich jede künftige Reise in die Ägäis über Piräus auf dem Wasserweg begehen werde und das Schiff den vielfach schnelleren Flugverbindungen auf die Inseln vorziehe. Zu schön und beruhigend ist es, die kaum zu überblickende Anzahl an Felsen und Inseln zu betrachten, denen man im Verlauf der stundenlangen Fahrt begegnet. Eine eigene Welt tut sich auf. Außen und innen. Immer wieder legen wir kurz an, um Menschen und Dinge des täglichen Bedarfs auszutauschen. Die Post wird ausgeladen, ein dreirädriger Lieferwagen voller Kartoffeln rollt heraus. Mal wird ein Kühlschrank in Empfang genommen, mal eine ganze Einbauküche. Geschäftige Zimmervermieter versuchen ihre Gäste zu erspähen oder noch kurzfristig eine Bleibe an die Neuankömmlinge zu vermitteln. Verwandte liegen sich am Kai in den Armen.

Ich schlendere auf den Decks umher, müde und glücklich, esse ein vertrocknetes Stück Blätterteiggebäck mit Feta aus dem Bordcafé und träume im beruhigend wummernden Bass des tief im Schiff verborgenen Maschinenraums vor mich hin. Mit einstündiger Verspätung erreicht die „Blue Star Naxos“ kurz vor 23 Uhr Parikia auf Paros und ich trete mit zwei Handvoll Reisender an Land.

Am nächsten Morgen: Die Kirche Agios Nikolaos begrüßt Neuankömmlinge am Hafen. Parikia, Paros

Die vom Kreisverkehr umzingelte Mühle im kykladischen Stil buhlt ebenfalls um Aufmerksamkeit am Fähranleger. Parikia, Paros

Sturm und Trank

Das erste Wort, das ich in dieser Nacht lerne ist „Meltemi“. Jenes ägäische Windphänomen, das den ganzen Sommer lang auf fast allen Inseln der Region zu spüren ist, legt dieses Jahr besonders früh los, wie mir die freundliche, sturmzerzauste Dame versichert, die mich im Auftrag meines heutigen Vermieters mit ihrem Geländewagen am Hafen einsammelt. Sie fährt mich und zwei europareisende Japanerinnen zum „Joseph Apartment“ am Ortsrand, in das ich mich für rekordverdächtig günstige 23 Euro einquartiert habe. Im Dunkel sausen wir an einer alten Windmühle und einigen kleinen Läden vorbei und sind innerhalb von drei Minuten am Ziel. Nach kurzer Schlüsselübergabe und dem Hinweis auf die Stromsicherung, die bei Bedarf an warmem Wasser eingeschaltet werden müsse, verabschiedet sich die charmante Chauffeurin und ich lege mich erschöpft und beseelt auf mein Bett für die erste Nacht.

Ein bisschen weniger künstlicher Shabby Chic hätt’s auch getan – gemütlich ist’s aber allemal!  „Joseph Apartments“, Parikia, Paros

Eine warme Dusche später wage ich mich wieder heraus in den Sturm, in der Hoffnung am Hafen eine Taverne zu finden, die im Winter, noch dazu so kurz vor Mitternacht, geöffnet hätte. Ich gehe die Uferstraße an einigen Tamarisken entlang, die sich bedrohlich laut knarzend über mir winden und finde schon nach etwa 500 Metern die „Ouzeri Apostolis“, die ihren großen Vorgarten zu dieser Jahreszeit hinter transparenten, wind- und wetterfesten Markisen und Kunststoffwänden versteckt. Da nur zwei weitere Gäste im provisorischen Vorbau sitzen, fällt die Aufmerksamkeit des drinnen an der Küchentür lehnenden Wirts sofort auf den neugierig durch die Planen Spähenden und er winkt mich herein. Dankbar nehme ich an, lasse mich auf einen Korbstuhl in der Ecke fallen und werde sogleich freundlich umsorgt. Als ich feierlich eine mit Feta überbackene Aubergine und zwei Bier verschlungen habe, verlasse ich satt und angenehm müde die Taverne, um noch einen kleinen Spaziergang am Hafen zu unternehmen.

Der Wind hat in der Zwischenzeit eher zugenommen als nachgelassen und zwischen den Masten der wenigen ankernden Boote pfeift er, als hätte man ihn eigens für einen Gruselfilm um ein altes Geisterschloss arrangiert. Keiner der 5000 Bewohner scheint mehr im nächtlichen Ort unterwegs. Ich gehe einmal um die sich nahe dem Fähranleger befindliche Panagia Ekatontapyliani, eine Jahrhunderte alte Kirche, die neben der Basilika Panagia Evangelistria auf Tinos wichtigster Marienwallfahrtsort in der Ägäis ist. Aus dem auf der Rückseite gelegenen Garten biegen sich die Nadelbäume im tosenden Wind so tief über den Gehweg, dass ich die Straßenseite wechseln muss und dabei unwillkürlich ein paar der allgegenwärtigen Katzen aufscheuche, die eilends und fauchend als nächtliche Schatten zwischen den Müllcontainern verschwinden. Erschrocken lache ich in mich hinein und befinde, dass der Augenblick gekommen sei, diesen langen Tag zu beschließen.

Was ist hier eigentlich los..!?

Als ich gegen 10 Uhr ausgeschlafen die Tür absperre und den Schlüssel wie abgesprochen in den Briefkasten werfe, beginnt endlich mein erster „echter“ Tag auf einer griechischen Insel. Und heißt sie auch noch immer nicht Ikaria, so bin ich doch sofort angetan von der trägen Stimmung an diesem milden Wintertag, an dem die Temperaturen sich schon kurz nach dem Aufstehen der 20-Grad-Marke nähern. Während des Frühstücks in der nahegelegenen Bäckerei, beschließe ich eine Wanderung nach Naousa zu unternehmen sobald ich mir Parikia näher angesehen hätte. Einige der älteren Herren mit Gehstock an den Nebentischen können sich offenbar nicht so recht entscheiden, ob sie mich als Tourist, der ich bin, einfach ignorieren oder meinen fleckigen Rucksack und mich in meinen abgewetzten Chucks doch noch einen Augenblick lang näher unter die Lupe nehmen sollen.

Ich jedenfalls sauge jeden Augenblick dieses Morgens genussvoll in mich auf und gewinne schon bald erste wichtige Erkenntnisse: Den Kaffee, so lerne ich als passionierter Trinker dieses Elixiers, nimmt man in Griechenland gern eisgekühlt, als Insta-Variante von Nestlé und mit der maximal auflösbaren Menge an Zucker zu sich. Bevorzugt man die heiße Version, so sollte man dies bei der Bestellung am besten direkt mit angeben, um weitere Fragen zu vermeiden. Und mit der Bitte um die Zugabe von lediglich „little sugar“ bekommt man ein Getränk ausgehändigt, das zwar noch immer als Süßspeise durchgeht, aber durchaus genießbar ist.

Nanu, kommen die Touristen nicht erst ab Mai? Parikia, Paros

Mit einem ebensolchen Begleiter in der Hand schlendere ich nun durch die wie vom nächtlichen Sturm menschenleergefegten Gassen des Ortes, dem man sofort ansieht, dass er in den Sommermonaten von Touristen nur so wimmelt. Hinter Schaufenstern und geschlossenen Ladentüren warten gelangweilt aufblasbare Gummikrokodile und verblassende Postkarten darauf, dass endlich wieder Saison wäre und man sich ihrer annehmen und vorgegebenen Bestimmung zuführen möge. Jetzt im März aber bleiben ihre Hoffnungen vergebens. Der einzige Tourist, der in dieser Stunde mit einem Pappbecher in der Hand schmunzelnd seiner Wege geht, genießt einfach nur die stille Szenerie.

Überall in Parikias Gassen verstecken sich kleine Kirchen und Kapellen – Etwa die Agia Triada nahe des Marktplatz. Paros

Die Reihen all der kleinen Läden, Boutiquen und Snackshops im verwinkelten Ortskern werden immer wieder von Abzweigungen und Plätzen unterbrochen, an denen sich kleine Kirchlein befinden, deren Türen oftmals so niedrig sind, dass man sich fragt, aus welch grauer Vorzeit sie wohl stammen, wenn offenbar keines der Gemeindemitglieder eine Körpergröße von 1,50 m überschritten hat. Oder hat man so ganz einfach schon beim Eintreten für die huldvolle Verbeugung vor den obligatorischen Ikonen sorgen wollen?

Ich wandere weiter durch den Ort und entdecke ein Gebäude, dass aus äußerst merkwürdigem Baumaterial zusammengesetzt scheint und sich stilistisch zudem signifikant von den Häusern drumherum unterscheidet: Runde Marmorbrocken, die aussehen, als hätte man Mühlsteine im Mauerwerk verbaut und große sandfarbene Blöcke, die kaum Platz für ein paar Luken in den Wänden lassen, bestimmen das Bild. Es handelt sich um das sogenannte „Frankish Castle“, verrät mir das Internet, Überreste einer Befestigungsanlage, die vor etwa 750 Jahren an der höchsten Stelle des Orts gebaut wurde, und deren Bauherren dabei offenbar auch von den Überresten eines antiken Demeter-Tempels Gebrauch gemacht haben. Die „Mühlsteine“ entpuppen sich als Bauteile antiker Tempelsäulen.

Der Fuß des „Frankish Castle“ in einer der beschaulichen Gassen Parikias – Blasphemie oder Pionier im Bauschutt-Recycling? Parikia, Paros

Nachdem ich per Zufallsprinzip ein paar weiteren Abzweigungen des Labyrinths der schmalen Wege folge, mache ich mich langsam wieder auf den Weg hinunter zum Fähranleger, um mich an der Hafenstraße orientieren zu können, die mich nach Naousa führen soll. Immer wieder bleibe ich dabei kurz stehen, beeindruckt von der harmonischen Ruhe, die der Ort zu dieser Jahreszeit ausstrahlt. Katzen stolzieren zwischen den in den Gassen stehenden Blumentöpfen umher oder sonnen sich auf den Eingangstreppen vor den Haustüren, die Bewohner gehen am geöffneten Fenster ihrem Alltag nach, waschen Wäsche, kochen zu Mittag und lassen sich nicht weiter irritieren vom umherirrenden Touristen. Bald schon werden seinesgleichen wieder im Minutentakt staunend vor den Häusern verharren.

Plätzchen für Schwätzchen. Parikia, Paros

Tzja, jetzt is guter Rat teuer… wo liegt das Glück? Parikia, Paros

Auf zu neuen Ufern

Mit einer Flasche Wasser und Obst im Gepäck mache ich mich schließlich zu Fuß auf den Weg ins etwa 12 km entfernte Naousa. Der Ruf dieses kleinen Hafenorts eilt ihm voraus und ich stoße immer wieder auf Kommentare, die verlauten, dass sich hier einer der schönsten Häfen der Kykladen befindet.  Zunächst aber staune ich über die Flora der Insel, die bereits zu so früher Zeit im Jahr die ersten Blüten hervorbringt. Von der Pracht der Bougainvilleen, die im Sommer überall in den Dörfern die Wege und Plätze säumen, ist das zwar noch weit entfernt, aber kaum verlasse ich den Ort, ist die Straße links und rechts von Feldern und Wiesen gesäumt, in denen es zwischen Blumen aller Farben bereits geschäftig summt und wuselt.

Eine namenlose Kapelle und die ersten Vorboten des Sommers an der Straße nach Naousa kurz hinter Parikia, Paros

Da ich keinen ausgewiesenen Wanderweg entdecken kann, folge ich weiter der asphaltierten Straße. Zwar sind nicht allzu viele Fahrzeuge unterwegs, weshalb die meiste Zeit eine angenehme Ruhe herrscht. Das Gefühl vollendeter Idylle vermag sich angesichts der breiten Straße und der auf ihr gelegentlich vorbei rumpelnden LKW aber nicht so recht einstellen, zumal sie auf einer tiefen Ebene quer durchs nördliche Inselinnere führt und nur selten einen guten Blick aufs Meer freigibt. Zudem erscheint mir Paros relativ dicht besiedelt, ein Eindruck, der sich bei späteren Besuchen von Inseln wie Amorgos, Sikinos oder Nisyros bestätigt. Trotzdem genieße ich die wohltuende Wärme, das Licht und den Duft des frischen Grüns.

Nach anderthalb Stunden mache ich einen Abstecher in eine nahegelegene Siedlung, die aus kaum mehr als ein paar Steinwällen, Bauernhäusern, einem Esel und einem verrosteten Traktor auf einem Acker besteht und erhasche einen Blick auf das 400 Jahre alte Kloster Longovardas, das für ein Foto und meinen Plan, vor Sonnenuntergang am Ziel zu sein, allerdings zu weit entfernt ist – zumal ich vor Ankunft in meiner neuen Bleibe in Naousa noch den Strand von Kolimbithres besuchen möchte, von dem es heißt, er biete dem Besucher eine eindrucksvolle und bizarre Mondlandschaft.

Der Asteroid der Geometriker

Zwei Stunden später ist es dann so weit. Ich gelange ans Ende der grünen Ebene, in die hinein sich eine lange Bucht erstreckt, biege dann aber nicht nach rechts, nach Osten in Richtung meines Zielortes ab, sondern folge einem Feldweg und umrunde das Wasser nach Nordwesten. Unterwegs passiere ich einen verlassenen Campingplatz und einen einsamen Flamingo (!), der es sich dank Saison-Pause in unmittelbarer Nähe im seichten Gewässer gemütlich gemacht hat und entspannt Ausschau nach Essbarem hält.

Ob der Mond wirklich so aussieht, kann vielleicht nur Neil Armstrong beantworten. Der Strand von Spiekeroog sieht jedenfalls anders aus. Im Hintergrund erstrecken sich die Ausläufer von Naousa, Paros

Und ja, es stimmt schon. Felsformationen wie die am Strand von Kolimbithres bekommt man sicherlich nicht an Nord- oder Ostsee geboten. Im Vergleich zur weiten, surrealen Landschaft von Sarakiniko auf Milos, handelt es sich hier aber weniger um den „Mond“ als viel mehr um ein kleines Asteroidchen, wenn man denn im Bild bleiben möchte. Schön anzusehen ist’s trotzdem. Und so ziehe ich mir die Schuhe aus und lege ich mich eine Weile auf einen der merkwürdigen Felsen in die Sonne, um im plätschernden Meer meine Füße zu entspannen. Bis auf einen kleinen Jungen, der auf der oberhalb gelegenen Straße seine Fahrradfahrkünste trainiert, einen geschäftig umherstreunenden Hund und einem Mann, der in einiger Entfernung einen Verschlag renoviert, welcher im Sommer offenbar als Bootsverleih und Beach Bar dient, ist niemand zu sehen. Ich schließe die Augen, sorge mich ein klein wenig um die Tatsache, dass mein letzter Schluck Trinkwasser längst verbraucht ist, und schließe die Augen… hach.

Als ich mich nach einer guten Stunde wieder aufraffe, bin ich hungrig und vor allem durstig. Oberhalb des Strandes war mir vorhin eine Taverne aufgefallen. Ich setze mir den Rucksack mit meinen sieben Sachen auf und klettere über das extraterrestrische Gestein Richtung Hang zur Straße. Einladend steht das Gebäude mit seiner dem Meer zugewandten Terrasse da. „I Vígla“ – der Hochstand, wie man es vielleicht übersetzen könnte. Aber der schöne Ausblick ist das Einzige, was das Restaurant im Augenblick zu bieten hat. Die Türen sind verrammelt – genau wie die der beiden kulinarischen Mitbewerber, die ich von hier aus in der Nähe erspähen kann. Spätestens jetzt ist es also wirklich Zeit für Naousa. Mit einem gewissen Neid grüße ich den Esel, der direkt am Meer angeleint in seinem Gehege zwischen Stroh und Tränke umher wandert.

In Kolimbithres ist im März nicht gut Kirschen essen – und auch sonst nichts. Der Esel immerhin hat Stroh und Tränke. Und jemandem zum Reden. Paros

Kaum habe ich Kolimbithres ein paar Meter hinter mir gelassen, stoße ich am Wegrand auf ein Schild, das die „Mycenaean Acropolis“ hügelanwärts ausweist. Eine kurze Recherche im Netz besagt, dass es sich hier um die Stätte einer über 3000 Jahre alten Siedlung handelt, die besonders in der Geometrischen Phase von Bedeutung war. Die Neugier ist stärker als mein Durst und so erklimme ich die großen, runden Felsen auf der Suche nach Spuren der mysteriösen Zivilisation. Einen Weg gibt es nicht. Etwa 20 Minuten lang halte ich angestrengt Ausschau, hangle mich von einer Erhebung zur nächsten, springe durch die stachelige Phrygana und schürfe mit beim Klettern die Knie auf, nur um festzustellen, dass offenbar keinerlei sichtbare Spuren aus der Antike zurück geblieben sind. Man hat wohl schlicht feststellen können, dass sich an eben genau dieser Stelle eine alte Ortschaft befunden haben muss und letzte Hinweise darauf fein säuberlich entfernt und archiviert. Was bleibt, sind Felsen, wie sie genau so an jeder anderen beliebigen Stelle der griechischen Inselwelt herumzuliegen pflegen. Halb verdorrt klettere ich zurück hinunter auf die asphaltierte Fahrbahn und bilde mir hoffentlich nur ein, dass der Fahrer des roten Pick-Ups, der in diesem Moment an mir vorbei saust, wissend vor sich hin kichert.

Am Geisterhafen

Eine Dreiviertelstunde später. In Naousa angekommen und mit einer neuen 1,5-Liter-Wasserflasche ausgestattet, beziehe ich kurz vor der Abenddämmerung Quartier im „Madaky Hotel“ gleich am Hafen des ehemaligen Fischerdörfchens, das heute knapp 3000 Einwohner hat und seit einigen Jahren zu den beliebtesten Reisezielen der Kykladen gehört. Die Unterkunft ist schlicht aber gemütlich und mit 30 Euro auch preislich völlig angemessen.

Pittoresk geht anders. Aber nett und gemütlich ist das Madaky. Außerdem gibt es dort wunderbare Plastikschwäne. Naousa, Paros

Orangen im März, Naousa im ❤ – Paros

Kurz nach dem Einchecken schlendere ich durch den Ort, in dem erwartungsgemäß die Bewohner zu dieser Jahreszeit den Takt angeben und Touristen nur in der Nähe des Fischerhafens zu entdecken sind. Ebendiesen wohl berühmtesten Spot der ganzen Insel besuche ich selbst allerdings erst später im Dunkeln, weshalb – man kann es sich kaum ausdenken – kein einziges, eigenes Foto existiert, das ich hier einbinden könnte. Für gute Nachtaufnahmen ist das iPhone 4, das ich zur Zeit meiner ersten Reise auf eine griechische Insel benutze, einfach nicht zu gebrauchen. Und dass ich zwei Jahre später mal in einem Blog über meine kleine Reise schreiben würde, ahne ich an diesem Abend auch noch nicht.

Bei youtube gibt es ein paar Videos, die per Drohne gemacht wurden und die den alten Hafen mit seinen zahllosen Tavernentischchen direkt am plätschernden Wasser in all seiner kykladischen Idylle abbilden.

Jetzt allerdings, nachdem die Wintersonne schon seit Stunden verschwunden ist, stehen die meisten der bunten Holzstühle nur dekorativ auf der Promenade und kein Gast wagt es, in der spätabendlichen Frische dort zu speisen. Umso schöner für mich. Denn als ich durch einen dunklen, engen Tunnelgang kommend direkt auf diese verlassene, spärlich vom Mond und ein paar Laternen beleuchtete Szenerie stoße, bietet sich mir ein Bild von ungeheurer Ruhe und Einsamkeit. Man glaubt fast, die Anwesenheit der alten Fischer zu spüren, die hier noch vor wenigen Jahrzehnten am Hafen ganz unter sich bei Musik und Kartenspiel zusammengesessen haben, bevor es auf die Boote und die abendliche See ging, um das Tagwerk zu vollenden. Ein wohliger Schauer durchfährt mich. Oh seliges Griechenland.

Von diesem unaufdringlich schönen Wanddekor könnte sich die ein oder andere Taverne in der deutschen Provinz bei Gelegenheit mal eine Scheibe abschneiden. Naousa, Paros

Ja, Naousa ist schön. Schöner als Parikia und vielleicht so schön wie Lefkes im Zentrum der Insel, das ich selbst nicht mehr besuchen kann und das als einer der ursprünglichsten Orte auf Paros gilt. Im März profitiert man hier von einer wunderbaren Stille und einem sehr entgegenkommenden Preisniveau bei der Übernachtung. Nur mit dem Essen ist es schwierig, besonders, wenn man, wie ich, Vegetarier ist. Es gibt das weitverbreitete Klischee, dass man als solcher in Griechenland mit all seinen Fischen und Meerestieren und  – so höre ich – köstlichen Fleischgerichten aus dem Ofen, mit Lamm, Hähnchen-Souvlaki und Gyros ohnehin kaum überleben könne. Aber wer so denkt, der hat die Rechnung ohne Fava, Choriatiki, vegetarische Moussaka, Dakos, Gemista, Bamies und köstliche Keftedes aus Tomaten oder Zucchini gemacht. Von Oliven, Brot und Tzatziki mal ganz abgesehen.

Käse, Brot, Oliven und Bier – was braucht man mehr? Am Vorabend in der „Ouzeri Apostolis“. Parikia, Paros

An diesem Abend allerdings schlendere ich mehrfach durch den Ort, bis ich endgültig feststelle, dass außer ein paar Bars, die eher auf den Genuss teurer Getränke ausgelegt zu sein scheinen, im Grunde nur ein ziemlich nach altem Fett riechender Imbiss am Yachthafen geöffnet hat, bei dem ich mich nicht so recht an die offerierten Mezedes traue. Aber was soll’s. Ich hocke mich auf einen der Stühle im angebauten Pavillon, bestelle mir einen Salat und eine Flasche Fix und gebe mich der Atmosphäre aus Sport-TV, Zigarettenrauch und surrenden Coca-Cola-Kühlschränken hin. Nach einem kompletten Tag auf den Beinen und meinen ersten Erfahrungen mit dem griechischen Inselleben gibt es nichts mehr, was meine Laune trüben könnte. Mein Essen kommt… Tomaten, Feta, geröstetes Brot – und innerhalb von Sekunden wähne ich mich bereits im Paradies. Reisen macht Bescheiden. Und Griechenland macht glücklich.

Am nächsten Morgen breche ich in aller Frühe gen Santorini auf.

Mein Eindruck

  • Paros ist keine ausgesprochene Schönheit aber eine gediegene Kykladeninsel mit vielen hübschen Ecken
  • Die Insel ist sehr einfach zu erreichen, auf Ferientourismus ausgerichtet und bietet jeden Komfort
  • Sie ist stark besiedelt, es gibt relativ viel Verkehr und interessante Landschaften
  • Ideal für: Kurzurlauber und Familien mit Schwerpunkt Strand, Essen und Ausgehen
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