Othonoi - Toteninsel




Wie ich im Trauerzug zum nordwestlichsten Rande Griechenlands fuhr, die Verkäuferin mich vor der Obdachlosigkeit bewahrte und ein geheimnisvoller Seefahrer-Clan meine Wege begleitete. Wie die Bienen mich vom Gipfel vertrieben, die Mutter mich im Dunkeln empfing und was der alte Leuchtturm zu erzählen hat.

Besucht: 17. -18. Oktober 2019

  • Diapontische Inseln

  • Einwohner: ca. 400

  • Größe: 10 km²


Zugegeben, der Name dieses Berichts ist etwas makaber. Da aber meine anderthalb Tage auf der Insel Othonoi – der westlichsten aller griechischen Eilande – ganz unter dem Einfluss der Beerdigung eines Gemeindemitglieds standen, möchte ich ihn einmal so nennen. Doch ich greife an dieser Stelle weit vor, denn als ich am 16.10.2019 von Berlin-Tegel aus auf dem Weg nach Korfu bin, um von dort aus zu den Diapontischen Inseln weiterzureisen, weiß ich noch nicht einmal, wie man dort hinkommt.


Die Reisenden


Mein Flug an diesem trüben Mittwoch geht erst nach 13 Uhr. Ich kann ausgeschlafen in den Tag starten. Draußen ist es kalt und diesig. Nach einem endlosen Sommer und einer ersten Oktoberhälfte mit Tagen über 20 Grad, will der Monat nun endlich einmal zeigen, dass er eigentlich doch nur der fiese, kleine Bruder des nahenden Novembers ist. Es ist der erste, wirkliche Herbsttag und der leichte Nieselregen kippt immer wieder in kurze Schauer um. Ich statte zunächst dem Karstadt um die Ecke einen Besuch ab. Bevor ich zum Flughafen fahre, werfe ich hier noch letzte Post ein und besorge mir ein paar meiner geliebten kleinen A6-Heftchen, die ich seit einiger Zeit mitnehme, wenn ich unterwegs bin, um Notizen zu machen. Ich bin mit dem Reisen einfach schneller als mit dem Aufschreiben der Berichte und möchte nicht mehr Gefahr laufen, kleine Details zu vergessen, die sich mir unterwegs in der ein oder anderen Situation dargeboten haben. Stift und Papier habe ich nun immer in der Hosentasche.


Die Wettervorhersage für das Gebiet rund um Korfu gibt Anlass zum Optimismus: Zwischen 24 und 27 Grad stehen in den nächsten Tagen in Aussicht. Von Bewölkung weiß dort niemand etwas. Eine lange Hose habe ich zwar in meinem Rucksack, mit dem ich nun durch die Kaufhausregale schlendere, die kurze aber vorsichtshalber schon mal angezogen. Lieber friere ich hier in Berlin eine halbe Stunde im feuchten Wind, als dass ich in Kerkyra, Korfus Hauptort, aus dem Flugzeug steige und dann viel zu warm angezogen bin. Und ein klein wenig Bibbern steigert am Ende ja nur die Vorfreude.


Anflug auf Korfu, oben die Inselhauptstadt Kerkyra mit dem großen Hafen


Keine Stunde später erreicht der Bus den Flughafen. Es ist kaum etwas los. Die Partytouristen, die von Mai bis September die Straßen vor den Berliner Spätis belagern, scheinen größtenteils wieder ihrer Wege gezogen und in alle Winde verstreut zu sein. Mir gegenüber am Terminal sitzt ein Mann um die 60. Er trägt dicke Stiefel, wuchernde Locken über den Geheimratsecken und ein knallgelbes Shirt mit Ethno-Print. Er blättert in einem Korfu-Büchlein. Irgendwie ist er mir direkt sympathisch und erinnert mich an Bernhard, den ich auf meiner Anafi-Reise getroffen hatte. Und an David, den weißhaarigen, dürren und rätselhaften Reisenden aus San Francisco, der nachts auf der Fähre auf dem Weg nach Nisyros war, wo er am Strand schlafen und später alte Freunde überraschen wollte. Es ist Oktober, die Zeit der Pauschalurlauber ist vorbei. Jetzt kommen die Freaks, jetzt kommen wir. Korfu, meine notwendige Zwischenetappe auf dem Weg zu den Diapontischen Inseln, habe ich mir bislang so apokalyptisch wie Rhodos oder Kos vorgestellt. In diesem Augenblick aber, wo der Lockenmann mit leuchtenden Augen seinen Blick über die Seiten schweifen lässt, erscheint mir alles in etwas wärmerem Licht.


Wir landen. Beim Anflug sieht man bereits, was droht: Hotelburgen, große Straßen, Luxus-Ressorts, endlose Küstenbebauung. Der kleine Airport ist etwas aus der Mode gekommen, hat gerade dadurch aber ein angenehm nostalgisches 80er-Jahre-Urlaubs-Flair. Draußen warten schon die TUI-Busse. Viele Menschen verlassen das Gebäude nicht mit mir, aber die Reiseführerin steht wacker an ihrem 9-Sitzer und hält ein Schild hoch. Zum Sunset-Dingsbums Holiday Club einmal hier entlang bitte. Ich habe Glück, ich muss nicht einsteigen, um in irgendeinem Resort abgeladen zu werden.


Bei Google Maps sah es so aus, als sei der Flughafen recht nah an der Stadt. Und wirklich, ich konnte es eben aus dem Flugzeugfenster schon sehen, eigentlich liegt er fast in der Stadt. Bis ins Zentrum sind es keine 3 km. Da kann man auch laufen.


Gleich hinterm Flughafenparkplatz liegt ein trostlos anmutender Friedhof. Ein Omen? Hier möchte man sicher nicht begraben sein, und wenn der Oleander noch so schön über die Mauern wuchert. Können einem Tote leid tun? Oh, ich habe noch meinen Pullover an. Es sind tatsächlich 25 Grad.


Vom Flughafen in den Stadtkern von Kerkyra kann man locker zu Fuß gehen. Korfu


Es folgt die örtliche Sporthalle. „Olympia 2004, Athen“. Auch hier hatte man hart trainiert und wurde vielleicht mit der ein oder anderen Medaille belohnt. Weiter geht's über unscheinbare Zubringerstraßen und Vorortlandschaften. Schön im klassischen Sinne ist es hier, zwischen Airport und Altstadt, sicher nicht. Das ändert sich aber, als ich eine Viertelstunde später am Meer ankomme, an eine breite Bucht mit Blick auf die beeindruckende venezianische Festung, die weit hinten auf einem großen Felsvorsprung liegt, wo sie seit dem 15. Jahrhundert nach und nach aufgebaut wurde.


Ich habe es nicht eilig, da ich keine Ahnung habe, wann und von wo die Fähren zwischen Korfu und den Diapontischen Inseln fahren. Einen Abend für Vor-Ort-Recherche samt Übernachtung in Kerkyra habe ich also ohnehin eingeplant und dafür ein kleines Apartment in der Altstadt gebucht, das sich mit einem Türcode öffnen lässt. Niemand wartet auf mich. Statt mich also vom Handy direkt dorthin leiten zu lassen, gehe ich erst mal in Richtung der Festung.


Keine halbe Stunde nach Aufbruch am Flughafen erreicht man zu Fuß die Bucht vor der alten Festung, Kerkyra


Ich passiere das große Hotel am Casino. Ein schmerbäuchiger Engländer krault seine Brustbehaarung hinter einer Hecke am Pool. Er blickt aufs Meer hinaus und hängt Großmannsträumen vom Empire nach. Korfu wurde einst von den Briten "verwaltet". Dann trödelt eine Sightseeing-Bummelbahn vorbei und chauffiert Menschen mit Sonnenbrillen und Strohhüten hinauf zur Alten Festung. Oben angekommen ist das Bild ein ähnliches. Reisebusse stehen Schlange. „Schmidt - Reisen mit Herz“. Die Busse sind leer, die Motoren brummen im Chor, damit die Klimaanlagen weiterlaufen können für die schwitzenden Busfahrer, die aber allesamt lieber draußen sitzen und rauchen. Es ist ein infernalischer Lärm und Gestank. Ich eile weiter. Vielleicht bringe ich doch erst mal mein Gepäck weg.


Vor der Alten Festung


Die Altstadt ist tatsächlich sehr hübsch. Ihr haftet es etwas Morbides an, was jetzt in der Dämmerung ein wenig an Venedig erinnert. Nur ohne Kanäle. Vielleicht sind es die Fassaden mit der durch die Feuchtigkeit abblätternden Farbe oder die Fensterläden, die an den hohen, pastelligen Häusern so schief in den Angeln hängen, dass es wirkt, als würden sie jeden Moment herunterfallen. Oder sind es die über die Gassen gespannten Wäscheleinen, an denen in italienischer Manier die weißen Unterhemden im Abendwind wabern?



Der Zettel zum Glück


Frisch eingecheckt will ich nun endlich klären, ob und wie ich in den nächsten Tagen die drei bewohnten Diapontischen Inseln besuchen kann: Mathraki, Othonoi und Errikousa stehen auf meiner Wunschliste. Aber bis auf den Fakt, dass an einigen Tagen in der Woche eine Fähre aus Kerkyra in Richtung der Inseln aufbrechen soll und an anderen eine aus dem etwa 40 Straßenkilometer entfernten Agios Stefanos, war im Vorfeld nichts herauszubekommen. Wann ist Abfahrt? Was ist mit Verbindungen zwischen den Inseln? In welcher Reihenfolge werden sie angefahren? Egal, wen ich vorab gefragt habe, keiner konnte oder wollte mir etwas dazu sagen. Ich habe es über soziale Medien probiert, bei Unterkünften und mit Mails an Joy Cruises, jener Schifffahrtsgesellschaft, die offenbar seit einem Motorschaden der alten Fähre im letzten Jahr vorübergehend die Strecke ab Kerkyra bedient (so viel immerhin konnte ich einem englischen Zeitungsartikel entnehmen). Aber ansonsten gab es allseits nur Schweigen oder ahnungsloses Schulterzucken.


Letzte Sonnenstrahlen streicheln das Portal am Palaia Anaktora, Korfu


Die Mandrakinas-Kirche im ersten Abendlicht, Korfu


Was jetzt noch helfen kann, ist ein Besuch des „Regionalen Fährterminals“ am Hafen, denke ich mir. Kerkyra mit seinen über 30.000 Einwohnern und dem zu jeder Jahreszeit brummenden Tourismus ist groß genug über eine solch spezifische Einrichtung zu verfügen. Hier gehen die regelmäßigen Schiffe ans griechische Festland, nach Paxos oder zur gegenüber liegenden Küste Albaniens. Der Hafen von Kerkyra ist wirklich groß und zieht sich locker über einen Kilometer hin. Es gibt den industriellen Teil des Hafens, einen Abschnitt für Fischer, für Yachten und weiter hinten für die Kreuzfahrtriesen, die in ihrer dreisten Monstrosität die Sicht auf die albanische Küste versperren. Einige Kaikis mischen sich in die Szene, was der Hafenstraße hier und dort eine schöne Atmosphäre beschert.


Tatsächlich strahlt mich bald, als ich den Fischerhafen entlang auf das Regionale Fährterminal zu schlendere, aus einiger Entfernung ein großes "Joy Cruises"-Schild an. Na, also! Hier bei den zuständigen Fährbetreibern muss mir doch jemand helfen können. Es ist mittlerweile halb acht am Abend. Das Büro hat glücklicherweise noch geöffnet.


Joy Cruises scheint, wie der Name schon vermuten lässt, vor allem Ausflüge anzubieten und eher zufällig den Auftrag ergattert zu haben, die Fährstrecken zu den Diapontischen Inseln zu bedienen. Draußen im Schaufenster buhlen bunte Plakate um Aufmerksamkeit: "Day Trips to Paxos", "Island Round Trips", "Visit Mouse Island". Aber mich interessiert etwas anderes. Ich trete ein und erzähle der gelangweilten Dame am Schalter von meinem Anliegen: Othonoi, Mathraki, Errikousa. Wie komme ich denn nun dahin? Und siehe da! Sie zaubert ohne zu zögern einen kopierten DIN/A4-Zettel unterm Tresen hervor, auf dem auf Griechisch die Abfahrtszeiten und Verbindungen für die zuständige „Zanadu“-Fähre notiert sind samt Routen zwischen den Inseln selbst. Ein echter Fahrplan - es gibt ihn also doch! Hätte man ja z.B. auch einfach mal auf die Homepage stellen können. Oder auf meine nette Anfrage per Mail schicken. Aber das Geschäft der Firma sind nun eben Ausflugsfahrten. Und Touristen scheinen sich in aller Regel nicht für die Diapontischen Inseln zu interessieren.


Fischerboote und Albaniens Küste, Korfu


Mit dem Zettel in der Hand gehe ich wieder hinaus und studiere im Restaurant, das dem gegenüberliegenden regionalen Fährterminal angegliedert ist, den Fahrplan. Bald ist eine Reihenfolge zurechtgelegt, die es mir erlaubt in den fünf Tagen, die ich habe, tatsächlich alle drei bewohnten Diapontischen Inseln zu besuchen. Großartig! Morgen früh um 6:30 Uhr, so habe ich kalkuliert, geht es als allererstes mit der "Zanadu" nach Othonoi. Dort bleibe ich eine Nacht, bevor es über Mathraki weiter nach Erikoussa und schließlich zurück nach Korfu geht.


Ich lehne mich zurück und genieße mit einem kühlen Alfa in der Hand zufrieden den Blick übers Meer. Am Ende klappt’s mit Vertrauen auf gutes Geschick und etwas Glück doch immer! Und wie durch ein kleines Wunder, das mir die erfolgreiche Recherche belohnen will, legt just in diesem Moment direkt vor mir ein kleines Schiff an: Es ist die Zanadu. Die Suche morgen früh im Dunkeln am endlosen Hafengelände kann ich mir sparen.


Mein Fahrplan zu den Diapontischen Inseln, kalkuliert am Vorabend in Kerkyra


Einen guten Teil des Abends verbringe ich in der Tsipouradiko Taverne am Rande der Altstadt, in der Rebetiko läuft und man selbst seine Bestellung notiert, während man die kleine Liste der täglich wechselnden Mezze durchgeht. Es ist ein ruhiger und sympathischer Laden, den ich sicher noch mal besuchen werde, wenn irgendwann Korfu selbst mit einem ausführlichen Besuch an der Reihe ist. Beim anschließenden Spaziergang durch Kerkyras Gassen stoße ich auf Kuriositäten wie Mr. Lee's Asia Restaurant oder einen Fish Spa und natürlich die obligatorischen Club und Bars mit pseudomoderner Lounge-Atmosphäre und Musik, die einen aus den offenen Fenstern anbrüllt. Je lauter, desto attraktiver ist offenbar die Devise. Es war sicher mal sehr idyllisch hier in Korfus Altstadt. Irgendwann vor vielen Jahren. Ich flüchte mich in mein Zimmer.


Wer in Kerkyra gemütlich essen möchte, sollte es in der Tsipouradiko Taverne probieren, Korfu


Noch schnell zuschlagen, bevor es morgen vielleicht nix mehr gibt, Korfu


Nächtliche Musiksession im Verein der Pontos-Griechen, Korfu


Vom Bett aus kann ich durch ein kleines Dachfenster zum Meer blicken. Die Lichter der Küste blinken dahinter in der Schwärze.



Im blauen Dunst


Um 5:50 Uhr verlasse ich das Haus in der Velissariou-Straße. Es ist totenstill. Erst als ich im Dunkeln falsch abbiege, rührt sich etwas. Ich laufe geradewegs auf das Wachhäuschen der Neuen Festung zu, der anderen historischen Trutzburg der Stadt, die heute scheinbar als Militärbasis genutzt wird. Zwei Soldaten treten heraus und blicken aufmerksam in meine Richtung. Ich korrigiere meinen Weg, bevor ich wegen Spionage im Kerker lande, und bin kurz darauf an der Hafenstraße.


Aus einem heruntergekommenen Club fallen ein paar Jugendliche. Müde und bleiche Gestalten hocken auf dem Gehweg und warten darauf, von irgendwem eingesammelt und ins Bett gebracht zu werden. Die Zanadu liegt noch dort, wo sie gestern Abend festgemacht hat. Das Schiff ist klein, hat eine Ladefläche, auf die zwei, drei Fahrzeuge passen und ein offenes Passagierdeck darüber. Trotzdem herrscht am Anleger ein Trubel und eine Gerufe, als befänden wir uns auf einer Vieh-Auktion. Hektisch wird gestikuliert und kommandiert, als ein Lieferwagen rückwärts aufs Schiff fährt. Mindestens fünf Leute beteiligen sich. Ich zeige mein Ticket einem desinteressierten Crew-Mitglied und begebe mich an Bord.


Die Fähre nach Othonoi, kurz nach 6 Uhr morgens am Hafen von Kerkyra


Noch immer ist es draußen stockdunkel. Im trüben Halogenlampen-Schein des unteren Decks liegen einige Leute auf den Eckbänken und eine Menge Gepäck herum. Der ein oder andere hat hier scheinbar seinen vierteljährlichen Einkauf erledigt. Oben herrscht regere Stimmung. Offenbar sind nur Einheimische an Bord. Alles plappert wild durcheinander. Die meisten der vielleicht 40 Passagiere sind schon etwas betagter. Grau ist die vorherrschende Haarfarbe. Ich wundere mich, dass gleich mehrere Damen um die fünfzig ganz in schwarz gekleidet sind, ein typisches Anzeichen für ein Leben als Witwe, oder? Die Leute scheinen ausnahmslos starke Raucher zu sein. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt…? Es klackt und schnippt und zischelt ununterbrochen. Irgendeiner steckt sich immer gerade eine an.


Möbelmoden - unter der Deck der "Zanadu", Kerkyra


Nicht lange, nachdem wir ablegen und die Hafenpromenade mit ihren maroden Hotelanlagen hinter uns lassen, spricht mich einer der wenigen jungen Leute an. Auf Griechisch. Ich bedeute ihm, dass ich leider nicht verstehe, aber er spricht auch Englisch. "You can take a pillow, from inside". Er selbst hat sich gerade ein Sitzkissen geholt, um es sich und seiner Begleitung - offenbar seine Freundin - auf den schlichten Holzbänken etwas bequemer zu machen. Ich danke. Wir kommen ins Gespräch. "Oh Berlin! He loves Berlin", lächelt die Dame verliebt ihren Galan an. Sie hat einen kleinen Hund im Arm. Ja, er sei dort gewesen und möchte gern mal wieder hin, bekräftigt er. "I love that special atmosphere". Ich weiß, was er meint. Aber ich bin heute viel lieber hier.


Auf Erikoussa leben die beiden und kehren nach einer freien Woche auf Korfu heute zurück. "I am the island doctor." Ich staune nicht schlecht. Einige Leute scheinen schon in jungen Jahren sehr zielstrebig zu sein. Ich würde ihn auf höchstens Ende 20 schätzen. Und schon ist er also allein verantwortlich für das Wohlergehen einer ganzen, separiert auf einer Insel lebenden Gemeinde. Ich bin beeindruckt. "I want to go to Errikousa, too", erzähle ich ihm, und dass es schwierig sei, ein Zimmer zu bekommen. Im Netz sei nichts zu finden und ich müsse die Tage wohl noch mal recherchieren und ein paar Mails schreiben. Ein wenig Zeit habe ich noch, denn Errikousa ist ja laut Kalkulation von gestern Abend meine letzte Station. Erst am vierten Tag meiner Reise komme ich dort an. "No problem!" ruft er. "You just come to the doctor's office, when you arrive. It's next to the taverna. Knock on the door, I'll find a room for you. It will be ready. When do you arrive?" Ich bin begeistert von so viel Hilfsbereitschaft und kündige mich für Samstag an. Dimitrios ist sein Name. Er sagt, ich würde ihn schon finden.


Lichter überall. Vor Korfu


Im frühmorgendlichen Treiben an Deck steckt auch ein Papas mit blitzenden Augen und einem Lachen, für welches das Wort "keckern" einst erfunden worden sein muss. Mit seiner gepressten, hohen Stimme mischt er sich mal hier mal dort in die Gespräche und hat mit allen einen Scherz und letzte Neuigkeiten auszutauschen. Er giggelt und kichert ununterbrochen. Ich bin wie immer ganz gebannt von derlei Erscheinungen. Die Aura und Würde, die die dunklen Gewänder umgeben und in denen sich die Dorfpriester ganz ihrem Amt entsprechend bewegen, verfehlen nie ihre Wirkung auf mich.


Der Tag beginnt um kurz nach sieben...


...was mag er Neues bringen? Vielleicht weiß die Zeitung mehr. An Bord der Zanadu



Am Ende aller Wege


Um halb acht kommt dann endlich das Tageslicht. Wir umfahren gerade das letzte Kap von Korfu und steuern nun auf die Diapontische Inselgruppe zu. Die fünfhundertste Zigarette des Tages wird feierlich entzündet. Nach Zwischenstopp in Errikousa, wo sich der Insel-Doc und seine Freundin vorläufig verabschieden...


...und Mathraki...



...legt die Zanadu knapp vier Stunden nach Abfahrt um 10:25 Uhr auf Othonoi an!

Ankunft am Hafen von Othonoi. Hinten der Berg Imerovigli.


Und es dauert einen Moment, bis ich merke, was vor sich geht. Der Papas hat sein Ornat über den schwarzen Rock geworfen und einen Hut aufgesetzt. Ein Mercedes-Kombi, eines der beiden Fahrzeuge an Bord, verlässt das Schiff. Der Geistliche geht ihm voran. Der Wagen stand bereits unter Deck, als ich heute Morgen auf die Fähre ging und ich habe ihn nicht weiter beachtet. Kaum hat er aber nun die Fähre verlassen und sich am Anleger positioniert, stürzt eine kleine Gruppe auf ihn zu, die am Hafen gewartet hatte, angeführt von einer alten Frau am Gehstock, die sich schluchzend an seine Scheiben wirft. Sie weint und ruft und wiederholt wimmernd einige Worte. Ich sehe verstohlen genauer hin. An der Heckscheibe des Wagens prangt ein weißes Kreuz, drinnen liegt ein mit Tuch verhüllter Sarg.


Der letzte Empfang. Othonoi


Der Papas steht aufrecht am Leichenwagen und behält demonstrativ seine Fassung, während nun ein Passagier nach dem anderen zur kleinen Gruppe herantritt und kondoliert. Umarmungen und leise Worte werden ausgetauscht. Ich begreife endlich, warum so viele Personen an Deck so auffällig schwarz gekleidet waren. Die alte Frau mit ihrem Haarnetz und dem dunklen, faltigen Gesicht bleibt jedoch trotz aller Worte untröstlich und beklagt laut den Verlust, während sie sich weiter an die Scheiben des Auto drückt. Ich ziehe mich zurück.


Ein Willkommen, das ein Abschied ist. Othonoi


Langsam schlendere ich die am Hafen beginnende Straße hinauf in Richtung der Gebäude, die in der nächsten Bucht auszumachen sind. Ich bleibe hier und da am kieseligen Ufer stehen, noch ganz gerührt von der herzzerreißenden Szene. Nach und nach zieht die trauernde Gemeinde vom Hafen an mir vorbei in die Kirche. Sie ist eines der ersten Gebäude am Ortseingang. Und bald sind dort wieder alle versammelt. Es ist schon eine sehr spezielle Begrüßung, die sich Othonoi für mich ausgedacht hat und die mich angesichts der Trauer und Eingeschworenheit der Bewohnerinnen und Bewohner ganz klein und auch ein wenig fehl am Platz erscheinen lässt.


Ein Dorf in Trauer. Und ich dazwischen. Othonoi



Ankünfte, Auskünfte, Unterkünfte


Mein Weg führt mich nun zum Calypso Hotel, das ich bei Google Maps entdeckt hatte. Denn was mir noch fehlt, ist ein Platz zum Schlafen. Es liegt gleich bei der Kirche, einige Meter weiter den Hang hinauf. Und es ist ein für die offenbar bescheidenen Verhältnisse auf der Insel fast übertrieben großes Gebäude, ein reelles Hotel mit zwei Stockwerken und etwa 20 Zimmern. Damit ist es nicht nur das größte, sondern auch das einzige Hotel auf der Insel. Wer anders übernachten möchte, der muss sich eines der Privatzimmer nehmen, die im Sommer auf Othonoi in überschaubarer Zahl zu finden sind. Für mich gilt bislang aber: Es gibt gar kein Zimmer. Jedenfalls nicht im Netz, wenn man es wie ich über die üblichen Buchungsportale versucht. Ich hatte darum noch gestern Abend aus Kerkyra eine Mail an das Calypso Hotel geschrieben - allerdings auch hier keine Antwort erhalten.


Übrigens: "Calypso Hotel", das erscheint wie ein zunächst recht generischer Name. Dennoch ist es auf Othonoi kein zufällig gewählter, denn diese Insel wurde als jenes mythische Eiland Ogygia identifiziert, auf dem die Nymphe Kalypso Odysseus für sieben Jahre bei sich behielt. Nahe des nur mit dem Boot erreichbaren Strands Aspri Ammos gibt es eine „Kalypso-Höhle“, in der die beiden in trauter Zweisamkeit gelebt haben sollen. Nun ist Othonoi bei weitem nicht die einzige Insel, die man mit diesem Mythos in Verbindung bringt und wenn man mich fragt, so macht der Vorschlag Othonoi mit Ogygia gleichzusetzen schon deshalb keinen Sinn, weil sich endlos und mächtig das Ceraunische Gebirge mit seinen beeindruckenden Zweitausender-Gipfeln an Albaniens Küste entlang zieht. So kann ein Ort, der sich abgelegen am „Ende der Welt“ befinden soll, doch wohl kaum aussehen... Aber was verstehe ich schon von griechischer Mythologie.


Heute scheint wirklich alles stillzustehen. Othonoi


Mein Anliegen bleibt auch jetzt unbeantwortet: Die Tür zum Calypso Hotel ist verschlossen. Ich rüttle und klopfe – es ist augenscheinlich keiner da. Schade, das war meine bislang einzige Idee. Aber der Tag ist ja noch lang. Ich find schon noch was…Ich schlendere wieder hinunter zur Straße, an der Kirche vorbei und in Richtung Ortskern. Ein älterer Herr werkelt mitten auf der Straße an seinem antiken Pick-Up herum. Das Gefährt hat offenbar seinen Geist aufgegeben. Ich überlege kurz, ob ich ihm zur Hand gehen soll. Aber von Automotoren verstehe ich noch weniger als von Mythologie.


Im Grunde besteht der Hafenort Ammos vor allem aus einer Straße, die sich etwa 300 Meter am Wasser entlang zieht. Hier gibt es eine Handvoll Tavernen und Cafés, von denen zwei auch als kleine Läden dienen. Ich laufe unschlüssig auf und ab auf der Suche nach einem Hinweis auf eine Zimmervermietung und setze mich schließlich als erster und einziger Gast in die Grill-Bar „Antonis“. Draußen an der Hauswand ist ein Schild angebracht: Rooms To Let. Na also! Das Café ist einer dieser modernistischen Orte, an denen mit viel weiß, Leder und Korb-Elementen experimentiert wird. Das hat wenig Charme.


Ein Antonis ist nicht da, dafür aber ein Alex, den ich nach einem Cappuccino und dann nach einem Zimmer frage. „At this time of the year: no“, sagt er und macht auf dem Absatz kehrt, um mir mein Getränk zuzubereiten. Nein, nicht hier und auch sonst nicht, lässt er mich von der Kaffeemaschine aus wissen. Das klingt ernüchternd. Er muss es wohl wissen bei den maximal 100 Leuten, die hier im Ort leben. Ich bekräftige, dass ich ganz sicher kein tolles, frisch geputztes Urlaubs-Appartment, sondern wirklich nur ein Dach überm Kopf suche. Aber er weiß keinen Rat. Oder doch: „Maybe ask Calypso Hotel. But I think no.“ Womit er wohl recht hat. Und auch ein Frühstück oder auch nur ein einfaches Sandwich kann er mir at this time of the year leider nicht anbieten. So ist das eben.


Ich trinke meinen Cappuccino aus und gehe weiter. Alles halb so wild, ich hab’s ja nicht eilig und wenn alle Stricke reißen, würd ich auch draußen am Strand schlafen. Mild genug ist es. Zu essen find ich schon auch noch was - und wenn ich dafür irgendwo klopfen und fragen muss. Ich stoße auf ein weiteres Schildchen, auf dem die Homepage einer Zimmervermietung vermerkt ist. Mist, kein Empfang. Hier am Rande des Landes schwächelt das ansonsten so stabile Netz. Als sich mein Handy Minuten später endlich wieder verbindet, rufe ich die Adresse auf. Die Seite existiert nicht mehr. Hm, vielleicht schaue ich einfach noch mal beim Calypso Hotel nach, ob zwischenzeitlich irgendwer dort aufgetaucht ist? Vielleicht zum Blumengießen oder was man sonst so macht in einem geschlossenen Hotel?


An der Dorfkirche von Ammos, wo der Tote bestattet wird. Othonoi


Als ich die Kirche auf dem Weg zurück erneut passiere, steht der Sargdeckel neben der Eingangstür. Einige der schwarz gekleideten Personen unterhalten sich im Schatten des großen Baumes davor. Der Papas ist durch die offene Tür zu erkennen. Jetzt wirkt er sehr ernst und ganz anders als heute Morgen auf der „Zanadu“, als er noch mit jedem kichernd gescherzt hatte. Die Gemeinde nimmt endgültig Abschied. Wer mag die verstorbene Person wohl sein?


Das Calypso Hotel ist weiterhin verschlossen. Ein paar Hühner stolzieren im wuchernden Gras am Parkplatz herum und suchen konzentriert nach Nahrhaftem. Bei der mittäglichen Hitze bin ich mittlerweile ziemlich ins Schwitzen gekommen. Ich setze mich in den Eingang und denke nach. Was ist zu tun? Ich rufe jetzt einfach mal an beim Hotel. Vielleicht klingelt es drinnen, das wäre schlecht. Vielleicht aber auch ganz woanders. Irgendwo, wo jemand ist, der kommen und aufschließen könnte.


Neben dem Friedhof: Der Autofriedhof. Calypso Hotel, Othonoi


Bei der ersten Nummer klingelt es zwar nicht wie befürchtet von drinnen im Hotel, dafür aber endlos und ohne Antwort. Die andere Nummer, die ich finde, scheint gänzlich falsch zu sein: „Calypso Hotel, no – but I can offer you an appartment“ sagt ein Spiros am anderen Ende der Leitung. Ja klar, warum nicht! „I can give it to you for 50 Euros“. Puh, denke ich mir. Ganz schön teuer für eine so wenig frequentierte Insel zur Nebensaison. Aber es ist ja nur eine Nacht. Ich sage zu. Es dauert dann noch gute drei Minuten mit Wegbeschreibungen und verwirrten Nachfragen („No, I still can’t see a fortress..?“), während derer er versucht, mich telefonisch zum Haus zu lotsen. Bis ich merke, dass er von einem Appartment auf Korfu spricht. Wir haben völlig aneinander vorbeigeredet.Falsch verbunden. Wieder nichts. Wir lachen und legen auf.


Ich finde auf der Homepage des Calypso Hotels noch eine weitere, letzte Mobilnummer im Impressum. Tatsächlich geht jetzt jemand ran. „Ah, room. Normally yes, but today it’s impossible. Maybe tomorrow. We have a funeral.“ Okay, sage ich und bin mir erstmal unsicher, wie sehr ich angesichts dieses heiklen Umstands nachhaken oder erläutern darf. Womöglich steht die Person, mit der ich rede, gerade einige Meter weiter unten mit dem Handy an der Kirchentür während drinnen die Trauer-Zeremonie vollzogen wird. Hastig ergänze ich, dass ich verstehe, aber wirklich nichts brauche als eine offene Tür und eine Matratze für eine einzige Nacht. Kein bezogenes Bett, kein frisch geputztes Klo und kein fein gefaltetes Handtuch. Morgen wäre ich dann auch schon wieder fort. „Yes, I understand“, sagt die Frau am anderen Ende und ich meine ein freundliches Lächeln zu hören. „But we don’t have anyone on the island to prepare the room at this time. Only my mother, but she’s at the funeral.“ Ich lasse nicht nach, ein letzter Versuch – und sie erbarmt sich. Ich solle sie um 16 Uhr nochmals anrufen. Dazu diktiert sie mir eine weitere, ihre private Handynummer. Das ist doch ein Anfang!


Ammos ist keine Schönheit, aber die verschlafene Atmosphäre hat etwas Entspanntes.


Dass wir uns an der äußersten Landesgrenze befinden, beweist auch die Erinnerungskultur auf Othonoi. Ammos


Einigermaßen erleichtert schlendere ich erneut zurück zu jenem Straßenabschnitt, an dem sich auf etwa 100 Metern die Tavernen und Märkte sammeln, um mich nach dem Kapitel Zimmersuche erst mal zu stärken. Wieder geht’s vorbei an Antonis Grill-Bar, in der Alex jetzt allein sitzt und auf seinem Handy herumspielt. Zwei Türen weiter befindet sich das „Mikros“ Café, dann kommt Tasos Katrokios Psistaria, neben der sich ein kleiner Platz öffnet. Dort sind noch das „Stou Ammo“ und die Taverna „New York“ (merkwürdiger Name, denke ich mir - später bin ich schlauer) zu sehen, beide sind aber für den Rest des Jahres geschlossen. Im „Mikros“ bekomme ich, was ich bei Alex vergeblich suchte: Ein Käse-Tomate-Toast. Dazu noch einen weiteren Cappuccino. Ob ich hier wohl auch heute Abend etwas zu essen bekomme? Das nicht, sagt die junge Frau, die mich bedient. Wahrscheinlich nebenan bei Tasos. Man müsse aber noch sehen – „we have a funeral“.


Die Beerdigung scheint das ganze Inselleben zu beeinflussen. Das einzige Hotel macht dicht und dann bleibt ausgerechnet heute vielleicht auch noch die letzte Taverne geschlossen. Zu allem Überfluss möchte die junge Dame im „Mikros“, welches Café und Dorfladen in einem ist, jetzt ebenfalls schließen. Ich will noch schnell was einkaufen, bevor ich am Ende des Tages nicht nur ohne Bleibe, sondern auch ganz und gar ohne Essen und Wasser dastehe. Auf Othonoi scheint aktuell nichts berechenbar. Und um den offenbar einzigen Touristen auf der Insel dreht sich hier erst mal nichts. Verständlich.


Das Mikros ist Kafenio und Markt in einem


Ich bezahle Wasser, Nüsse, Kekse und einen schrumpeligen Apfel und verabschiede mich. Mit einem Bein bin ich bereits auf der Straße, als mir der Wagen neben dem Haus auffällt. Ein weißer Lieferwagen an dessen Tür steht: „Calypso Hotel“. Es rattert in meinem Kopf „We have a funeral“… diese spezifische Wortwahl. Die Stimme der jungen Dame… Mir geht langsam ein Licht auf. Ich drehe um und gehe zurück ins „Mikros“. „Did we speak on the phone?“, frage ich die junge Dame an der Kasse, die mir eben das späte Frühstück gemacht und meinen Proviant verkauft hatte. Sie versteht zunächst nicht ganz, lacht dann aber und sagt: „Are you Christian? Yes! My name is Tonia“.


Tonia ist ausgesprochen nett und nimmt sich nun doch noch mal kurz Zeit. Wir reden. Sie bedient im Mikros und führt den Laden. Ihre Familie führt tatsächlich auch das Calypso Hotel. Als ich eben die dritte und letzte Nummer des Hotels anrief, die ich im Netz finden konnte, hatte es bei ihr im Laden geklingelt und sie war diejenige, die mir dann doch noch Hoffnung auf ein Zimmer gemacht hatte. Sie erklärt mir noch einmal die aktuelle Situation und die Probleme, die damit einhergehen. Letztlich aber bekräftigt sie, dass wir später noch einmal über die Übernachtung im Hotel sprechen könnten.


Jetzt passt alles zusammen, Fortuna ist mir hold. Ich möchte die Zeit bis heute Abend nutzen, um über die Insel zu wandern und Tonia erlaubt mir, solang meinen Rucksack im gleich verschlossenen Laden stehen zu lassen. Ab 16 Uhr sei sie wieder da und zur Not hätte ich ja ihre Nummer.


Der Strand von Ammos liegt vor einer flachen Bucht am kleineren, alten Hafen.


Tonia gibt mir noch schnell ein paar Tipps, verweist auf einen Wanderweg, der hinten am Ortsrand beginnt und den Berg Imerovigli, den höchsten der Insel, von dem man eine tolle Aussicht hätte. Nur meinen Proviant solle ich nicht vergessen. Denn oben am Berg, im Dörfchen Chorio, "there's nothing". Ich schnappe mir meine spärlichen Einkäufe. Dann breche ich, viel optimistischer als noch vor einer halben Stunde, auf, Othonoi zu erkunden. Bei Tonia, so scheint es mir, bin ich für heute in guten Händen. Und wieder zeigt sich: Mit etwas Glück und Beharrlichkeit geht am Ende alles gut.


Am Dorfrand von Ammos beginnt der alte Pfad hoch nach Chorio am Imerovigli


Historisch und halb zugewuchert. Auf dem Pfad nach Chorio, Othonoi



Auf alten Pfaden


Der Wanderweg ist tatsächlich leicht zu finden. Vor dem letzten Haus des Ortes, dort, wo der Strand, der sich an der Bucht von Ammos entlangzieht, an einer hohen Felsklippe endet, geht ein Pfad ab in ein grünes Gewucher. Ein Holzschild markiert den Beginn des Weges. Und ein Mülleimer. Erstaunlich. Ob der auch mal geleert wird? Vielleicht ein Anzeichen dafür, dass hier im Sommer etwas mehr los ist. Mein Plan ist jetzt, über das etwa 7 km entfernte Dorf Chorio auf den Imerovigli zu wandern, um dann später über Umwege durch die kleineren Siedlungen, die ich auf der Karte entdeckt habe, wieder langsam hinunter nach Ammo zu gelangen.


Guten Mutes stapfe ich los. Bevor es eine Straße nach Chorio gab, war der jetzige Wanderweg wohl der Pfad, über den die Dörfer verbunden waren. Jetzt ist hier alles still und verlassen. Viel mehr Leute haben einstmals auf der Insel gelebt. Othonoi hatte, wie so viele andere Inseln auch, jahrzehntelang mit Bevölkerungsschwund durch Kriege und Armut zu kämpfen und heute mit Abwanderung in die Städte. Viele Job-Optionen haben Orte wie dieser nicht zu bieten. Die Gemeinde bemüht sich dennoch um den alten Pfad. Alle paar hundert Meter steht eine Bank, insbesondere an den etwas szenischeren Orten mit Blick auf den alles überragenden Imerovigli oder einen alten Olivenhain. Es ist schon schön hier zwischen den hohen, rauen Felswänden. Oft ist es beinahe waldig und alle möglichen Aromen strömen aus der warmen Erde, den Büschen und Nadelbäumen. Hier und da riecht es intensiv nach Thymian, nach Honig, nach Herbst, nach Sommer, dann wieder nach feuchtem Gras. Es ist ein olfaktorisches Fest.


Schöner Wohnen. Othonoi, zwischen Ammos und Chorio


Über allen Gipfeln ist Ruh. Othonoi, Blick auf den Imerovigli


Geisterhaft und still. Othonoi


Im hohen Gras und den Büschen raschelt es, wenn die Echsen vor meinen Schritten flüchten und Spinnennetze, spannen sich alle paar Meter über den Trampelpfad. Es ist wohl schon länger niemand mehr vorbei gekommen.


Nach den ersten Kilometern stößt der Wanderweg auf eine schmale asphaltierte Straße. Es ist der typisch riffelige Beton, der sich über viele der griechischen Inseln zieht und der oft so wirkt, als hätte man ihn einfach über ein paar grob verteilte Eisengitterfundamente gekippt, die jetzt an den Bruchstellen aus der Fahrbahn ragen. Hier zu wandern ist nur noch halb so schön, aber immerhin: Mit Verkehr muss ich nicht rechnen. Während der ganzen Zeit, die ich unterwegs bin, höre und sehe ich kein einziges Fahrzeug. Dafür aber in weiter ferne eine griechische Flagge, die hoch oben auf einem Gipfel im Wind flattert. Die Spitze des Imerovigli. Das sieht noch weit aus... Aber mein Wegproviant wird reichen und unterwegs komme ich ja noch nach Chorio, wo ich eine kurze Rast einlegen möchte.


Die Straße nach Chorio. Othonoi


Knapp 400 Meter über Null. Der Imerovigli. Othonoi


Nach einiger Zeit sehe ich ein paar Gebäude zwischen den Baumwipfeln aufblitzen. Eine lachsfarbene Kirche zeichnet sich ab, vom Typ ganz ähnlich derjenigen unten im Ort mit einen vorgelagerten Portal, an dem die Glocken hängen. In dieser Ecke des Landes haben sich offenbar gedeckte Farben durchgesetzt. Das weißblaue Idyll der Kykladen sucht man auf Othonoi vergeblich. Auch auf Erikoussa und Mathraki dominieren graurosa, beige, senfgelb, orange und braun, wie ich in den nächsten Tage feststellen werde. Doch der Duft des Waldes (Wald - noch so ein Unterscheid zu den Kykladen) wiegt den mangelnden optischen Reiz wieder auf.


Zeichen von Zivilisation in den Wipfeln. Othonoi, unterwegs nach Chorio


Das Schild zeigt, wo's lang geht. Zur Wahl stehen der alte Pfad und die Straße.


Schließlich stoße ich auf einen Wegweiser, der mir unmissverständlich anzeigt, dass ich richtig bin. Sich hier zu verlaufen wäre allerdings auch schwierig, schließlich zieht sich von Ammos nur eine einzige Straße in zig Windungen den Berg hinauf nach Chorio, dem Dorf, wie man es übersetzen könnte. Der von hier an mehr oder weniger parallel verlaufende Fußweg spart sich einige der Asphaltserpentinen und führt geradewegs den Hang hoch.


Nach zehn weiteren Minuten bin ich an der rostrosa Kirche angelangt, die ich eben zwischen den Wipfeln gesehen hatte. Vom Dorf fehlt ansonsten jede Spur. Und ja, in der Tat: Ein Blick auf die Karte verrät, dass es sich hier nur um eine Zwischenetappe auf dem weiteren Weg nach oben handelt. Ich nutze die Gelegenheit zu einer kurzen Pause und schaue mir die Kirche an. Besonders alt scheint sie nicht zu sein. Zwischen den kryptischen, griechischen Worten , die in eine Marmortafel gemeißelt sind, taucht die Jahreszahl 1993 auf. Ich kann noch die Worte "Kerkyra" und "Patriot" entziffern, mir ansonsten aber erst mal keinen weiteren Reim machen.


Die Kirche der Heiligen Jungfrau auf dem Weg hinauf ähnelt architektonisch der von Ammos


Letzte Ruhe... auf dem Weg nach Chorio, Othonoi


Da die Kirche verschlossen ist, schlendere ich über den nebenan liegenden Friedhof. Eine gute Stunde Wanderung bergauf liegt bereits hinter mir und in der Mittagssonne machen sich langsam die 25 Grad bemerkbar, die heute noch erreicht werden sollen. Da tut ein kurzes Füße-Vertreten auf ebenen Kieswegen ganz gut. Die Gräber sind einfach gehalten. Schwere Grabplatten, Marmorkreuze und Gestecke aus Plastikblumen prägen das Bild. Auf fast jedem Grab ist ein Foto der Verstorbenen angebracht. Steinalte Gesichter schauen mich an - Frauen mit unter dem Kinn geknoteten schwarzen Kopftüchern und weißhaarige Männer mit buschigen Bärten. Und in fast jeder der Grabinschriften dieses eine Wort: Katexis.


Was ist das? Ein frommer Segen? Dann allerdings würde auf den meisten Steinen außer Geburts- und Todestag nur der Vorname stehen. Merkwürdig. Ist es am Ende wirklich der Nachname all dieser Personen? Aber wenn dem so ist - dann müssten ja fast alle der hier liegenden Verstorbenen miteinander verwandt sein: Katexis, Katexis, Katexis. Ich denke an den jungen Mann, dem ich damals auf Angistri das Fährticket bezahlt hatte und der mir von den dortigen Heirats-Gepflogenheiten erzählte...


Lichte Höhen, Othonoi


Ich setze mich und mache mich aus Zerstreuung daran, das Schild an der Kirche mit der Jahreszahl zu übersetzen. Tatsächlich scheint das Gebäude doch älteren Datums zu sein, was auch die relativ hohe Zahl der Gräber erklärt. Und ja: Die Restauration der Kirche wird hier angepriesen und nicht ihr Bau. "Gespendet von der Amerikanisch-Othonischen Patriotischen Gesellschaft Kerkyra." Amerika also. Das scheint hier ein Thema zu sein. Hieß nicht eine der Tavernen unten am Wasser "New York"?


Als ich tags darauf auf dem benachbarten Mathraki auf US-Flaggen und ein "God Bless America"-Plakat stoße und später auch auf Erikoussa Spuren der Amerika-Verehrung sichtbar werden, ist das Rätsel komplett. Bis mir dort der Urgroßenkel eines weitergereisten Seefahrers begegnet und von dessen Leben erzählt. Natürlich auch er: Ein Katexis.


Blumen im Herbst. Othonoi


Weiter geht es durch blühende Landschaften. Ob es der Hippie-Wandersmann vom Flughafen gerade auch so schön hat? Es herrscht absolute Stille, die Sonne wärmt jetzt angenehm die schattigen Pfade und mitten im Oktober strahlen mich Blüten an, die mich an den wilden Safran von Anafi und Iraklia erinnern. Dazwischen stehen urwüchsige Olivenbäume, die seit den Zeiten der venezianischen Herrschaft auf der ganzen Insel zu knorrigen Riesen herangewachsen sind. Einige von ihnen, so sagt man, seien an die 400 Jahre alt.


Auf ganz Othonoi verstreut finden sich Olivenbäume


Am Ortstand von Chorio, Othonoi


Dann endet der alte Fußweg und ich stehe auf knapp 300 Meter Höhe an ein paar alten Schuppen, die den Ortseingang von Chorio markieren. Es ist 13:25 Uhr und die Sonne brennt vom Himmel. Hier zweigt der Weg zum Gipfel des Imerovigli ab. Aber zuerst möchte ich mir natürlich das Dorf anschauen.



Im Dorf der Katexis


Das erste Haus überrascht mit Kunst an der Mauer. Ein alter Blumentopf dient als Kopf einer gemalten Figur, die so gar nicht zum eher zurückhaltenden und konservativen Eindruck passen will, den ich bisher von Othonoi habe. Etwas karg und farblos schienen mir Ort und Menschen bislang. Aber vielleicht stehe ich auch noch zu sehr unter dem Einfluss der Trauer-Szenerie vom Vormittag. Jetzt jedenfalls sieht alles ganz freundlich aus. Und mit den roten Ziegeldächern und dem weißen Putz erinnert Chorio fast an ein Dörfchen im portugiesischen Alentejo


Kunst am Bau. Chorio


Der Eindruck bleibt, als ich die drei, vier Kurven durch den Ort schlendere. Die Häuser sind klein und geduckt, das Licht gleißend und alles ist in eine Stille gehüllt, die in dieser Intensität wohl nur das Landleben kennt. Niemand ist zu sehen. Stünde nicht hier und da ein Auto am Wegesrand, könnte man meinen, dass die Chora von Othonoi schon vor Jahren verlassen und aufgegeben wurde.

Kein Mensch, kein Laut. Ein Auto immerhin. Portugal Hinterland.... ach nein: Chorio, Othonoi!


Chorio ist der einstige Hauport von Othonoi


Einige der Häuser stehen auch tatsächlich leer und sind dem Verfall preisgegeben. Ich bin neugierig. Und da es niemanden zu geben scheint, der sich daran stören könnte, klettere ich die Umfriedung eines verwahrlosten Grundstücks hinauf, um mir das darauf stehende Wohngebäude näher anzusehen.


Eine Villa im Nirgendwo, Chorio


Eine Tür hat das Haus schon länger nicht mehr. Trotzdem kündige ich mich vorsichtshalber mit einem zögerlichen "Hello?" an. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass einem plötzlich eine erschrockene Ziege entgegenrennt. Aber hier bleibt alles still. So wenig, wie ein menschliches Lebenszeichen zu vernehmen ist, so wenig rührt sich irgendetwas anderes. Nur die Fliegen drehend summend ihre trägen Runden im Dunst.


Die Dielen knarren, als ich nun im Haus umherschleiche. Bescheiden hat man hier gelebt, mit einem Schlafzimmer und einer Küche. Dort schließt sich ein weiterer Raum an, ohne Dach, in dessen Mauer ein Ofen eingelassen ist. Altes, vergrautes Holz stützt das Gemäuer über Tür und Fenstern.


Dereinst ging jemand. Und kam wohl nicht wieder. Chorio


Überall liegen noch die Reste eines früheren Lebens. Im Putz und Staub, der sich über alles gebreitet hat, finden sich Werkzeuge, Geschirr, die Reste eines Bettes und eine alte Truhe. Schön sieht sie aus, wie sie dort mit Nieten beschlagen vor der blaugestrichenen Wand steht. Ob ein Schatz zu finden ist?


Irgendwer hat dies gemacht. Und irgendwer hat dies benutzt. Beides ist lang her. Chorio



Lebensspuren. Chorio


Leider nicht. Die Truhe ist leer. Aber vermutlich haben die Bewohner hier wohl auch eher ihre Kleidung aufbewahrt als Gold und Juwelen, wenngleich die fein verputzten Häuser mit ihrem farbigen Anstrich, zu denen auch dieses einmal gehört haben muss, durchaus einen wohlhabenderen Eindruck machen als viele der zweckmäßigen, kubistischen Gemäuer auf den Kykladen. Bisweilen erinnert die Architektur an das venezianisch geprägte Symi.


Zu jedem Dorfbesuch gehört natürlich auch ein Abstecher zur örtlichen Kirche. Hier oben ist sie dem Heiligen Georg gewidmet, der als Schutzheiliger Griechenlands auf allen Inseln gegenwärtig ist. Der Baustil ähnelt wiederum dem der Kirche unten in Ammos und der Katexi-Kirche von vorhin. Mit ihrem schlichten weißen Anstrich wirkt sie aber etwas ehrwürdiger und passt sich in bescheidener Weise dem Dorfbild an. Es dauert keine zwei Minuten, bis ich auf den Namen stoße: "1983 wurde diese Kirche von Spiridon Katexi elektrifiziert in Gedenken an seinen Vater Ioannis Katexi" prangt auf einem goldenen Schildchen neben dem von der Wand hängenden Stromzähler. Jeder, der etwas auf sich hält und es sich leisten kann, scheint seinen Beitrag zum Erhalt der Insel geleistet zu haben. Vor allem die Katexis, wie es scheint.


Hat zwar länger keinen Anstrich gesehen, ist aber "elektrifiziert". Die Agios Georgios Kirche in Chorio


Auch wenn die 1864 errichtete Kirche selbst kein Schmuckstück und zudem verschlossen ist, ist es ein wundervoller Ort hier oben in den Hügeln. Ich setze mich ein Weilchen auf die Mauer am Gotteshaus, um mich auszuruhen. Die Aussicht ist toll. Ich sehe den Gipfel des Imerovigli in einiger Entfernung klar vor mir. Meine letzte Etappe, bevor ich wieder hinunter zum Hafen nach Ammos gehe, wo Tonia mir hoffentlich den Schlüssel zu einem Zimmer überreichen wird. Linkerhand erstreckt sich ein Ausläufer der Insel, an dessen Ende, vom Meer eingefasst, als weißer Punkt ein Leuchtturm thront. Da die Insel mit ihrer maximalen Ausdehnung von knapp 5 km sehr überschaubare Ausmaße hat und die Fähre morgen erst um 13:30 Uhr zu meinem nächsten Ziel ablegt, beschließe ich vorher noch einen Abstecher dorthin zu machen. Viel mehr gibt es auf dieser Insel ohnehin nicht zu tun. Ach, das stille Leben. Hier, am äußersten nordwestlichen Rand des Landes, mag es sich manchmal wohl noch einsamer, noch langsamer, noch friedlicher anfühlen als auf den anderen Inselchen, von denen die meisten zumindest im Schoße Griechenlands, der Ägäis, ruhen.


Die Kirche zur Heiligen Jungfrau und der Katexi-Friedhof am Weg hinauf - und ganz fern, an der Spitze der Insel, der Leuchtturm von Othonoi


Das alte Portal der Kirche von Chroio mit dem Imerovigli im Hintergrund, Othonoi


Ich verspeise ein paar der Kekse aus Tonias Laden und breche dann wieder auf, um mir noch die anderen zwei, drei Gassen in der alten Chora anzusehen und zu erforschen, was dort verborgen liegt. Noch immer ist keine Menschenseele zu entdecken, kein Laut zu hören.


Und, ja, alle Bewohner dieses einst so florierenden Dorfes, so lese ich später, seien tatsächlich verwandt. Katexi ist der Name. Natürlich. Hier oben, versteckt vor den Gefahren der mittelalterlichen Piraterie liegt die Wurzel einer ganzen Dynastie, die sich später auf die benachbarten Inseln Errikousa und Mathraki und dann bis in die USA ausgebreitet hat. Noch heute ist der Name der stolzen Familie in Alabama und New York zu finden, allesamt Nachfahren von Seglern, Maschinisten, Hochseeschiffern. In Übersee haben einige der Katexis ein kleines Vermögen gemacht, mit dem der Erhalt der Inseln noch heute finanziert zu werden scheint. Von der Renovierung der Kirchen bis zu ihrer Elektrifizierung - und vermutlich vieles mehr.


Wie mag das Dorfleben vor 100 Jahren ausgesehen haben? Chorio


Die Feigen und Granatäpfel platzen reif an den Zweigen in den Gärten. Dann treffe ich auf einen alten Bekannten. Nein, immer noch keine lebendige Seele. Aber immerhin: Der ockergelbe Pickup, der heute Morgen mit offener Motorhaube und Startschwierigkeiten unten am Hafen stand, hat den Weg hinauf gefunden. Er wird wohl doch auch die nächsten 30 Jahre noch seine Runden auf Othonoi drehen.


Und er bewegt sich doch. Chorio


Granatäpfel, Chorio


Feigen, Chorio


Nun also auf zum Finale, dem Imerovigli-Gipfel. Die Aussicht dort soll ja berauschend sein, wenn man Tonia glauben darf. Und ich bin geneigt, dieser guten Seele alles zu glauben. Ob sie auch Katexis mit Nachnamen heißt? Ich muss sie später fragen.



Auf Abwegen


Zurück am Abzweig zum Pfad hinauf auf den Berg, stoße ich auf prächtige Brombeerbüsche. Die kommen mir wie gerufen. Zwar habe ich eben erst an meiner bescheidenen Packung Kekse genagt, aber ich merke, wie ich langsam wirklich hungrig werde. Auch mein Wasservorrat neigt sich dem Ende zu. Was soll's. Die Wegbeschreibung sagt, dass es nur noch 2 km zum Ziel sind. Und danach geht es sicher viel schneller wieder hinab bis nach Ammos, wo ich - ob mit oder ohne Hotel - hoffentlich ein warmes Abendessen und ein kühles Bier finden werde. Zur Not auch in Alex' und Antonis Not-at-this-time-of-the-year-Bar.


Die letzten 2 km bis zum Gipfel starten hier. Chorio


Meterhohe Brombeerbüsche! Chorio


Ich nasche ein paar der Brombeeren - bis ich einen erschrockenen Sprung zurück mache. Was war das, was da grad an meinem Kopf vorbei geflogen ist. Ein Kolibri? Das leichte Surren in der Luft nehme ich jetzt erst wahr. Und als ich mich umblicke, entdecke ich im blühenden und penetrant duftenden Gebüsch einige Meter vor mir am Pfad Schwärme riesiger Insekten. Ich kann nicht identifizieren, was es für Tiere sind, werde aber den Verdacht nicht los, dass es sich um gigantische Bienen handelt. Mir stockt der Atem, mich durchläuft ein Schauer und ich trete langsam zurück an die Straße, von wo aus ich grad eingebogen war. Dann entdecke ich das Schild. "Danger" prangt in gelben Buchstaben unter einem krakeligen Totenkopf an der Gartentür beim Bienen-Gebüsch.

Am Fuße des Imerovigli scheint ein Labor für Genversuche an Insekten versteckt zu sein. Chorio


Mit dieser diffusen Warnung sind augenscheinlich keine Piraten gemeint. Chorio


Mir ist schnell klar, dass ich auf Gipfel und Ausblick verzichten muss. Der Pfad zwischen den Büschen ist an dieser Stelle so eng, dass ich direkt durch den Monsterbienenschwarm hindurch laufen müsste, um hinaufzukommen. Während ich mir das gerade noch so vorstellen kann, graust's mir aber spätestens beim Gedanken an den Abstieg danach. Falls beim Durcheilen irgendetwas schief geht, müsste ich ja später noch mal hindurch, um wieder runter ins Dorf zu kommen....Ich gebe den Plan auf. Ich werde stattdessen lieber noch mal eine Runde über den Nordteil der Insel drehen, so entscheide ich spontan. Dort ist Fyki auf der Karte zu entdecken. Ein Strand, wie es scheint.

Kurze Zeit später stehe ich am Ortseingang der kleinen Siedlung Dafni, dereinst das populärste Dorf der Insel. Bis in die Sechziger haben noch knapp 250 Leute hier gelebt, bevor dann die letzte große Abwanderungswelle nach Athen und Korfu begann und ihn fast unbewohnt zurückließen. Im Grün am Wegesrand steht eine freundlich lächelnde Frau mit Strohhut und Sonnenbrille und sammelt Kräuter, die sie in einem Korb verstaut. "Kalimera" begrüßt sie mich. "Hi" erwidere ich, um ihr direkt zu verstehen zugeben, dass es mit meinem Griechisch nicht weit her ist. Ich freue mich über diese kleine Begegnung. Sie ist der erste Mensch, den ich sehe, seit ich Tonias Laden vor Stunden verlassen habe. "You were on the boat this morning, right?", fragt sie. Und, ja, ich erinnere mich, sie oben an Deck gesehen zu haben, auffällig anders gekleidet als der Rest der Leute.


Wir unterhalten uns eine Weile und ich frage, ob sie auf der Insel Urlaub mache. "No no. We have a house here. I'm from the Netherlands." Um die Kurve schlendert jemand, der offenkundig ihr Mann ist. Mit seinem weißen Haar, dem legeren Leinenanzug und dem Hut wirkt er wie ein in die Tage gekommener Dandy. Hat sie sich also verliebt, hier auf der Insel und ist so in Dafni gelandet? Ausgerechnet hier, wo es doch so endlos viele malerische Inseln gibt? "No, my husband is from Italy. We were sailing from the South. And we landed on Othonoi. We fell in love with this place. And so we bought the house."


Erst jetzt wird mir wirklich klar, wie weit weg wir sind von Athen, den Kykladen und all den anderen Orten, um die sich sonst so vieles dreht. Bis zur Küste Italiens sind es keine 75 km. Und wenn man dort mit dem Boot ablegt, im trubeligen Süden rund um Brindisi, dann muss einem Othonoi bei Ankunft in der Tat wie ein verborgener Garten Eden vorkommen.


Noch ein Weg, noch ein Schild. Othonoi rechnet mit Wanderern.


Wir plaudern noch ein ein Weilchen und verabschieden uns, nicht ohne dass sie mir den Rat gibt, statt der Straße dem schmalen Weg hinunter zu ihrem Haus zu folgen, hinter dem sich ein direkter Fußpfad hinab zur Fyki-Bucht befindet. An großen Zitronenbäumen, Farnen und den allgegenwärtigen Olivenbäumen vorbei folge ich der beschriebenen Richtung. Doch ich lande immer wieder im undurchdringlichen Dickicht oder vor felsigen Wänden und kann den Pfad hinunter nicht entdecken. Als ich das fünfte Mal im Kreis gelaufen bin und auf einem offenen Feld stehe, das an einem Zaun endet, gebe ich frustriert auf und gehe zurück zur asphaltierten Straße.


Hier steht zwar ein Zitronenbaum...


...und ein rostiger Oldtimer. Aber einen Fußpfad nach Fyki finde ich nicht. Dafni, Othonoi


Auch diese Straße führt zur Bucht hinunter. Wenngleich sie sicher weit weniger idyllisch ist als der Fußpfad und sich die Strecke von wenigen Hundert Metern auf stattliche 3,5 km und weitere 45 Minuten verlängert, will ich noch hin. Nachdem ich Dank der Todesbienen nun schon nicht auf dem Imerovigli war und auch der schönste Strand der Insel samt Höhle der Kalypso für mich ohne Boot verborgen bleibt, möchte ich doch wenigstens dieses Zwischenziel erreichen. Ausgedörrt aber mit einem Überschuss an Ehrgeiz gehe ich los.



Hinterm Geisterwald

Bei der Siedlung Stavros passiere ich ein Kreuz auf einem Sockel. Es ist von endlosen Schichten weißen Kalks übertüncht und nicht weiter auffällig, zumal es klein und windschief am Rand der verlassenen Straße steht. Später erfahre ich, dass es an ein geschichtlich für die Insel nicht eben unbedeutendes Ereignis erinnert. Wohl im Jahr 1835 hatte man es aufgestellt, um an das Massaker an den Bewohnern zu erinnern, das sich knapp 300 Jahre zuvor unter dem dem berüchtigten Korsaren Chaireddin Barbarossa auf der Insel abgespielt hatte. Ein traumatisches Erlebnis für sämtliche Othonen. Erst Jahrzehnte später, als die osmanische Flotte bei der Schlacht von Lepanto im Ionischen Meer geschlagen wurde, siedelten sich überhaupt erst wieder Menschen auf Othonoi an.

Vorabendsnack, Stavros


Die Sonne steht mittlerweile tiefer und mein Wasservorrat ist endgültig zu Ende. Ich weiß, dass ich in ausreichender Zeit wieder unten in Ammos sein kann, um etwas zu trinken, so dass ich mir keine Sorgen mache - auch, wenn ich nun erst mal auf der gegenüberliegenden Inselseite hinunter zum Meer wandere. Durst habe ich aber jetzt schon. Am Straßendrand wachsen Granatäpfel. Gut, die enthalten vielleicht nicht so viel Flüssigkeit wie Kokosnüsse oder Melonen, aber ich lasse mir die fruchtigen Rubine schmecken, während es Schritt für Schritt bergab geht. Was gibt es Schöneres als das Gefühl. dass die Natur für einen sorgt.


An Zypressen und einem halb verfallenen, venezianischen Steinturm vorbei, lande ich schließlich in einem geisterhaften Olivenhain. Die Bäume sind riesig und eine modrige Feuchtigkeit zieht durch diesen unwahrscheinlichen Wald. Ich höre das Meer schon rauschen.


Da kümmert man sich mal ein paar Jahrhunderte nicht um seinen Olivenhain und dann das... Auf dem Weg nach Fyki


Und dann bin ich unten, in Fyki. Eine Fischerhütte liegt oberhalb des felsigen Strands, hinten an der Bucht ist der Anleger zu sehen, von dem aus die Fischer loszogen, damals vielleicht, als Dafni noch einige Einwohner mehr hatte. Irgendwo in den Untiefen der Bucht liegt das Wrack der "Sara". Das große, 1889 gebaute Dampfschiff war hier vor knapp hundert Jahren wegen schlechter Witterungsverhältnisse gesunken, als es mit Zement beladen auf dem Weg von Italien nach Patras war.


Die Dämmerung legt sich behutsam über Fyki.


Fyki ist alles andere als ein attraktiver Badestrand. Es gibt keinen Sand, nur ein paar große, rundgewaschene Kiesel liegen zwischen den Felsen im seichten Wasser. Aber der Duft des Meeres, das weiche Vorabendlicht und der zartgrüne Bewuchs entschädigen für den langen Weg hinunter. Seit meinem Aufbruch am Morgen vom Hafen in Kerkyra sind jetzt über elf Stunden vergangen. Und meine Wanderung über die Hügel von Othonoi dauert nun auch bereits fünf Stunden. Meine Füße werden müde, mein Durst größer. Aber ich genieße den Frieden hier unten und drehe noch eine kleine Runde über den Kieselstrand. In der Fischerhütte liegen ein paar Eimer und ein rostiges Boot, weiter hinten am Hang steht ein Schild: 800 Meter bis Dafni. Da ist er, der Pfad, den ich oben nicht gefunden hatte. Jetzt kenne ich wenigstens sein anderes Ende. Irgendwer hat damit begonnen, vergessene oder angespülte Schuhe und Latschen aus der Bucht zu sammeln und sie dort an einer Leine aufzuhängen. Ich hoffe, hinter all dem stecken nur glückliche Geschichten von Nachmittagen am Meer und Ausflügen vor der Küste. In diesen Jahren schwingen ja auch andere, viel dunklere Möglichkeiten im ewigen Rauschen der brechenden Wellen mit.


Ein Paradies für Einbeinige... Fyki


Sieht nicht nach Spaziergang aus: Der Pfad zwischen Dafni und Fyki.


Ich ziehe die Chucks aus (bloß nicht auch einen vergessen gleich!) und stecke meine Füße ins seichte Wasser. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Wie schafft es das Meer nur immer und immer wieder mit einer einzigen Berührung das ganze Universum plötzlich in diffuser Wärme erscheinen zu lassen. So bleibe ich sitzen. Weit hinten am Horizont liegt das albanische Festland. Wolkenberge türmen sich dort, wo sich die Gebirgszüge am Mittelmeer entlangziehen. Weiter links liegt die Küste von Italien. Bei gutem Wetter, so sagt man, könne man sie von Othonoi aus sehen.


Auf Tuchfühlung mit dem Ionischen Meer. Fyki, Othonoi


Ich nehme meine letzten Kraftreserven zusammen und steige erfrischt wieder hinauf zur Straße, die die Siedlungen miteinander verbindet. Und bald stehe ich wieder auf dem Hügelkamm in der Inselmitte und kann Ammos sehen. Das Hafendorf, mein Ziel. Dort werde ich endlich etwas zu Trinken bekommen. Und etwas leckeres zu Essen. Ich träume bereits mit offenen Augen von Choriatiki und überbackener Aubergine. Aber mit Ammos kommen mir nach und nach auch wieder die Bilder des Vormittages in den Sinn... „At this time of the year: no“. "Normally yes, but today it’s impossible." "We have a funeral". Achja, und meinen Schlafplatz, den habe ich ja auch immer noch nicht.



Im Abendrot


Aber an einem so friedlichen, milden Ort, der vom nahenden Abend nun immer mehr in warmes Gold gehüllt wird, kann man gar keinen Pessimismus entwicklen. Und es wäre auch (fast) das erste Mal, dass ich nicht doch noch irgendwo untergekommen wäre - egal, ob man mich fast vergessen hatte wie auf Folegandros oder ich einfach nur ganz spontan bei einer Wanderung in einem Dörfchen geblieben war wie auf Tinos. Es wird sich alles finden.


Immerhin schon fast in Rufweite: Ammos. Am Horizont mein morgiges Ziel Mathraki



Geröllhalde oder Abkürzung? Mal schauen.


Ich gehe und gehe, die Straße endet vor einem Abhang. Ist das ein Weg oder rauscht hier beizeiten nur der Regen von der Bergen hinab zum Meer? Ich will nun wirklich zurück, versuche es und folge der Schneise weiter hügelabwärts. Ich kenne mich mit Navigationstricks nicht sonderlich gut aus, aber die Tatsache, dass über mir eine Stromleitung ebenfalls nach unten hin verläuft, lässt mich vermuten, dass in dieser Richtung auch weitere Häuser stehen und alles dann irgendwo am Ölkraftwerk beim Hafen endet. Und ja, bald schon stoße ich zum Glück auf einen weiteren alten Steinpfad, der hier seit früher Zeit die Siedlungen verbindet. Das muss der Weg nach Ammos sein. Choiratiki und Birra, ich komme!


Was gäb ich um die Erfindung der Zeitmaschine... auf vergessenen Pfaden. Othonoi


Oberhalb von Ammos, Othonoi


Als ich schließlich um kurz nach sechs am Ortsrand von Ammos ankomme, erwartet mich eine durch und durch wohlige Atmosphäre. Das Dorf wirkt jetzt ganz vertraut, eben wie ein friedlicher Hafen, in den man nach langer Reise gelangt. Zurück unter Menschen, bei Licht und Stimmen. Jemand lacht von der Hafenstraße her, ein Hund bellt. Ein Segelboot ankert im Abendlicht. Offenbar bin ich heute Nacht doch nicht der einzige Tourist. Ich laufe durch die Gassen der hinteren Häuserreihen. Von hier sieht Ammos fast etwas pittoresker aus als vom Wasser aus. Keine Schönheit. Aber ein einfaches Nest am Meer, ein Zuhause für ein paar Handvoll Menschen, die hier als Gemeinschaft leben, ihre Geschichten teilen und sich abends am Platz treffen.


Ammos am Abend, Othonoi


Sieht ohne Putz und Farbe fast schöner aus - sollte man mal drüber nachdenken! Ammos, Othonoi


Mein Weg führt mich direkt zu Tonia. Alles, was ich habe und alles, was ich brauche, liegt in ihren Händen. Mein Rucksack, Wasser, eine Idee davon, wo ich schlafen kann. Und wo etwas essen. Der Dorfladen hat wieder auf und sie ist da, wie versprochen. Sie begrüßt mich lächelnd und ich erzähle ihr von meiner Wanderung. Von den Bienen, die mir den Weg versperrt haben und dem freundlichen Paar in Dafni. Schade, sagt sie, dass ich nicht hinauf zum Gipfel gehen konnte. Aber dafür hat sie andere gute Nachrichten für mich. Mein Zimmer im Hotel Calypso ist bezugsfertig. Oh happy day.


Wo ist Tonia?


Ach hier! Ein "Welcome", das auch so gemeint ist. Tonia, der gute Geist von Othonoi.


Ich bedanke mich überschwänglich für alles, raffe meine Sachen zusammen und gehe in vollendetem Einklang mit Gott und der Welt in Richtung Hotel. Draußen ist es nun fast dunkel. Das Meer rauscht leise vor dem Dorf, auch vor der Kirche, in der ein Toter aufgebahrt liegt. Einige Menschen stehen dort noch immer an der Tür. Hier, so weit draußen, ist der Tod dieses Menschen wohl ein besonders einschneidendes Erlebnis. Nicht so, als stürbe der Nachbar in Neukölln. Hier hat er vielleicht seine Kindheit verbracht und geheiratet, Verwandte gehabt, Eltern, Schwestern, Söhne, Enkel, die oben in Chorio lebten oder gleich hier, nahe der Kirche. Vielleicht solche, die später gegangen sind. In die USA, nach Korfu oder auf eine der anderen Nachbarinseln. Ich bin angerührt von der Vorstellung. Aber sie macht mich nicht mehr so betrübt und hilflos wie heute morgen, als mir alles so fremd erschienen war und das Unglück wie eine bleierne Decke über Ammos lag. Jetzt erscheint es mir wir der Teil einer größeren Erzählung. Wie das Ende einer Episode in einer endlosen Geschichten von Felsen und Wellen und Häusern, an der viele Menschen teilhaben und die noch Jahrhunderte weitererzählt werden wird. Und in der auch der Tote in Erinnerung bleiben wird.


Die Bucht von Ammos im letzten Licht


Othonoi kann sich nicht länger vor mir verschließen... Ammos, Calypso Hotel


Ich komme am Calypso Hotel an. Und wo ich heute morgen noch vergeblich an die Scheibe gehämmert hatte und alles verrammelt und verriegelt war, stet mir die Tür nun offen. Drinnen ist kein Licht. Aber es ist wohl jemand drinnen oder man hat mir mit der offenen Tür das Signal zum Eintreten geben wollen.


Ich rufe hinein. Dann kommt Tonias Mutter die Treppe hinunter. Ja, sie habe mir ein Zimmer fertig gemacht, im oberen Stock mit Sicht aufs Meer. Sie bringt mich hinauf, erklärt mir das Übliche und überlässt mich dann mir selbst. Was für ein Glück ich doch habe! Keine Mail, keine Nachricht, kein Anruf der mir im Vorfeld geholfen hätte, mir ein Zimmer für die Nacht zu organisieren. Und auch kein Alex und Antonis. Doch irgendwo gibt es immer einen guten Geist, der zuhört und hilft. Ob man es nun Gastfreundschaft nennen möchte, ein gutes Geschäft oder einfach nur Nächstenliebe: Mir jedenfalls gibt es ein Grundvertrauen in das gute Geschick, von dem ich jedes Mal aufs Neue zehre. Und Griechenland scheint ein endloser Quell dieser einfachen und doch so elementaren Freude.


Den weiteren Abend verbringe ich in Tasos zum Glück geöffneter Fischtaverne gleich neben Tonias "Mikros" Café und schlage mir den Bauch voll. Als ich im Bett liege, fallen mir sofort die Augen zu.



Morgenspaziergang


Am nächsten Morgen liegt die Bucht vor Ammos wieder klar und deutlich vor mir. Es ist 9 Uhr und ich trete hinaus auf den Balkon. Auf dem Platz unterhalb der Böschung des Hotels glänzen rostige Autos als Stillleben aus Schrott in der Morgensonne.


In knapp vier Stunden geht die lokale "Pegasus"-Fähre von Aspiotis Lines ab in Richtung Mathraki, meinem nächsten Ziel. Bis dahin möchte ich noch die schnelle Wanderung in Richtung Leuchtturm machen, der in 5 Straßenkilometern Entfernung ganz im Nordosten der Insel liegt. Von der Chora aus konnte man ihn gestern ja bereits sehen. Mein erster Weg führt mich natürlich zu Tonia, wo ich mich mit Kaffee und Frühstücksgebäck stärke.


Auch in dieser Richtung... Wald, Zypressen, Oliven. Zwischen Ammos und Kasimatika


Dann verlasse ich das Dorf Richtung Norden. Eine Straße verbindet Ammos mit der nächsten kleinen Siedlung Kasimatika. Die Häuser hier stehen in idyllischen großen Gärten, in denen wie oben in Chorio Zypressen, Granatäpfel und Wein wachsen. Hühner gackern am Straßenrand und fliehen vor mir in die Felder. Wenn es auf Othonoi noch so etwas wie aktiv betriebene Landwirtschaft gibt, dann hier oberhalb des Hafendorfes.

Idyllisch! Kasimatika, Othonoi


Als ich an einem Granatapfelbaum Halt mache um die in der Sonne rot strahlenden Früchte zu fotografieren, fährt auf einmal eine Kolonne bunt geschmückter Autos an mir vorüber, drei vier Wagen mit Gestecken und Girlanden verziert. Lachend nicken mir die jungen Leute von der in Blumen eingefassten Ladefläche zu. Eine Hochzeit? Ich kann niemanden fragen. Aber es ist schön, nach dem traurigen Anlass des gestrigen Tages heute eine ganz andere Seite des Insellebens zu sehen. Wenn auch nur für ein paar Sekunden.


Die Granatäpfel fallen schon berstend auf die Straße. Kasimatika, Othonoi


Während ich so im Morgenlicht den Weg hinaufgehe, begegnen mir wieder die symptomatischen Autowracks. Bei den Katexis werden Schiffe und Boote offenbar mehr in Ehren gehalten. Alte Wagen werden dafür in den Büschen abgestellt und wuchern nach und nach einfach zu, bis sie vom Grün des Straßenrand einverleibt werden. Aber das alles ist erst der Vorgeschmack auf das, was mich auf Mathraki erwartet... Bastler und Sammler alter Ersatzteile finden auf den Diapontischen Inseln eine echte Schatzkiste aus Liegengelassenem.


Grün und grün gesellt sich gern. Am Weiler Mastoratika, Othonoi


Bald komme ich am Hubschrauberlandeplatz vorbei, der, wie auf den meisten der kleinen griechischen Inseln, die Notfallverbindung zur Außenwelt darstellt. Erkrankt jemand plötzlich schwer oder gibt es einen Unfall, dann landet hier der Helikopter, der den Hilfebedürftigen nach Korfu bringt, wo die nächsten Krankenhäuser liegen. Von hier aus kann man zurückblicken zur Inselmitte und sieht hoch oben die Agiou-Giorgou-Kirche von Chorio aus den Baumwipfeln ragen. Gestern saß ich dort auf der Mauer und habe meine letzten Kekse verspeist, als ich zum Leuchtturm blickte.


Abreisetag. Ein Blick zurück. Othonoi


Was genau mich zum Kastri Leuchtturm zieht, kann ich nicht sagen. Natürlich möchte ich noch etwas von der Insel sehen, bevor die Fähre geht. Und auf einer Insel wie Othonoi kann man die möglichen Ziele an einer Hand abzählen. Der Turm ist da schon so etwas wie eine Sehenswürdigkeit. Und was sonst klein und unbedeutend sein mag, erscheint auf Othonoi gleich viel größer.


Hinter dem nächsten Hügel schließlich kommt er in Sicht. Gut zu sehen ist jetzt auch der Felsvorsprung, auf dem die Reste einer venezianischen Festung liegen, ein paar alte Mauerreste nur, über die auch nicht allzu viel bekannt zu sein scheint. Am Horizont: Errikousa. Wenn alles gut läuft, dann wandere ich dort in drei Tagen durch die Sonne und Blicke aus der entgegengesetzten Richtung zurück auf Othonoi. Jeder Flecken Land ist ein Gehemeimnis. Mir fällt Dimitrios, der junge Inseldoktor wieder ein. Ob er schon ein Zimmer für mich gefunden hat?


Der Leuchtturm und Errikousa...


...und Mathraki.


Die letzten Meter zum Leuchtturm, dem ersten Griechenlands, den man aus der Adria kommend, erblickt. Othonoi

Auf den letzten Metern verwandelt sich der asphaltierte Weg zum Leuchtturm in eine holprige Piste. Licht und Wärme legen sich um mich, während im spärlichen Bewuchs am Wegrand das Flattern und Summen begonnen hat. Nichts erinnert mehr daran, dass es Mitte Oktober ist.

Ich setze mich in den Schatten des Kastri Leuchtturms und lese ein wenig über seine Geschichte. Nicht viel scheint eindeutig gesichert über seine Entstehung oder die Zerstörung vor einigen Jahrzehnten. An seinem jetzigen Platz existiert das Gebäude wohl seit 1872, bevor es in den letzten Weltkriegsjahren von deutschen Besatzern gesprengt wurde - entweder auf der Flucht vor den Alliierten oder nachdem man entdeckt hatte, dass die Othonen von hier aus über geheime Signale mit den Briten auf Korfu kommuniziert hatten. Erst in den Fünfzigern wurde der Turm wieder in Betrieb genommen und seit Mitte der Achtziger ist auch er elektrifiziert, Das Ende des Leuchtturmwärters.


Aber es hat hier schon viel eher ein Licht zur Navigation auf See gestanden. Das lässt sich bereits vom alten Namen Othonois ableiten: "Fanos", was nichts anderes bedeutet als "Leuchtturm". Auch heute ist dieser Name auf der Insel noch gebräuchlich.


So sieht er aus, der äußerste Nordwesten Griechenlands. Othonoi amKastri-Kap


Der Turm ist verlassen. Natürlich. Heute geht ja alles automatisch. Die Tür ist verrammelt und davor hängt eine griechische Fahne die den Eindruck erweckt, dass wirklich lang niemand mehr das Haus betreten hat. Ich schlendere noch ein wenig um das Bauwerk herum und suche den Pfad zum Felsvorsprung mit den Resten des venezianischen Kastells, aber alles ist zugewachsen von dornigem Gestrüpp.


Es ist Zeit umzukehren, um vor der Überfahrt nach Mathraki noch ein letztes Mal Tonia einen Besuch abzustatten. Ein Kaffee bei der guten Fee. Und einkaufen muss ich auch noch. Denn wie man hört, gibt es für die etwa 100 Bewohner auf der kleinsten der bewohnten Diapontischen Inseln zu dieser Jahreszeit weder eine geöffnete Taverne noch einen Laden. Und nachdem ich gestern ja gerade so meiner Obdachlosigkeit entronnen bin, möchte ich nachher auf Mathraki nicht gleich als nächstes Hunger leiden.


Mittagsstunde. Othonoi


Kasimatika ist auch auf dem Rückweg eine Perle, vielleicht die schönste Siedlung auf Othonoi. Ein Hund beäugt mich etwas misstrauisch durch einen Zaun, scheint in mir dann aber doch keinen Eindringling zu sehen. Er trottet zurück in den Garten, in dem sein Herrchen gerade einige Furchen bewässert. Der Oleander strahlt in der Mittagssonne und die kräftigen Olivenbäume verfehlen ihre Wirkung auch nicht. Jetzt und hier ist Othonoi einfach Griechenland wie aus dem Bilderbuch.


Ohne Stromleitungen fast ein Gemälde. Kasimatika, Othonoi


Letzte Begegnungen


Zurück in Ammos, wartet die Pegasus-Fähre tatsächlich schon im Hafen. Allerdings nicht am großen Anleger, an dem gestern der Leichenwagen die Zanadu verlassen hatte, sondern am kleinen, älteren Hafen in der Bucht direkt vor der Dorfpromenade. Das Schiff ist winzig, nicht vielmehr als das Äquivalent zu einem Van. Mehr Bedarf scheint es im Binnenverkehr zwischen den Inseln heute nicht zu geben.


In Erinnerung... Welle... die dich zum Schlafen bringt. Ich kann nur mutmaßen, was der Gedenkstein sagen will. Wahrscheinlich erinnert er an die auf dem Meer gebliebenen Bewohner dieser Gemeinde der Seefahrer. Bei einem Unglück im Jahr 1991 etwa sollen viele Bewohner ums Leben gekommen sein. Ammos, Othonoi


Der alte Hafen existierte, bevor eine Bucht weiter der große Anleger gebaut wurde. Ammos, Othonoi


Ich gehe hin und schaue, ob ich ein Ticket kaufen kann oder ob bereits Fahrgäste an Bord sind. Aber die Pegasus scheint auf Othonoi ein Päuschen zu machen. Das tu ich ihr gleich und kehre also noch ein letztes Mal in meinem ganz persönlichen Hafen ein: bei Tonia. Einige ältere Herren sitzen dort im Schatten an den Tischen, während aus einem Lieferwagen neue Ware ausgeladen wird, die wohl gerade mit der Pegasus aus Korfu kam.


Abwarten und Kaffee trinken. "Mikros", Ammos


Nachschub für die Läden, Othonoi


In Tonias laden stapeln sich bald Kartons und Kisten, nicht nur für ihren Laden, sondern auch für Tasos von nebenan, der gerade nicht in seiner Taverne zu sein scheint. Eine kleine, irgendwie aber schöne und bezeichnende Geste. Hier gehört alles, hier gehören alle - zusammen.


Äpfel für Tonia, Tomaten für Tasos. Ammos, Othonoi


Ich nutze die letzen 20 Minuten bis zur offiziellen Abfahrtszeit, um noch einmal die Kirche von Ammos zu besuchen, an der ich wegen der beklemmenden Umstände bisher nur in sicherem Abstand vorbeigeschlichen war. Hier fand gestern die Trauerzeremonie statt. Hierhin fuhr der Wagen von der Zanadu und hier stand der Papas in der Tür und spendete Trost für die Hinterbliebenden, die am Hafen auf den Sarg gewartet hatten.


Und hier ist nun auch ein frisches Grab. Die Platte, die das Grab verschließt, wurde noch nicht an ihre Stelle gesetzt. Keine Gravur und kein Foto erinnern an den Verstorbenen. Ob auch hier bald der Name Katexis stehen wird? Die Kirchentür ist verriegelt. Jetzt ist es aber wirklich Zeit, Abschied von Othonoi zu nehmen.


Nach der allerletzten Fahrt... Ammos, Othonoi


Auf der Pegasus ist immer noch niemand zu sehen. Ich laufe in der Sonne noch ein paar Minuten auf und ab und schaue mir die Fische an, die sich im erstaunlich türkisen Wasser am Anleger faul in der Mittagsunterwassersonne treiben lassen.

Die Pegasus-Fähre, die nebst der Zanadu zwischen den Diapontischen Inseln verkehrt, Ammos


Fischchen im Türkis am alten Hafen. Ammos


Dann gehe ich an Bord. Ich hab kein Ticket und wüsste auch nicht, woher ich eines bekommen kann, aber ich nehme an, das klärt sich, sobald sich jemand blicken lässt. Ich bin allein auf dem Schiff. Die Besatzung, wenn es so etwas gibt, scheint noch bei Tonia im Schatten zu sitzen oder vielleicht vorm Gebäude des Hafenamtes. Vom Boot aus betrachtet sieht Othonoi heute viel schöner aus als gestern. An den Anblick der einfachen, ockerfarbenen Häuser habe ich mich gewöhnt und mit dem Blick auf die Hügel steigt mir auch der Duft der Nadelhölzer und der dampfenden Waldböden wieder in die Nase.


Othonoi ist keine verkannte Schönheit, nein. Nicht, wenn man sie als Teil der unerschöpflichen Inselwelt Griechenlands betrachtet. Aber Othonoi ist ein heller Tupfer friedlicher Natur abseits der Pfade des Massentourismus, den ich in guter Erinnerung behalten werde.


Klarer könnt's auch in keinem Freibad aussehen. Ammos, Othonoi


Es ist jetzt 20 Minuten her, seit dem die Pegasus offiziell ablegen sollte. Nicht, dass ich ungeduldig wäre. Es ist schön, hier im Schatten auf der Bucht zu schaukeln. Aber ich beginne mich zu fragen, ob das Schiff überhaupt wirklich fährt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich eine Fähre mangels Bedarf fast gar nicht hätte nehmen können. Vor einem Jahr auf Thirasia scheint sie überhaupt nur den Hafen angelaufen zu haben, weil ein aufmerksamer Herr verwundert nachfragte, worauf ich denn so ganz allein am Anleger warten würde...


Klingelingeling, hier kommt... Ammos, alter Hafen


Aber dann tut sich etwas. Ein Wagen fährt vor und ein Mann lädt Eier aufs Boot. Othonois Exportware für Korfu? Und nun zeigt sich auch jemand von der Besatzung, der die Sache quittiert, während am Anleger nach und nach weitere Leute eintreffen. Vielleicht geht die Uhr an meinem Handy falsch. Oder man hat heute einfach andere Absprachen getroffen. Auf jeden Fall wird es wie auf ein Zeichen, das ich nicht sehe, langsam lebhaft.


Tasos betreibt nicht nur ein Restaurant am Hafen, sondern auch ein Ausflugsboot. Ammos


Auch Tasos taucht plötzlich mit einem Boot am Hafen auf. Neben seinem Restaurant scheint er auch ein Taxiboot zu betreiben, mit dem er jetzt neben der Pegasus anlegt. Seine beiden Fahrgäste wirken in ihrer sportlich-modischen Freizeitkleidung etwas fehl am Platz. Vermutlich sind es die Segler. die gestern Nachmittag an der Insel angekommen waren. Ob Tasos gerade mit ihnen von der Kalypsohöhle kommt? Hach, da wär ich gern dabei gewesen.


Himmlischer Beistand auch bei Abfahrt. Ammos


Dann füllt sich das Boot. Der Papas erscheint wieder in seinem schwarzen Gewand und verwickelt den Eierverkäufer in eine lebhafte Diskussion. Von der gemessenen und bedrückten Stimmung bei Ankunft ist nichts mehr übrig. Er gestikuliert und keckert, verfällt alsbald wieder in sein unverkennbares Kichern und begrüßt nach und nach alle anderen Fahrgäste, die jetzt aufs Boot kommen. Wir legen ab. Ob all diese Leute ein Ticket haben? Ich habe noch immer keines. Es hat aber auch niemand danach gefragt.


Rückkehr vom letzten Geleit, Othonoi


Ich erkenne viele der Gesichter wieder. Gestern bin ich mit ihnen auf der Zanadu gewesen, zusammen mit dem Leichenwagen im Deck unter uns. Es ist die Trauergemeinde, der Teil wohl, der von den umliegenden Inseln gekommen ist und nun wieder nach Hause fährt. Mindestens 30 Leute drängen sich mit mir auf den wenigen Quadratmetern am Außendeck. Alte Frauen, junge Familien, Enkel, Urenkel. Es ist eine gelöste Stimmung. Manchen sieht man den Kummer an, aber die jüngeren Generationen scheinen einen gewissen Trost auszustrahlen. Die nächsten Kapitel liegen offen da und werden erst noch geschrieben.


Es wird gelacht, geschwiegen, geraucht. Die Kinder turnen auf den Metallstreben der Reling. Und selbst als wir uns von der Bucht enfernen und Fahrt aufnehmen, scheint sich niemand zu sorgen, dass irgendwer ins Wasser fallen könnte. Bald ist Othonoi nur noch eine dunkelgrün betupfte Silhouette. Und die Bienen und Tonia, der Leuchtturm und die Gräber der Katexis bleiben zurück. Mathraki heißt der nächste Stopp. Und dort verlasse ich das Boot.


Othonoi im Oktober 2019





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