Wie ich blinder Passagier wurde, einen Hund hypnotisierte und das bunte Dorf im Nebel besuchte. Wie ich den Riesen am glutroten Ofen traf, mit guten Gaben beschenkt wurde und Jimmy tatsächlich nicht zuhause war. Wo hinter der Pforte das friedliche Himmelreich liegt und wie man eine einsame Insel verlässt, ohne dass ein Schiff anlegt: Ein Regentag auf Thirasia. 

 

Besucht: 17. November 2018

  • Santorini Inselgruppe, Kykladen
  • Einwohner: ca. 320
  • 9,2 km²

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Zu den größten Wundern der griechischen Inselwelt gehört es für mich, wie touristische Apokalypse und unberührte Idylle oft nur wenige Kilometer auseinanderliegen. Um etwa per Schiff nach Nisyros zu gelangen, der kleinen Vulkaninsel im Dodekanes, die knapp 1000 Leute ihr Zuhause nennen, muss man in aller Regel erst mal nach Kos, das 16 km nördlich liegt. Nisyros ist ein Paradies mit einer Handvoll halb verlassener Bergdörfer, beschaulichen Plätzen, bescheidenen Tavernen und ursprünglicher, schlichter, beinahe kykladischer Architektur. Kos dagegen ist ein Entertainment-Inferno. Die historischen Stätten liegen begraben unter lärmenden Tanzbars, Biermeilen, „organisierten“ Stränden, vierspurigen Straßen und Betonburgen. Trauriges Highlight ist das weitläufig augeschilderte „Authentic Greek Village“ Zia, das die kulturhungrigen Touristen in Scharen anzieht, nur um sich vor Ort von zig in Reih und Glied aufgestellten Buden eingeschweißte Souvenir-Oliven, Pizza, Strandtücher mit Delfin-im-Mondschein-Motiv und überteuerte Drinks andrehen zu lassen, während eine endlose Folge fotografierender Quad-Besatzungen brummend durch die zentrale Straße rollt. Ein Village, so authentisch wie das Wildwest-Dorf in Bad Segeberg.

Auch die beieinander liegenden Schwesterinseln Folegandros und Sikinos sind sich so ähnlich – und doch ganz anders. Hier die professionelle Gastronomie, das Weingut, das herausgeputzte Puppenhaus, wo durch rege Bautätigkeit immer mehr Ferienanlagen mit Pool, entstehen. Man weiß sich auf Folegandros als „Geheimtipp“ zu vermarkten. Und noch ist es das vielleicht auch. Dort, kaum 10 km weiter, Sikinos, das karge Nest, eine Insel von fast derselben Größe, wo am Dorfplatz zerfallene Häuser stehen und die nicht mal 300 Bewohner ab dem Herbst quasi isoliert vom Rest der Welt leben.


So nah und doch so fern… die Inseln der Santorini-Caldera, links Thirasia, rechts Santorini

Ein krasserer Unterschied als zwischen Santorini und Thirasia aber ist kaum denkbar. Dabei liegen die Inseln nicht mal 2 km voneinander entfernt und gehören zur selben gigantischen, explodierten, kreisrunden Caldera, aus dessen Substanz die Inseln größtenteils bestehen. Mit ihren steilen, wilden Hängen aus geschichtetem Vulkangestein zur Kratermitte und den auslaufenden, flachen und grünen Ebenen nach außen sehen sich die einst verbundenen Inseln sogar recht ähnlich. Und doch…

Vorn das verlassene Dorf Keros auf der kargen Insel Thirasia, rechts hinten am Horizont thront der Luxusort Oía auf dem Krater von Santorini

Santorini ist kaum zu beschreiben. Jeder der einmal da war, weiß das. Ein Übermaß an ungeheurer architektonischer und geologischer Schönheit trifft auf den globalen Jetset (und alle, die gern dazugehören würden), der in Sunset-Spots, bestrichen mit makellosem Weiß, zwischen renovierten Häusern mit Endless Pools und windschiefen Kapellen Drinks zu astronomischen Preisen schlürft. Der Instagram-Kanal will schließlich gefüttert werden. Santorini ist das Venedig Griechenlands. Lärmend, edel, scheußlich – und wunderschön. Wer das nötige Kleingeld hat, der kann hier für eine Unterkunft auch mal 1000 Euro die Nacht zahlen. Oder noch viel mehr.

Klotzen, nicht kleckern! Oía, Santorini im Spätherbst

Wer hingegen auf Thirasia schlafen möchte, so wie ich, der zahlt gar nichts. Denn „Jimmy“, Besitzer der scheinbar noch immer einzigen Unterkunft auf der Insel, ist nicht zuhause. „Sorry, my friend, I have to close that day. I’m going to the doctor, to Athens“ murmelt er mir bereits vor einigen Wochen ins Telefon, als ich erstaunt feststellen muss, dass weder Google noch Booking.com und nicht mal Airbnb (das ich maximal als Notlösung nutze) etwas von einem Zimmer auf der Insel zu wissen scheinen. Abgesehen eben von den paar Betten bei Jimmy, die er als „Zacharo Rooms“ am Ortstand von Manolás vermietet. „But thank you for your call. See you next time.“ Wir legen auf.

One Night in Santorainy

Auch meine Versuche, über die zwei, drei Tavernen und Cafés, deren Mail-Kontakte ich im Internet finden kann, im Vorfeld etwas Privates aufzutun, verlaufen im Sande. Thirasia ist auf meinen Besuch so spät im Jahr schlichtweg nicht eingestellt. Wohl oder übel gebe ich meine Übernachtungspläne auf. Und so beginnt mein Thirasia-Trip an einem verregneten Novemberfreitag am gegenüberliegenden Ufer, auf Santorini, von wo aus am nächsten Morgen um 8 eine Fähre hinübergehen soll. Ausgerechnet von Oía, dem Luxusdorf der Luxusinsel. Mein Zimmer an der Straße am Ortsausgang, das ich nach der Anreise aus Piräus und einer flotten Wanderung ab Fira im klammen Dunkel erreiche und morgens um 7 wieder verlassen werde, ist das günstigste von zu dieser Jahreszeit immerhin noch über 100 Angeboten und kostet als solches stolze 70 Euro.

Jaja, ich eile! Vor mir versinkt Oía in Dunkelheit – die 10 km hierher bin ich über den Caldera-Rand gelaufen, nachdem der Hafen-Shuttlebus mich gegen 15 Uhr im Hauptort Fira ausgespuckt hat. Santorini

Um kurz nach 7 Uhr morgens also falle ich am Samstag aus dem Bett der „Laokasti Villas“ und höre schon an den geschlossenen Fensterläden den nunmehr prasselnden Regen. Fair enough, stand ja so in der Vorhersage-App. Also keine böse Überraschung – und wird auch schon so schlimm nicht sein. Das Wetter hier schlägt ja außerdem gern mal innerhalb einer Stunde komplett um. Meine Sachen hab ich am Vorabend zusammengeräumt und so gehe ich nach einer kurzen (heißen! –  da zahlt sich der unnötige Luxus doch noch aus) Dusche los in Richtung Ammoudi, des Hafens unterhalb von Oía.

Vor der Appartmenttür angelangt ist es so trist und wolkenverhangen, dass man kaum bis zum Meer blicken kann. Es dauert denn auch nicht lang, bis ich komplett durchnässt bin. Wohlweislich hab ich mir gestern noch den frischen Müllsack aus dem Kücheneimer geangelt und meine Sachen darin verstaut, bevor ich sie wieder in den Rucksack gesteckt habe und darum habe ich’s jetzt nicht sonderlich eilig. Nasser als nass kann ich ja nicht werden und die lauwarme Luft sorgt dafür, dass ich nicht friere.

Morgens um kurz nach 7 im herbstlichen Santorini. Dort hinten im Regen liegt mein Tagesziel: Thirasia

Oía wirkt jetzt komplett verlassen. Nur am Ortseingang hocken ein paar verlorene Gestalten in einem bereits geöffneten Café, in dem man sich ein kostspieliges Frühstück auftischen lassen kann. Ich nehme mir Kaffee und ein Feta-Sandwich mit. Im Ortskern selbst ist es dann so leergefegt wie gestern Abend, als es mich 20 Minuten gekostet hat, mitten in diesem touristischen Epizentrum, wo man sich im Sommer nur mit Müh und Not durch die Menschenmengen schieben kann, ein geöffnetes Restaurant zu finden.

Dann sehe ich den Hafen von Ammoudi, unterhalb des Kraterrandes gelegen. Der Fußweg hinab ist weiter als in meiner vagen Erinnerung und ich sehe von Thirasia her bereits das kleine Schiff  kommen, die Lantza (also etwa einfach „das Boot“), wie es hier genannt wird, die mich gleich einsammeln und mit zurück hinüber nehmen soll. Vielleicht hätt ich doch auf den Kaffee verzichten und nicht ständig stehenbleiben und Fotos machen sollen…

Der kleine Hafen von Ammoudi ist über einen steilen Fußpfad direkt von Oía aus erreichbar. Santorini

Ich mühe mich im Wettlauf mit der „Thirasia II“, wie die Lantza offiziell heißt, den steilen Pfad hinab, in steter Sorge auf den unebenen und nassen Treppenflächen aus grobem Vulkangestein auszurutschen. Aber ich bin dann doch schneller. Und nachdem ich so am winzigen Hafen noch zwei, drei Fotos machen kann, legt das Fährboot auch schon an. Ein paar Kartons werden beladen, Waren-Nachschub für die Nachbarinsel. Dann gehen zwölf Leute in Handwerker-Montur – der Sprache nach offenbar Saisonarbeiter aus Albanien – und ich an Bord.

Die „Thirasia II“, auch „Lantza“ genannt, ist die Fähre von Ammoudi nach Thirasia

Einsteigen bidde! Ammoudi, Santorini

Und dann lasse ich Santorini hinter mir… auf in die Einsamkeit!

Bonjour Tristesse

Die Fahrt dauert keine zehn Minuten. Dann bin ich da: Auf Thirasia, diesem Flecken Erde, der in den meisten Reiseführern gar nicht erst vorkommt, der seit Anfang der Neunzigerjahre an den elektrischen Strom angeschlossen ist und auf dem die Bewohner mangels Wasserleitungen wie eh und je den sonst so raren Regen in Zisternen sammeln. Santorini ist nah und doch bereits unendlich weit weg. In Riva, dem Hafendörfchen, in dem die Lantza anlegt, wartet nach dem schaukeligen Trip schon ein Pickup-Truck mit Glasaufbau über der Ladefläche auf die Eingetroffenen. Der scheint hier den örtlichen Bus hinauf nach Manolás, dem Hauptort, darzustellen, hat aber nicht genug Platz für alle von uns. Ich wollte ohnehin nicht mit. Schließlich bin ich hier, um die Insel zu erkunden. Und dazu gehört natürlich auch Riva, das auf den ersten Blick reichlich trostlos wirkt.

Von Santorini aus nur ein kurzer Wellenritt: Riva, Thirasia

Der Hafen von Riva, Thirasia

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich gar kein Ticket für die Lantza gekauft hatte. Bei genauerer Betrachtung hat dies aber keiner der Fahrgäste getan. Bin ich wohl als Arbeiter durchgegangen, für den von irgendwem bereits pauschal im Voraus bezahlt wurde? Wer erwartet zu dieser Jahreszeit und bei dem Wetter schon Touristen! Oder kostet das Schiff tatsächlich nichts, weil es die immerhin zur Gemeinde Oía gehörende Insel Thirasia so mit ihrem Verwaltungszentrum verbindet? Man hätte ohne eigenes Boot ja auch keine wirkliche Alternative von A nach B zu kommen. Ist die Lantza also gewissermaßen ein Bürger-Service? Vorbildlich. Wenn es so ist.

In Riva gibt es nicht viel zu sehen. Der kleine Hafen liegt grau und schlicht da. Ein Häuschen, dessen ursprünglicher Zweck sich mir nicht erschließt (gab es dort dereinst einmal Tickets, einen Kiosk, eine Hafenverwaltung?) mit einem löchrigen, hölzernen Vordach, unter dem eine Bank steht, ist alles, was er hergibt. Drumherum liegen einige Wohnhäuser. Die meisten davon wirken verlassen. Keine Menschenseele ist mehr zu sehen, seit meine Reisegefährten im Glasdachgefährt Richtung Manolás verschwunden sind. Und das liegt nicht nur an der Uhrzeit und dem schlechten Wetter, sondern sicher auch daran, dass hier im Ort offiziell nur noch knapp über 30 Leute leben. Jetzt, da es auf den Winter zugeht, wohl noch weniger.

Das „Restaurant Eirini“ hat vermutlich auch schon bessere Tage gesehen… Riva, Thirasia

Die rundlichen Tonnendächer sind typisch für Santorini – und offenbar auch für die Nachbarinsel Thirasia

Was ins Auge fällt, ist, dass neben der schlichten kykladischen Architektur auch das spezifischere Modell der Häuser mit Tonnendach zu finden ist, welches besonders für Santorini kennzeichnend ist.

Seinen Ursprung hat die Form des Tonnendachs in den Höhlenwohnungen, die auf Santorini nach wie vor existieren und teilweise auch immer noch bewohnt sind. Wegen des vorhandenen weichen Tuffgesteins hat man seit Jahrhunderten einfach Räume in die Bergwände gegraben und zur Stabilisierung der Decke eine halbkreisförmige Aushöhlung (wie eine halbe Tonne, daher der Begriff) geformt. Beim Bau freistehender Gebäude hat man diese Form dann für die Dächer übernommen. Heute sind sie per Verordnung teilweise gar vorgeschrieben, um eine Zerstörung der typischen Ortsbilder durch reine Nutzbauten und Hotels zu verhindern.

Eigentlich naheliegend, dass es diese Häuser auch auf der geologisch vergleichbar aufgebauten Schwesterinsel Thirasia gibt. Auffällig aber ist, dass hier auf Thirasia im Gegensatz zu den Inselnachbarn niemand darum besorgt scheint, alles in schneeweißem Glanz zu erhalten. Stattdessen prägen abblätternde Farbe auf schiefen Holztüren, rostiges Allerlei vor den zerfallenden Gebäuden und eine Menge für die Wintermonate an Land gezogener oder dauerhaft ausgemusterter Boote das Bild. Autos rotten vor sich hin und ein paar Katzen huschen durch die unwirtliche Nässe.

Bonjour Tristesse! Riva, Thirasia

Hallo… jemand zuhause…? Riva, Thirasia

Zwei über den Winter geschlossene Tavernen sind zu erspähen. An einer ist das Schild so verwittert, dass kaum zu erkennen ist, wie sie heißt oder ob sie im nächsten Sommer noch mal aufmacht. Die andere heißt Angistri, wie die kleine Saronische Insel, auf der ich mich dereinst einmal „auf die Suche nach dem gelben Kopftuch“ gemacht hatte (dazu bald mehr hier auf der Seite). Zu dieser scheinen auch die Bambus-Sonnenschirme zu gehören, die am vorgelagerten Kiesstrand aufgepflanzt sind. Das gibt zumindest eine Ahnung davon, dass hier einige Wochen im Jahr durchaus etwas mehr los ist, als es in diesem Moment erscheinen möchte. Am einen Ende des Kieselstrandes sind einige Räume in den Fels gegraben, die einmal als Wohnung gedient haben mögen.

Im Sommer sicher sehr idyllisch! Ein Höhlenhäuschen am Ende der Welt bzw. in Riva, Thirasia

Doch erst am anderen äußersten Ende des Dorfes, das sich rund um den Hafen am Meer entlangzieht, sehe ich wieder Menschen. Eine Familie, Vater, Mutter, Tochter, kommen gerade aus dem Haus, um davor ein paar Pflanzenkübel hin und her zu rücken. Auf merkwürdige Weise sieht das an diesem gottverlassenen Ort nach schwerer, geschäftiger Arbeit aus. Vielleicht liegt es am Vater, der mit verwildertem grauen Haar, stolzem Schnurrbart und stämmiger Statur in seinen schweren Gummistiefeln umherläuft. Wir werfen uns ein paar verstohlene Blicke zu und ich kehre zur Ortsmitte – also etwa vier Häuser – zurück, um die dort beginnende Straße den Kraterhang hoch nach Manolás zu laufen.

Riva, Thirasia – Eine Straße gibt es hier erst ab dem Ortsausgang in Richtung Manolás

Nun muss ich mir nur noch überlegen, wie ich den überschwemmten Straßenabschnitt passiere, der an seinem einzigen begehbaren Stückchen Land von einem misstrauisch dreinblickenden Hund bewacht wird. Ich versuche es mit Psychologie und marschiere schnurstraks auf ihn zu. Er glotzt mich weiter starr mit gesenktem Kopf an. Ich starre zurück. Dann flüchtet er tatsächlich winselnd auf eine nahegelegene Treppe. Ha!

Im selben Moment erscheint zwischen den Häusern der Familienvater von gerade und platscht mit seinen Stiefeln durch die Riesenpfütze. Diesmal rufe ich ihm ein freundliches „Kalimera!“ zu. Schließlich sieht man hier nicht allzu viele Menschen. Er ignoriert’s, redet lieber mit dem Hund – und beide verschwinden in einem der Häuser auf der anderen Straßenseite. Hmm, das sind also die Menschen von Thirasia?

Einer von uns muss nun weichen…! Riva, Thirasia

Hinterm letzten Gebäude an der Straße hinaus erhasche ich noch einen Blick in die Gärten. Hühner und Gänse stehen trostlos im Matsch eingezäunt. Rostige Öltonnen und Ställe runden das Bild ab. Einige Schritte weiter fällt ein rostiger Lieferwagen in sich zusammen, an dem sich noch das Wort „Marketa“ erkennen lässt. Dahinter verschimmelt eine Kommode im Regen. Anblicke, die auf Santorini so wohl kaum denkbar sind.

Der Ortsausgang von Riva, Thirasia. Ob’s in Manolás etwas erbaulicher aussieht?

Oben im Regenbogen

Als ich Riva Minuten später hinter mir gelassen habe, schlägt das leichte Tröpfeln der letzten halben Stunde wieder in platschenden Regen um. Ich habe keine Ahnung, wie weit es wirklich nach Manolás ist und wie lang ich dorthin laufen muss, aber trocknen werde ich heute wohl nicht mehr. Macht nichts. Einfach weitergehen. Doch kaum liegt die erste Kurve hinter mir, hält ein Wagen. Meine griechische Glücksgöttin ist mir offenbar hold und die vermutlich einzige Person, die in an diesem Morgen vom Hafen mit dem Wagen hinauf nach Manolás fährt, hält mit Sorgenfalte auf der Stirn durch die beschlagenen Fenster schauend, neben mir an. Direkt springt ein Hund von der Ladefläche ihres Pickups und kläfft mich an. „Möchtest du mitfahren?“ fragt sie – zumindest in meiner Fantasie, denn mein Griechisch reicht nicht, um sie wirklich zu verstehen. Ich mache ein freundliches Gesicht, zeige nach oben und frage zur Sicherheit noch mal. „Can you take me up?“ Sie winkt mich rein, ich öffne die Tür und noch bevor ich ein Bein hineinschieben kann, springt ihr triefender Hund in den Fußraum am Beifahrersitz. Sie schimpft ihn aus. Eigentlich sollte er auf der Ladefläche bleiben. Nasser Hund und so. Naja. Misstrauisch schaut dieser zu mir hoch, als ich sitze und das Auto anfährt. Dabei hat er sein warmes Plätzchen doch mir zu verdanken!

Ich mache der netten Dame verständlich, wer ich bin, woher ich komme und wohin ich will. Sie wundert sich offenbar nur amüsiert darüber, dass ich ausgerechnet hier gelandet bin. Ihre Scheibenwischer geben alles, aber ohne Blätter sind sie nicht mehr als gute Absicht. So kriechen wir im dichten Regen, sie übers Lenkrad gegen die Scheibe gebeugt, um überhaupt noch irgendetwas zu erkennen, ich von ihrem misstrauischen, klatschnassen Hund im Fußraum nicht aus den Augen gelassen, gen Kraterrand.

An jeder Kirche, die wir passieren – und von denen gibt es hier, wie überall auf den Kykladen, mehr als genug – bekreuzigt sie sich. Sicher ist sicher, vor allem bei diesem Wetter. Und den nächsten Abhang hinunterstürzen willl man auf Thirasia sicher schon deswegen nicht haben, weil kaum ein Wagen überhaupt zugelassen scheint. Nummernschilder haben scheinbar nur die wenigsten Autos. Wir durchqueren die einzige andere wirkliche Ortschaft auf der Insel, Potamós mit seinen etwa 100 Einwohnern, und sie fragt, ob ich noch weiter will. Ihr Ziel ist offenbar erreicht. Sie lässt sich von meinem „Jaja, hier ist super“ allerdings nicht beirren und fährt mich doch noch die letzten Serpentinen hoch nach Manolás, auf den Rand des Kraters. Na, es sind ja offenbar doch sehr herzlich Leute hier auf dieser Insel! Wir verabschieden uns.

Diese nette Dame braucht dringend neue Scheibenwischer. Und einen netteren Hund. Thirasia

Nun aber sehe ich erst mal lange Zeit niemanden mehr. Manolás wirkt an diesem regnerischen Morgen wie das sprichwörtliche Ende der Welt. Trotz der buntbemalten Kirche, der Farben an den Häusern, die die Ortschaft durchsetzen wie kleine freundliche Grüße – rote Türrahmen, gelbe Fassaden, blaue Fensterläden – wirkt im allgemeinen Grau dieses Tages alles wie seit Jahren verlassen. Vieles ist es wohl auch tatsächlich. Da, wo der Lack abblättert, der Putz vom Stein fällt, aus denen die kleinen Häuschen aufgeschichtet sind. Da, wo die Türen schief in den Angeln hängen und die Latten aus den Gartenzäunen fallen, wohnt wohl schon lang keiner mehr.

Aber selbst aus den offenbar bewohnten Häusern ist jetzt nichts zu hören. Keine Menschenseele weit und breit, kein Geräusch, kein Wort, kein Schatten. Einzig die unvermeidlichen Katzen geben sich zu erkennen, wenn sie sich, durch meine Schritte aufgescheucht, von ihren trockenen Plätzchen um die nächste Ecke retten.

Statt auf typisch Weiß-mit-blau setzt Thirasia auf das komplette Farbspektrum. Hübsch! Manolás

An vielen Häusern im Insel-Hauptort ist allerdings schon lang keine Farbe mehr. Manolás, Thirasia

Da bahnt sich was an – dicke Regenwolken schieben sich in den Ort. Manolás, Thirasia

Auf einmal fliegt ein Stück Brot auf den Gehweg und fünf Katzen springen ihm nach. Ich nähere mich dem Ort des Geschehens und sehe über eine Mauer hinweg auf einen Innenhof. Eine alte Frau sitzt hinter einer hölzernen Tür, deren obere, separate Hälfte sie geöffnet hat, um die Tiere zu füttern. Auf dem Platz wimmelt es trotz des Regens von Katzen. Als sie mich sieht, klappt sie resolut ihren Ausguck zu. Ich höre ein Klacken wie von einem Türschloss und eine Sekunde später wird im Fenster neben der Tür die Gardine zugezogen. Ich kann mir vorstellen, wie sie mich nun beobachtet. Ja, sehe ich denn so gefährlich aus?

Manolás liegt, ähnlich wie Fira und Oía auf dem benachbarten Santorini, direkt am Kraterrand. Unten der Ausflugshafen Ormos Korfou.

Es folgen in den nächsten zehn Minuten, die ich den Ort im Regen durchstreife, zwei weitere kurze Begegnungen, als ein altes Ehepaar und ein Mann, den ich hinter der geöffneten Tür an seinem Schreibtisch sitzen sehe, nach draußen treten, um mir wortlos nachzusehen. Ich fühle mich langsam wie ein Außerirdischer. Fremde kommen hier offenbar wirklich nur in den Sommermonaten vorbei. Die Leute sind mir ein Rätsel und ich ihnen auch. Wie passt da die nette Fahrerin ins Bild?

Den Nächsten, dem ich begegne, lasse ich nicht so leicht davonkommen. Ich drehe mich nach ihm um und rufe dem älteren Herrn einen „Guten Morgen“ zu. Ob ich hier wohl einen Kaffee im Ort finden würde. Ich wiederhole dazu höflich aber stoisch etwas von „Kafä“, „Kafenio“, „Bar“. Er begreift, gibt mir aber zu verstehen, dass hier alles geschlossen sei. Na gut. Dann muss meine Flasche Wasser erst mal reichen. Früher oder später find ich schon was.

Menschenleer und kaffeelos. Manolás, Thirasia

Der Regen dreht nun noch mal richtig auf und ich schaue mich nach einem schützenden Platz um. Zunächst sehe ich einen kleinen, in den Fels gehauenen Unterstand auf einem offenen Grundstück. Das könnt was für mich sein – draußen der Regen und von meiner Höhle aus der Blick hinunter aufs diesige Meer. Als ich mich nähere, springen mir wieder ein paar erschrockene Katzen entgegen. Ich war also nicht der Erste, der heute auf die Idee kam, sich hier niederzulassen. Ich bleibe aber nicht. Die Höhle wird als Stall benutzt und alles ist voller Mist. Außerdem stehen hier Gartengeräte herum und ich möchte bei den misstrauischen Leuten im Ort nicht noch zusätzlich wirken wie jemand, der etwas im Schilde führt, wenngleich bei diesem Regen wohl jeder Verständnis für meine Situation hätte. Aber wer weiß das schon.

Ich finde schließlich einen Rohbau mit eingezogenem Zwischengeschoss, der mir als Regenschutz dient. Unter der Zimmerdecke stapeln sich diverse Besitztümer, als seien sie hier für den Winter eingelagert. Aber so offen, wie der Bau schon aus großer Entfernung zu allen Seiten hin einsehbar ist, wirkt es wohl kaum wie heimlich eingeschlichen. Und so bleibe ich.

Praktischerweise gehört auch ein Stuhl zum vorrätigen Krempel. Ich lasse mich also demonstrativ und gut erkennbar für jeden nieder (was natürlich reine Theorie ist, denn draußen ist ja niemand) und packe das Feta-Sandwich aus, das ich aus dem Café in Oía mitgebracht hatte. Es ist hier zwar etwas kühl und zugig, aber ich ziehe mir Schuhe und Socken aus, damit zumindest die Chance besteht, dass beide ein wenig vom leichten Wind trocknen.

Und so vergeht die Zeit. Der Mittag naht. Gut, dass es noch eine Weile hin ist bis zu meiner Abfahrt. Die Aqua Jewel, mein Schiff nach Anafi, das ich später nehmen werde, läuft Riva gegen 16 Uhr an.

Zwischenstopp. Manolás, Thirasia

Es geht bergab

Endlich klart der Himmel auf. Der Regen verwandelt sich in feuchte Luft, knapp über mir verfangen sich die Wolken am Hang. Schimmerndes Blau gibt sich hier und da zwischen ihnen zu erkennen. Als ich mich aus meiner Notunterkunft wage, scheint auch Leben in den Ort eingekehrt zu sein. Ich sehe jetzt einige wenige Leute durch die Gassen gehen, in den Händen Tüten mit Brot und Gemüse oder eine Leine mit Hund daran. Ein seltener und irgendwie merkwürdiger Anblick auf den Kykladen.

Ich hätte immer noch gern einen Kaffee. Auch wenn ich weiß, dass unterhalb von Manolás, im Hafen Ormos Korfou, keine Bar oder Taverne geöffnet haben wird, gehe ich nun den steilen Fußweg hinab, um mir den Ort anzusehen. Wer mit dem Schiff auf dem Weg nach Santorini Thirasia passiert, der wird diesen Pfad nicht übersehen können. Ähnlich wie bei den Häfen der großen Schwesterinsel, ja, im Grunde genau wie heute Morgen in Ammoudi, zieht er sich als ein gezackter Blitz vom oberen Kraterrand zum Wasser hinunter. Auf dem Pfad liegen medizinballgroße Geröllbrocken, die sich offenbar aus der steilen, porösen Felswand gelöst haben. Hier ist man besser nicht zur falschen Zeit am falschen Ort.

Dass Thirasia vulkanischen Ursprungs ist, offenbart sich auch beim Abstieg nach Ormos Korfou.

Besser gar nicht erst drüber nachdenken… Zwischen Manolás und Ormos Korfou.

Vom Zickzack-Weg hinunter nach Ormos Korfou hat man einen tollen Blick auf die in der Calderamitte gelegenen Inseln Nea Kameni (links) und Palea Kameni (rechts)

Unterwegs hat man eine schöne Aussicht auf die benachbarten Inseln. Nea Kameni liegt schwarz und rund in der Calderamitte zwischen Thirasia und Santorini. Palea Kameni, direkt daneben, wirkt wie ein Bruchstück der Ersten. Beide sind erst vor etwa 2000 Jahren durch vulkanische Aktivitäten entstanden und haben seitdem durch Beben, Überflutungen und neue Eruptionen stetig ihre Gestalt verändert. Auf Palea Kameni, der kleineren der beiden Inseln, soll ein Einsiedler leben. Grund genug also für mich, bei nächster Gelegenheit der Insel einen Besuch abzustatten.

Nach 10 Minuten habe ich die 270 Stufen hinter mir und bin unten. Ohne, dass mir der Himmel oder ein Fels auf den Kopf gefallen ist. Ormos Korfou ist so etwas wie der touristische Hotspot der Insel. Im Sommer setzen hier Ausflugsboote von Santorini mit erlebnishungrigen Urlaubern über, die in der Bucht Eis, Bier und Souvenirs erstehen können. Kurz muss ich an Zia, das grausige „Authentic Greek Village“ auf Kos denken, aber so krass ist es hier natürlich nicht. Im Gegenteil: Eigentlich wirkt der alte Inselhafen, so verlassen er heute da liegt, recht idyllisch und die Handvoll geschlossener Tavernen trotz extra aufgebauter dekorativer Windmühle im Miniformat nicht fehl am Platz. Zwischen der Ausflugsinfrastruktur scheint es so etwas wie ein Dorf zu geben. Und immerhin 5 Einwohner hat die letzte Volkszählung her noch ergeben.

Den Weg hinab kann man nur zu Fuß gehen oder auf dem Rücken eines Esels zurücklegen. Oben Manolás, unten der alte Hafen von Ormos Korfou

Man kann sich gut vorstellen, wie sich der Ort an warmen Sommerabenden mit Trubel füllt und Santorini-Reisende aus aller Herren Länder zwischen den Fischtavernen und dem Esel-Unterstand für ein, zwei Stunden flanieren, essen und trinken, um mal das „echte“ Griechenland abseits der mit Luxus-Stores gesäumten Gassen von Oía oder Fira zu besuchen. Wagemutige werden sich vielleicht für 5 Euro eines der armen Lastentiere mieten und sich dann den Zickzack-Pfad hinauf nach Manolás schleppen lassen. Am Ende wartet zur Belohnung – für den Reiter – ein kleines Restaurant mit Caldera-Blick. Aber die Esel haben jetzt zum Glück Saisonpause und der große Unterstand, die Eselgarage gewissermaßen, ist verwaist.

Mehr oder weniger verwaist wirkt auch der Ort selbst. Im Sommer sieht es hier anders aus. Ormos Korfou

Gemütlichkeit ist keine Frage von Stil. Ormos Korfou

Auch hier unten in Ormos Korfou fallen die Tonnendach-Häuser auf. In einer Reihe stehen sie entlang der Bucht, manche hergerichtet und umgewandelt zu gastronomischen Betrieben, andere leer und zerfallen und einige durchaus noch als Fischergaragen in Benutzung. Dazu passt die Betriebsamkeit der drei Männer, die nebst der Besatzung der „Thirasia“, der sogenannten „Pantofla“, welche als zweite Inselfähre gerade im Hafen ankert, auszumachen sind. In Ölzeug gekleidet zerren sie, einer an Land, zwei auf einem Boot, dicke Taue durch die Bucht, scheinbar um einige Instandsetzungen vorzunehmen. So gibt es allerlei Gerufe und Hektik und das erste Mal an diesem Tag überhaupt so etwas wie „echtes Leben“ zu beobachten. Das freut und gibt mir neue Energie. Und die brauche ich auch. Denn der einzige Weg fort aus Ormos Korfou führt den steilen Kraterpfad mit seinen 270 unebenen Stufen wieder hinauf nach Manolás. Ansonsten bliebe nur die „Pantofla“, die wohl irgendwann im Laufe des Tages nochmals hinüber zum Haupthafen Santorinis fahren wird, von wo aus sie, im Gegensatz zur „Lantza“, auch eine Handvoll Autos nach Thirasia bringen könnte. Aber nichts läge mir ferner, als zurück nach Santorini zu reisen.

Das Schwesterschiff der „Lantza“ ist die etwas größere „Pantofla“, die auch Fahrzeuge transportiert und Thirasias zwei Häfen mit Santorinis Haupthafen Athinios verbindet. Hier pausiert sie im auto- und straßenlosen Ormos Korfou.

Hektische Betriebsamkeit! Zumindest verglichen mit dem, was mir heute bislang begegnet ist. Ormos Korfou

Tonnendächer reloaded. Thirasias Architektur gleicht der von Santorini. In der zerfallenden Laterne nistet ein Vogel. Ormos Korfou

Ich werfe noch einen Blick auf die imposante, buntbemalte Kirche und bestaune den von Gestrüpp überwucherten Siebzigerjahre-Fernseher, der vor einem der Fischerhäuser steht. Echte griechische Antike. Dann spurte ich wieder den Krater hinauf. Nach etwa zehn Minuten zurück in Manolás angekommen, bin ich völlig verschwitzt und außer Atem. Vielleicht kann ich die Leute doch verstehen, die lieber einen Esel nehmen. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass ich beim Hochgehen auch noch jemanden auf dem Rücken hätt‘ und das Ganze dann mehrmals am Tag machen müsste…

Die Kirchen von Thirasia haben einen sehr eigenen Stil, den ich sonst noch nirgends so gesehen habe. Mehr Farbe wagen! Ormos Korfou

Hinter den Türen

Es ist Zeit für eine Stärkung. Gleich oben am Ortseingang treffe ich einen alten Mann, der tatsächlich erfreut wirkt, mich zu sehen. Das ist ja mal was Neues. Er will das Übliche erfahren. Was machst du hier, woher kommst du, wohin gehst du. Bereitwillig gebe ich Auskunft und nutze die Chance, noch mal danach zu fragen, ob es hier irgendwo einen Kaffee geben könnte. Auch er verneint, sagt aber, ich solle doch mal zum „Minimarket“ gehen. Dort immerhin könne man überhaupt etwas zu trinken bekommen. Da ist was dran. Und es wäre überdies eine gute Gelegenheit, meine Vorräte aufzustocken. Es ist jetzt Mittag und wenn ich Manolás gleich hinter mir lassen werde, um bis zur menschenleeren, südlichen Inselspitze zu laufen, dann gibt es ziemlich sicher keine Gelegenheit mehr, etwas zu bekommen.

Hoppla, richtig was los mittlerweile! Menschliches Leben in Manolás

Der Mann erklärt mir den Weg zum Laden. Eigentlich nicht schwer, denn viele Gelegenheiten abzubiegen, gibt es nicht. Man muss eigentlich nur wissen, wie weit er weg ist. Aber es macht ihm sichtlich Freude, mir jede dazwischen liegende Ecke genau zu erklären. Das Schild, die Mauer, der Busch, das Haus. Wenige Minuten später höre ich schon am Gezeter und Lachen unterhalb des Weges, dass ich da bin. Es sind die ersten lauten Gespräche, die ich im Dorf höre. Ich betrete das Geschäft. Eine alte Frau bespricht sich aufgeregt mit der Kassiererin über ihren Einkauf. Dabei fällt ihr immer wieder etwas Neues ein, dass sie aus dem Regal holt und auf den Verkaufstresen zu ihrem Stapel legt. Ich schaue mich ebenfalls um. Wie üblich auf den kleinen Inseln sind Obst und Gemüse eine eher problematische Warengruppe… Ich kaufe trotzdem eine ziemlich traurig aussehende Banane, die in ihrer blassen Bräune wirkt, als sei sie wochenlang tiefgefroren gelagert worden. Dazu ein (wie ich etwas später feststelle) abgelaufenes Snickers und eine Flasche Wasser. Das alles macht nicht wirklich glücklich aber fit genug für den restlichen Weg zum äußeren Ende der Insel. Und gar so weit ist’s ja auch nicht mehr bis dorthin. Noch 3 km, dann steht das verlassene Kloster Moni Kimisi Theotokou auf dem letzten Plateau des Kraters, bevor dieser Steil ins Meer abfällt und die südliche Spitze Thirasias erreicht ist.

Kaum bin ich wieder draußen, springt hinter mir ein aufgeregter Schäferhund an die benachbarte Pforte. Er wirkt so aufgebracht wie ein Wachhund, der einen Einbrecher gefangen hat, und wieder wundere ich mich über die Atmosphäre auf dieser Insel, die heute scheint, als würde man sich gegen die Welt da draußen abschirmen wollen. Noch ein paar Meter, noch ein Hund. Er beglotzt mich vom Hausdach aus. Ich war noch nie auf einer griechischen Insel mit so vielen Hunden. Dieser hier wirkt zwar auch etwas misstrauisch, lässt sich dann aber auf meine freundschaftlichen Gesten ein und wedelt dort oben schließlich nervös mit dem Schwanz. Na also.

Womöglich die einzige Kykladen-Insel, auf der es mehr Hunde als Katzen gibt. Thirasia, Manolás

Plötzlich weht mir ein Geruch in die Nase, der Erinnerungen wachruft. Was ist das? Es riecht verkohlt aber auch warm und heimelig. Es ist der Geruch eines kleinen Feuers mit… Stockbrot? Ich sehe mich um. Einige Meter vor mir liegt ein Haus unterhalb am Hang mit einem schwarzen Schornstein. Als ich mich nähere, ist klar, dass der wunderbare Duft aus diesem Haus kommt. Ich beneide die Leute in ihren warmen Stuben, die sich grad etwas zu essen zubereiten, das vermutlich um einiges besser schmeckt als meine triste Banane und der bröselige Schoko-Snack. Ich sehe im Vorübergehen, dass sich vor dem Haus eine Art Terrasse befindet. Eine Treppe führt hinunter. Na, ich schau’s mir mal an. Das Haus hat eine große Fensterfassade, Kisten und Äste stapeln sich in der Feuchtigkeit davor. Ich werde nicht so recht schlau aus der Sache. Irgendwie sieht das Ganze nicht privat aus, aber es gibt auch kein Schild, keinen Tisch, nichts was darauf schließen lassen könnte, dass es sich hier um ein Geschäft handelt. Die Gardinen hinter den staubigen Fenstern sind zugezogen. Aber durch die Glastür kann man sehen, dass drinnen ein Regal steht, in dem Kekse liegen. Also doch ein Laden?

Die Inselbäckerei ist nicht gleich als solche zu erkennen… Manolás

Das kann ich natürlich nicht links liegen lassen. Ich will zwar gar nichts weiter kaufen, aber reinschauen muss ich doch schon mal, wenn ich das vermutlich eine und einzige Mal auf dieser Insel bin. Ich öffne die Tür, niemand ist zu sehen. Ich rufe ein beherztes „Kalimera!“ in die Leere und rechts neben mir erscheint jemand in einer Tür zum Nebenraum. Erst jetzt bemerke ich den intensiven Geruch nach frischem Brot, der hier drinnen herrscht. Da ist es wieder, das Stockbrot-Aroma! Ein strahlendes Gesicht blickt mich erwartungsvoll an. Ich bin augenscheinlich in der örtlichen Bäckerei gelandet – auch wenn in den Regalen im Augenblick nur ein paar öde Verpackungen mit Industriegebäck zustauben. „Signome…“ setze ich an. „Do you sell coffee“? Es erscheint mir wie stets sinnvoll, das Wesentliche eines Satzes zu betonen, um mein Anliegen zu verdeutlichen. Ein so universelles Wort ist dann natürlich auch unmissverständlich. Ebenso ihre Mimik. „Ooohh…“ entfährt es ihr und ihre Stirn legt sich in Falten. Ich verstehe. Immer noch kein Kaffee. Wie schade. Die Frau, vielleicht Anfang 40, dreht sich zur Nebenraumtür und erklärt den sich dort offenbar befindlichen weiteren Gestalten perplex lachend mein Anliegen. Es erscheinen weitere freundliche und neugierige Gesichter. Zwei Frauen. Es könnten Tante und Schwiegermutter der ersten sein. Das ist natürlich geraten. Offenbar aber gehören hier alle zusammen. Die Mittlere nimmt mich am Arm und zieht mich hinein. Es ist die Backstube.

Eine Bäckerei, die diese Bezeichnung auch verdient. Manolás

Ich komme mir vor, wie im Märchen. Am offenen, gemauerten Ofen steht ein beschürzter Riese, der mit einem langen Holzschieber in der glutroten Hitze schabt. Alle reden laut und lachend auf mich ein. An der Wand stapeln sich schwarze, ölige Bleche und Backformen und in Kisten stecken wie im Bilderbuch lange, goldene Brotlaibe. Woanders stapeln sich kreisrunde Weißbrote, die mit einem Stempel versehen sind. Offenbar eine Art Wappen der Bäckersfamilie, ihr Erkennungszeichen. Es gibt nur diese beiden Sorten. Lang. Und rund. Aber der Menge nach zu urteilen, backen die Vier für die ganze Insel. Der Riese zitiert mich per Handbewegung ans Feuer. Ich schaue in glimmende Loch. In der wohlig wabernden Wärme liegen ein paar Brote, die bald hinauswollen. Ich versuche meiner endlosen Freude über ihre Einladung mit allerlei „Efharistó poli!“ und „Kala, kala!“ Ausdruck zu verleihen – und werde dafür doch tatsächlich mit einem Kaffee belohnt, den die Jüngere bereits mit dem Gaskocher bereitet. Endlich! Das ist sie wohl, die vielgerühmte griechische Gastfreundschaft. Und es gibt sie auch auf Thirasia. Man muss nur etwas länger suchen und genauer hinschauen. Am Ende aber ist und bleibt sie allgegenwärtig.

Endlich Kaffeeeee…! Manolás, Thirasia

Vom kleinen, ganz großen Glück

Schließlich sitzen wir beim Kaffee zusammen und sprechen mit Händen, Füßen, Augen und allem, was sich sonst noch zu Erklärung und Beschreibung heranziehen lässt, über die altbekannten Themen. Aha, aus Berlin. „Bravo!“ schallt es immer wieder aufgeregt durch den Raum, wenn die Kommunikation klappt. Wieso ich denn bei diesem Regen unterwegs sei – und ob ich nichts Wärmeres zum Anziehen hätte. Besonders die Älteste der drei Damen scheint ernstlich besorgt um mein Wohlergehen. Der Hühne trinkt ebenfalls einen Kaffee und brummt zwischendurch freundlich und einverstanden in den Raum.

Zum Abschied frage ich nach einem Foto. Eigentlich hatte ich dabei nur die Backstube im Sinn, aber es dauert keine 10 Sekunden, als schon alle tuschelnd und in Reih und Glied aufgestellt fürs Bild posieren. Ich zeige Ihnen das Ergebnis. „Bravooo!“ ruft die Mittlere wieder und alle versammeln sich ums Mobiltelefon. Der Riese brummelt weiter fröhlich. Ich kann die Stimmung und das einfache Glück dieser Situation gar nicht beschreiben. Ich hätte am rauchenden Schornstein vorbei gehen können und unten hätten die Vier ihre Brote gebacken. Aber ein gesundes Maß Neugier öffnet manchmal Türen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie da sind.

Generationentreff Backstube – hier wird Thirasias Brot gemacht: rund oder eckig. Manolás

Ich verabschiede mich, nicht ohne mit einigem Nachdruck zu versuchen für meinen Kaffee zu zahlen. Aber die Bäckerfamilie ist noch nachdrücklicher und besteht darauf mich einzuladen. Und schenkt mir obendrein noch einen Laib Brot. Die Güte dieser Menschen macht mich fast beschämt. Ich bin einfach nur selig, hier ganz unerwartet auf so viel Herzlichkeit gestoßen zu sein. Vor der Tür schimpft die Älteste dann zwar noch, weil ich wieder ohne Jacke losziehen will. Was das Wetter betrifft, bleibe ich zweckoptimistisch. Aber als ich um die Ecke verschwinde, winkt sie wieder freundlich. Und das tue ich auch.

Ich habe jetzt noch etwa drei Stunden, bis in Riva, dem kleinen Hafen, an dem ich heute Morgen ankam, die Aqua Jewel anlegt, welche einmal die Woche von Piräus kommend auf dem Weg nach Anafi hier Stopp macht. Ich rechne aus, dass ich insgesamt etwa 10 km Fußweg vor mir habe, wenn ich noch zum Kloster und dann zurück zum Hafen gehe.  Das sollte locker zu schaffen sein. Ich verlasse Manolás schnurstraks. Das fast letzte Gebäude auf der linken Seite ist Jimmy’s Appartment-Komplex, die Zacharo Studios. Ob er wohl doch zuhaus ist und mich nur unter einem Vorwand nicht hat buchen lassen, als wir damals telefonierten? Sieht nicht so aus. Das Tor ist verrammelt. Ich reiße mir ein Stück vom warmen Brotlaib ab. Etwas Köstlicheres kann ich mir in diesem Moment nicht vorstellen.

Das beste Brot der Insel. Und das einzige. Yummie! Manolás

Ich überquere eine kleine Hügelkuppe und vor mir erstreckt sich jetzt wieder das Grün der flachen äußeren Ebene Thirasias. So komme ich auf das letzte Drittel der Straße, die sich quer von der einen zur anderen Inselseite zieht. Ab hier hört der Asphalt auf und es beginnt ein Schotterweg. Die Leute wird’s kaum stören. Hier kommen nun keine Häuser mehr und fahrende Autos sehe ich an diesem Tag eh weniger als ich an einer Hand abzählen könnte. Eine alte Windmühle liegt malerisch am Weg. Hier hält es keiner für nötig, sie für Touristen wieder aufzuhübschen. Das erinnert mich sofort an Schinousa, eine Insel mit ganz ähnlich weltvergessenem Charme.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind… richtet hier nicht mehr viel aus. Thirasia, zwischen Manolás und dem Kloster Moni Kimisis Theotokou

Und dann die Sonne…

Auf der letzten Kraterspitze steht eines der 21 Gotteshäuser der Insel, die Kirche Profitis Ilias, die ihren Blick aufs Meer richtet, über das verlassene Dorf Keros knapp unterhalt des Hanges hinweg auf das Ende der Landschaft, wo, weithin gut sichtbar, das Kloster thront. Im Kloster lebt schon lang niemand mehr. Aber bereits aus der Ferne lässt sich erahnen, dass es in gutem Zustand ist. Die Blaue Kuppel strahlt mit den unwirklich schimmernden Klosterzellen im nun immer wieder durchbrechenden Sonnenlicht um die Wette. Bevor ich den letzten Kilometer dorthin antrete, schaue ich mir aber noch kurz Keros an, die verlassene Siedlung. Der Ort hat etwas Mystisches, wie er so da liegt mit seinen in die Vulkanwand gegrabenen Höhlen und den zerfallenden Gebäuden drum herum. Man erkennt noch Ställe und Backöfen. Ein einzelnes Haus strahlt zwischen dem verwilderten Chaos, aus dem sich mannshohe Kakteen recken, in frischem Weiß. Ist hier wieder jemand eingezogen?

Das verlassene Dorf Keros. Wohnt hier doch noch jemand? Thirasia

Die ganze Szenerie hat etwas Trauriges und zugleich Friedliches. Irgendwie passt es auf diese Insel der Stille.

KEROS – Ich wünschte, ich könnte mehr über diesen Ort erfahren. Wie viele Leute haben hier mal gelebt? Gab es so etwas wie ein Dorfleben? Und was hat die Leute dazu bewogen, alles hinter sich zu lassen? Die einzige Information, die ich auftun kann, ist, dass die letzten Bewohner das Dorf vor knapp einem halben Jahrhundert verlassen haben sollen. Zeitlich könnte das einhergehen mit der Nachkriegszeit oder dem Niedergang der beiden Minen auf der Insel, in denen lange Zeit Bims abgebaut wurde, um große Bauprojekte im mediterranen Raum mit diesem Material zu beliefern, etwa für den Suez-Kanals oder den Hafen von Alexandria.

Ich passiere, endlich am Kloster Moni Kimisis Theotokou und somit am Ende der Insel angekommen, ein windschiefes Eisentor. Das Kloster selbst ist verschlossen. Zumindest die zentrale Kirche, die schön und prächtig da steht. Fährt man mit dem Schiff unten durch die Caldera sind ihre Kuppel und das glänzende Weiß schon von Weitem gut zu erkennen. Das Gebäue wirkt geradezu wie ein prototypisches Santorini-Fotomotiv und ich wundere mich, dass kaum Leute ihren Weg von gegenüber hierher finden. Offenbar sitzen die Menschen lieber in ihren langweiligen Pools und schlürfen Aperol Spritz, als sich ein paar Kilometer zu bewegen. Dabei ist die Schönheit und Ruhe hier unvergleichlich. Kaum ein Geräusch dringt an diesen Ort, nur ein fernes Wellenrauschen ist auszumachen. Wohnen tut hier keiner und heute freilich ist das Kloster gänzlich verlassen. Kein Tourist ist da, der sich hierher verirren könnte. Alles, was unterwegs ist, bewegt sich auf der anderen Seite der Caldera, auf dem großen Bruchstück, dem ewig geschäftigen Santorini, wo mit Quads und Mietwagen die Red Beaches und Blue Domes erobert werden. Ich kann gar nicht ausdrücken, um wie viel lieber ich hier bin.

Das Kloster der Insel ist von überirdischer Ruhe. Moni Kimisis Theotokou, Thirasia

Da ich nicht in die Kirche hinein komme, schaue ich mich draußen um. Die knapp 20 Zellen für die Mönche sind in einem beinahe metallischen weißblau gestrichen, was dem wolkenweißen Gotteshaus in der Mitte noch mehr Glanz verleiht. Aneinander gelehnt umschließen sie den Hof auf der unebenen Fläche. Es gibt Ställe und so etwas wie eine Werkstatt. Erbaut wurde das Kloster offenbar 1887. Wie lange hier Mönche gelebt haben, kann ich leider nicht sagen. Die traurig in den Angeln hängenden Holztüren lassen aber vermuten, dass dies schon eine ganze Weile her ist. Und eine große Rolle hat es wohl auch nie gespielt, denn das Netz weiß kaum etwas über diese Einrichtung. Ich kann den Blick gar nicht abwenden und untersuche den Gebäudekomplex von allen Seiten, klettere auf die Felsen und hier und da auf ein Dach, um alles zu fotografieren. Das könnte stundenlang so gehen. Und wie gern ich mich hier am Ende der Welt noch in die Sonne legen würde. Helios, endlich ist er da!

Die längst verlassenen Mönchszellen von Moni Kimisis Theotokou, Thirasia

Unbewohnt und wunderschön. Das Kloster Moni Kimisis Theotokou am letzten Ende von Thirasia

Von der Kraterkuppe geht der Blick über das endlose Blau. Moni Kimisis Theotokou, Thirasia

Der Seemann von nebenan

Aber ich habe schon am Geisterdorf Keros viel mehr Zeit vertrödelt als vernünftig. Und so eile ich eine Viertelstunde später los Richtung Hafen. Sollte ich unterwegs auf ein Auto treffen, eines, das in Richtung Riva unterwegs ist, dann, da bin ich mir sicher, werde ich noch pünktlich am Hafen ankommen. Und wenn ich heute Morgen Glück hatte mit meiner Mitfahrgelegenheit, dann werd ich’s doch sicher auch heute Nachmittag haben. Doch bis Manolás kommt kein Wagen. Woher auch? Nur der Hund, der mich vorhin vom Dach aus beobachtet hatte, ist jetzt in den Gassen des Ortes unterwegs und hat mich gleich wiedererkannt. Fröhlich springt er an mir herum und sein Interesse lässt erst nach, als ich an der großen zentralen Kirche Agios Konstantinos auf die Straße hinunter nach Riva abbiege. Hier habe ich noch einmal einen schönen Blick über die flache Ebene von Thirasia. Das Land dieser Insel wurde im Laufe ihrer Besiedlungsgeschichte fast komplett in terrassenartige Flächen verwandelt. Diese begradigten Böden an den unebenen Hängen ermöglichten es den Leuten überhaupt erst, auf der Insel zu überleben, indem sie so Wasser auffangen und Obst und Gemüse anbauen konnten, ohne dass die kostbare Erde ständig fortgeschwemmt wurde. Das Landschaftsbild ist gezeichnet von diesen Mühen.

Mehr Kirchen als Einwohner…? Thirasia

Ich passiere noch den Ort Potamós, der etwas unterhalb des Kraters in der Inselmitte liegt. Hier sind wir heute Morgen in strömendem Regen vorbeigefahren und meine Fahrerin konnte gar nicht mehr aufhören mit ihren Bekreuzigungen. Tatsächlich stehen einige sehr schöne Kapellen und Kirchen in den Schluchtwänden, wie ich nun, da keine geflutete Autoscheibe den Ausblick stört, sehen kann. Aber für Schlenderei und tolle Fotos ist nun wirklich keine Zeit mehr. Das Schiff legt in einer Dreiviertelstunde ab und mein Fußweg beträgt laut Smartphone noch 35 Minuten. Gut, dass ich kein Ticket mehr kaufen muss. Das nämlich geht auf Thirasia mangels Schalter gar nicht. Wer nicht vorher schon eines gekauft hat, muss allerdings nicht stehenbleiben, sondern, so erklärt es mir später jemand auf Anafi, an der nächsten Station aussteigen und eines nachlösen.

Das zweitgrößte Dorf ist Potamós in der Inselmitte, unterhalb des Hanges. Thirasia

Schlichter geht nicht. Potamós, Thirasia

Auch in Potamós fallen die merkwürdig bunt bemalten Kirchen auf. Thirasia

Hinterm Ortsausgang von Potamós steht ein Alter mit seinem Pickup und pflückt Kräuter am Wegesrand. Auf einer Insel wie dieser wäre es merkwürdig, nicht zu grüßen, also rufe ich ihm mein „Jassas!“ herüber und er grüßt freundlich und augenscheinlich etwas erstaunt über den Wanderer zurück. Und dann dauert es auch keine 5 Minuten, bis er mich überholt. Ich halte meinen Daumen raus. Er fährt rechts ran.

„Yes yes, from Thirasia“. Er spricht relativ gutes Englisch. „But I lived in Piraeus for 45 years. I worked for gas station, you know? Oil ship.“ Und auch in Deutschland hat er gelebt. „Yes, in Bremen!“ Er kennt auch Oldenburg, meine Geburtsstadt. Sie liegt nicht weit von dort. Das ist schön und hat etwas Verbindendes. „But now I’m doing a restaurant. At the port. Angistri.“ Ich erinnere mich an die geschlossene Taverne mit den bunten Flaggenfähnchen von heute Morgen. Klein ist die Welt. Ob er klammheimlich mit jeder der Landesflaggen die Erinnerung an eine schöne Frau verbindet? In 45 Jahren Reisen durch die Welt kann viel passieren! Sollte ich in den nächsten 45 Jahren noch mal nach Thirasia kommen, dann werd ich auf jeden Fall im Angistri essen. Das verspreche ich ihm. Er lacht. Vielleicht betreibt bis dahin ja einer seiner Enkel die Taverne und die Insel ist noch immer nicht ganz verlassen.

Das Restaurant Angistri meines freundlichen Chauffeurs und Seefahrers. Riva, Thirasia

Auf dem Sprung nach Anafi

Am Hafen verbummle ich die Zeit. Nun sind es doch noch 20 Minuten. Es ist niemand zu sehen. Nur an der kleinen Thirasia II, der „Lantza“, die wieder – oder immer noch – vor Anker liegt, werkelt der Kapitän herum. Ein älterer Herr tritt auf mich zu. Er muss gerade aus einem der Häuser gekommen sein und spricht mich auf Griechisch an. Ich sage ihm, dass ich ihn nicht verstehe. Er denkt, so viel wird klar, ich wolle zurück nach Santorini und sei viel zu früh für die „Lantza“. Aber ich erkläre ihm, dass ich auf die Aqua Jewel nach Anafi möchte. Er versteht, denkt einen Augenblick nach und verschwindet an dem Wartehäuschen mit der Bank davor. Er scheint eine Art Hafenmeister zu sein. Die Aqua Jewel erscheint nun am Horizont. Das Schiff ist größer als ich dachte. Aber klar, es kommen mit ihm ja auch regelmäßig Leute aus Piräus, die nach Santorini wollen. Da braucht es in der Hochsaison haufenweise Sitzgelegenheiten, trotz der zig möglichen Verbindungen.

Zurück am Hafen Riva, im Hintergrund Oía (links) und Fira (rechts) auf Santorini

Da kommt die Aqua Jewel, die mich heute Abend in Anafi von Bord lassen wird… Riva, Thirasia

Einige Minuten später ist die Fähre da. Sie macht jetzt eine Drehung um rückwärts anzulanden. Das Schiff ist zwar noch gute 50 Meter entfernt, aber der Alte von gerade eben steht bereits vorn an der Kante des Anlegers und ruft mir zu: „Ela! Ela!“ – „Komm! Komm!“. Jaja, denke ich. Das dauert doch locker noch drei, vier Minuten, bis das Schiff seine Klappe heruntergelassen hat und vertäut ist. Ich bin mir zwar sicher, dass nicht viele Leute aussteigen werden und einsteigen will ja wohl auch nur ich, wie es aussieht. Aber noch immer wurden ja zumindest ein paar Waren auf- oder abgeladen, wenn eine Fähre irgendwo an einer griechischen Insel festmacht. Ich fotografiere unbeeindruckt die Aqua Jewel, wie sie sich langsam dem Anleger nähert. Jetzt wird der Alte ungeduldig: „Ela!“ – er gestikuliert wild. Okay okay, ich tue wie mir geheißen wird und stehe nun bei ihm an der Kante des Anlegers. Das Schiff ist noch immer gute 5 Meter entfernt. Ich warte. Die Ladeklappe der riesigen Fähre schwebt bereits kurz vorm Betonkai. Der Alte gestikuliert, oben auf der Ladeklappe steht ein Mann der Schiffsbesatzung. Das ist einer von denen, die den Arbeitern am Hafen die Taue zuwerfen, die dann das Schiff fixieren. Aber er hat kein Tau in der Hand.

Und langsam verstehe ich. Die Ladeklappe hatte sich in den vergangenen Sekunden bis auf einen halben Meter genähert, während sie gut 30 cm oberhalb der Höhe der Hafenkante schwebte. Wie in Zeitlupe aber entfernt sich die Klappenfläche nun wieder vor meinen Augen. Das Schiff hat überhaupt nicht vor, anzulegen. Vielmehr will es mich gewissermaßen im Vorbeiflug einsammeln! Ich fasse mir ein Herz, tue einen Schritt, der ob des bereits fliehenden Schiffs mehr ein Sprung ist, während mich der Mann auf der Ladeklappe am Arm packt und im letzten Moment herüberzieht. Wow… Das hat funktioniert. Ich nicke ihm verdutzt grüßend zu und blicke zurück zum Hafen. Das Schiff ist jetzt schon meterweit vom Kai entfernt und dreht direkt auf, um ohne Umschweife und großen Zeitverlust weiterzufahren. Okay… Ich staune über diese neue Erfahrung und komme nicht umhin, mich noch ein wenig mehr in dieses Land zu verlieben. Was bedeuten schon all die EU-Vorschriften und Maßnahmen zur Gefahrenvermeidung, wenn man’s auch auf die improvisierte Tour machen kann. Am Ende wird’s schon gut gehen. Und mehr Spaß macht’s auch.

Kein Ticketschalter, kein Mitreisender, kein Anlegen… hopp hopp! Riva, Thirasia

Durch die Caldera steuern wir auf unsere einzige Zwischenstation Richtung Anafi zu, das bald schon in Sicht liegende Athinios, den Haupthafen von Santorini, an dem ich gestern erst zur etwa selben Uhrzeit angekommen war. Während die Passagiere der Aqua Jewel, die dort fast alle aussteigen werden, aufgeregt nach Oía und Fira hinaufstarren, stehe ich an der anderen Seite der Reling und schaue noch einmal hinüber nach Manolás und zum weißen Tüpfelchen am Ende der Insel, dem Kloster, zu dem ich eben noch wie in einem watteweichen Traum durch die Stille gewandert bin.

Goodbye Thirasia!

Mein Eindruck

  • Die Atmosphäre auf Thirasia ist mit der auf der Schwesterinsel Santorini nicht zu vergleichen
  • Die Insel ist sehr ruhig und wirkt, als sei die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben
  • Geeignet für kurze Aufenthalte von 1 – 2 Tagen
  • In wenigen Stunden kann man die Insel komplett bewandern 
  • Außerhalb der Sommersaison ist Tourismus quasi nicht existent

Tipps

  • Es gibt ganzjährig tägliche Bootsverbindungen ab Oía und Athinios auf Santorini
  • Vom Hafen Riva aus, geht nach Ankunft des Fährbootes ein Shuttle-Pickup hoch nach Manolás
  • Wollt ihr über Nacht bleiben, setzt euch am besten rechtzeitig mit Jimmy von den Zacharo Rooms in Verbindung
  • Wer Thirasia per organisiertem Tagestrip von Santorini aus besucht, sollte den Aufstieg vom Ausflugshafen Ormos Korfou ins „authentische“ Manolás nicht auslassen
  • Der schönste Ort ist das Kloster auf der südlichen Inselspitze
  • Besucht die einzige Bäckerei und kostet das Brot!
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