Anafi - Aussteigen bitte




Wie ich die Geheimnisse der Akropolis kennenlernte und auf eine unbekannte Bekannte stieß, wie mich der große Monolith über unberührte Strände magisch auf seine Spitze zog und die Nonnen mich danach wieder aufpeppelten. Und warum der Geist von Charlie Watts und der Klang der Tsouras ganz nah beieinander liegen. Herbstlich-milde Tagträume auf Anafi.


Besucht: 17. -21. November 2018

  • Südost-Kykladen

  • Einwohner: ca. 300

  • Größe: 39 km²


Der Wanderer zwischen den Zeilen


Wie könnte eine Reise nach Anafi anders beginnen als mit einem Besuch im Athener Stadtteil Anafiotika? Wobei, "Stadtteil" ist sicher übertrieben, wenn man über die paar Handvoll Häuser spricht, die übrig geblieben sind von dem, was man hier vor etwa 180 Jahren aus dem Boden gestampft hat. Als im Jahr 1834 Athen neue Hauptstadt des griechischen Königreichs wurde und schon bald eine rege Bautätigkeit einsetzte, verschlug es eine Menge Arbeiter und Handwerker von den ägäischen Inseln in die entstehende Großstadt. Rund um die historische Plaka sollten neue Viertel entstehen und für diese Arbeiten wurden viele helfende Hände auch von außerhalb gebraucht.


Nicht vorgesehen war dabei eine Besiedlung des steilen nordöstlichen Hangs am Akropolis-Hügel. Wohl schon deshalb, weil er als nicht bebaubar gegolten haben dürfte. Man hatte allerdings die Rechnung ohne jene findigen Spezialisten aus der Ägäis-Region gemacht, die von jeher auf felsigem, natürlich begrenztem Raum zuhause waren, und schon bald hatten sich die vor allem von Anafi stammenden Bauarbeiter mitten in Athen ihr eigenes Kykladendorf gebaut: Anafiotika. Keine fehlende Genehmigung und keine statische Unwägbarkeit konnte die zugewanderten Familien davon abhalten, hier am neuen Stadtzentrum kleine, kubistische Häuser als chaotisches und terrassenartig wucherndes Konglomerat zusammenzuzimmern, samt Gassen und Pfaden, die manchmal so schmal sind, dass man sie bis heute nur seitwärts passieren kann.


Teile dieses Viertels sind noch gut erhalten. Und wenn man die weißgetünchten Fassaden, die farbigen Holzfensterläden, Blumentöpfe, schiefen Treppen und, ja, sogar die obligatorischen, vor den Türen lungernden Katzen sieht, dann schwingen noch immer ganz unverkennbar der Charme und die Idylle eines kleinen Inseldorfes mit.


Das Viertel Anafiotika klemmt sich formvollendet als kykladisches Idyll an den Akropolis-Hügel in Athen.


Diese Wand hat viel zu erzählen. Anafiotika, Athen


Das sieht auch Bernhard so. Bernhard war zwar noch nie auf einer griechischen Insel und schon gar nicht auf einer der Kykladen, bemerkt aber durchaus, dass hier etwas auffällig anders aussieht, verglichen mit dem ansonsten eher monotonen und farblosen Apartment-Look der Athener Wohnsiedlungen. "It's really narrow here, isn't it?" spricht er mich an diesem milden Nachmittag etwas zögerlich an, als wir uns an einer Hausecke in die Arme stolpern. Am Akzent erkenne ich, dass er aus Deutschland kommen muss. "Ah, direkt gemerkt, hehe" schließt er etwas beschämt an meine Bemerkung an und wir kommen ins Gespräch.


Ich weiß nicht, ob Bernhard wirklich Bernhard heißt. Aber da er mir mit seinen vielleicht 56 Jahren, seiner hageren Statur, der Peter-Lustig-Gedächtnis-Brille, hinter der sich kleine, flinke Augen bewegen, mit seiner über den Ohren sitzenden Wollmütze auf kurzrasiertem grauen Haar, das sich als 10-Tage-Bart fortsetzt, welcher wiederum einen verschmitzt schmunzelnden Mund mit auffälligen Lücken zwischen von Nikotin vergilbten Zähnen umschließt... da er also weder ein Manfred noch ein Erich zu sein scheint, möchte ich ihn einmal so taufen: Bernhard. Zu seiner Lebenskünstler-Ausstrahlung passt, dass er mir erzählt, er sei bereits ein Vierteljahr in Europa unterwegs, nun erst einmal in Griechenland, und dass er überdies noch keine genaue Idee davon hätte, was er weiter zu tun gedenke.


Ein Meer aus Häusern erstreckt sich unterm Hügeldorf. Anafiotika, Athen


Ich erkläre ihm, dass ich ins Viertel gekommen sei, um mir Anafiotika noch einmal anzusehen, bevor ich auf genau jene Insel fahre, von der die Erbauer dieser charmanten Häuschen kommen. Er dreht sich zur Seite und zeigt auf ein laminiertes Plakat, welches jemand an einer Hauswand befestigt hat. "Was ist denn da? Das hier?" Ich schaue auf das verblichene Papier, auf dem in Blautönen ein zertrampelter Sandstrand mit zwei Liegen und eine Frau im Bikini, die aufs weite Meer starrt, zu sehen sind. Darüber in großen Lettern tatsächlich das Wort: Anafi. "Hm, nein", setze ich an und wehre gleich den Gedanken an Anafi als ein irgendwie geartetes Strandurlaubs-Paradies ab. "Ich glaube, Anafi... das ist halt so eine eher abgelegene Insel. Schwer erreichbar. Dort ist sicher die Zeit stehen geblieben und alles sieht noch so aus, wie vor 50 oder 100 Jahren. Es wohnen auch nur 270 Leute dort."


"Ich bin ja nicht so der Inselmensch" erwidert er unvermittelt. Aber noch bevor ich zum Versuch ausholen kann, ihm von der Einmaligkeit der hellenischen Inselwelt zu künden, konkretisiert er: "Also... Santorini. Da will ich vielleicht mal hin." Ausgerechnet. Ich zögere mit meiner Warnung vor Kreuzfahrt-Reisegruppen, Hektik und Nobel-Gastronomie. Als ich selbst das erste Mal dort war, hat mich Santorini schließlich auch beeindruckt. Da konnte ich noch gut darüber hinwegsehen, dass das Inselleben längst unter Heerscharen von Touristen begraben liegt. Und ganz abgesehen davon, fahre ich ja sogar selbst morgen hin, um von Santorini aus, mit Umweg über die Schwesterinsel Thirassia, nach Anafi zu kommen. Eine bessere Verbindung findet sich zu dieser Jahreszeit nicht wirklich.


Unterhalb von Anafiotika, Athen


"Santo-Rini", sagt Bernhard langsam und sieht mich jetzt bedeutungsvoll an. Seine Augen flitzen hinter der Brille nervös hin und her. "Rini bedeutet nämlich Frieden. Auf Griechisch". Sein Blick hat etwas Triumphierendes. Ich versuche in meinem Kopf die Informationen zu ordnen. Okay. Bernhard ist augenscheinlich unterwegs und auf der Suche nach ein wenig Ruhe, vielleicht einem Ausweg aus dem Trubel der globalen Gegenwart. "Santo-Rini" allerdings... nunja. Ich meine mich recht sicher daran zu erinnern, dass der Name 'Santorini' eher von so etwas wie "Santa" und "Irene“ abstammt und dadurch venezianischen Ursprungs ist. Wenn nun rein zufällig 'Rini' tatsächlich 'Frieden' auf griechisch hieße, dann scheint mir das ethymologich mit 'Santorini' so viel zu tun zu haben wie der vielzitierte hebräische 'El Shalom' mit der deutschen 'El-Friede'.


Ich verscheuche meinen inneren Monolog und Bernhard setzt nach: "Und überleg mal...". Er macht eine dramatische Pause. "Wenn man die Buchstaben von ATHENS nimmt - also englisch für Athen, weißt du - und die dann umstellt... dann kommt dabei, ja, SHANTE raus. Das ist Sanskrit und heißt... na? Frieden!"


Bernhard ist offenbar in seinem Element. Er strahlt mich an. Ich gebe mich erstaunt. Mir schwant dennoch, dass ich mich langsam verabschieden sollte. Denn so durchaus interessant ich seine Einsichten auf zwischenmenschlicher Ebene finde, so sehr fürchte ich nicht nur, dass er in spätestens zwei Minuten mit irgendeiner kruden Verschwörungstheorie um die Ecke kommt, sondern auch, dass er vorschlagen könnte, sich spontan meiner Reise anzuschließen. Sagte er nicht eben, er hätte noch nichts vor..? Bevor ich langsam auf Verabschiedungsfloskeln umschwenke, lerne ich aber noch, dass die Akropolis "womöglich die Arche Noah" sei (denn, man müsse ja wiederum nur ein wenig an den Buchstaben drehen, schnell würde daraus die "Ark" der "Polis", also die Arche der Gemeinde!). Und wer sich den Hügel, auf dem die antiken Ruinen stehen, einmal aus der Ferne angesehen hätte, der fände sogleich einen weiteren Beweis für diese Theorie: Denn der Fels gleiche bei genauerer Betrachtung einem Schiff und vorn sei sogar ein Bug samt lächelnder Galionsfigur erkennbar. Alles eine Frage der Betrachtungsweise.


Überdies bekomme ich den Fotobeweis dafür geliefert, dass, wenn man noch einmal ganz genau hinsieht, vor jener Arche sogar ein gigantischer, liegender Buddha im Gestein steckt. Und achja, das nur mal am Rande, in der christlichen Messe würde Brot gegessen, weil Jesus ja aus Bethlehem stamme, in der Übersetzung schlicht 'Bait', das Haus, 'Le Hem', das Brot. "Das Haus des Brotes" also. Und daraus ließe sich auch das geflügelte Wort ableiten, dass, wenn man denn keinen Liebhaber fände, man sich 'einen Backen können' müsste. Letztlich sei ja auch Jesus gewissermaßen "aus Brot". Wenn man es wörtlich nähme mit Jesus "aus Bethlehem". Und Jesus sei ja zugleich auch "die Liebe". Liebe, backen, Brot... War denn aber Jesus nicht vielmehr aus Nazareth, denke ich vollends verwirrt bei mir und verabschiede mich nun flugs von Bernhard, um erst einmal alles Neugelernte zu verarbeiten. Oder, besser noch, schnell wieder zu vergessen.

Minuten später bin ich dann auch schon wieder ganz und gar eingenommen von der Szenerie der windschiefen Häuser in Anafiotika. Und bald darauf mach ich mich zu Fuß auf den Weg ins 11 km entfernte Piräus. Denn meine Fähre, die kommt ja erst morgen. Ich habe alle Zeit der Welt. Was für ein Luxus!


Anafiotika liegt nordöstlich an der Akropolis. Vom beliebten Stadtteil Plaka aus, kommt man direkt hügelanwärts dorthin.



Durch den Moloch ans Meer


Über den malerischen, unbebauten Philopappou-Hügel, auch als Musenhügel bekannt, der wie ein unwirklicher, fast vergessener Ort direkt neben dem Areal rund um die Akropolis liegt, steige ich ins Gewimmel aus Verkehrslärm und Beton hinab, um mich, stets auf die Sonne zu in Richtung Piraeus Tower zu bewegen. Als hässliche und schon aus der Ferne unübersehbare Bausünde taugt er heute immerhin ausgezeichnet zur Navigation. Gute drei Stunden bin ich unterwegs, verlaufe mich unabsichtlich oder nicht mal hierhin, mal dorthin und sehe ansonsten wenig Reizvolles. Mal wieder macht sich bemerkbar, dass sich der ganze Großraum Athen in den letzten 100 Jahren wie ein geballtes archiktonisches Unwetter entladen und die einst vermutlich wunderschöne Landschaft in eine chaotische und erstickende Betonwüste verwandelt hat. Grün findet man hier abseits der wenigen Parks maximal als zwischen den Häuserschluchten wucherndes Gestrüpp. Erst in den Vororten gibt es immerhin ein paar Bäume, die dafür allerdings so auf die Gehewege gepflanzt wurden, dass man als Fußgänger ständig auf die Straße ausweichen muss.


Bonjour Tristesse! Unterwegs von Athen nach Piräus


Ein paar Bäumchen hat's in den ruhigeren Vierteln dann doch. Zwischen Athen und Piräus


Noch vor der eigentlichen Stadtgrenze von Piräus (Athen und Piräus sind längst zu einem großen Ganzen verschmolzen) finde ich in einem Wohnviertel einen Fährticketladen und besorge mir die Fahrkarten für meine Reise nach Anafi. Ich plane morgen früh um 7:25 die Blue Star Delos nach Santorini zu nehmen, dort vom zentralen Ort Fira an die nördliche Inselspitze nach Oía zu wandern und am nächsten Morgen vom kleinen, unterhalb Oías gelegenen Hafen Ammoudi das tägliche Boot zur Nachbarinsel Thirasia zu nehmen. Von dort geht dann 9 Stunden später, kurz vor der Dämmerung, die Aqua Jewel nach Anafi. Diese wiederum macht zwar auch noch einmal Zwischenstopp auf Santorini, so dass ich genauso gut dort warten könnte, aber ich möchte die Gelegenheit unbedingt nutzen, mir einen Tag lang das kleine Eiland gegenüber der von Reisegruppen übervölkerten Caldera-Hälfte näher anzuschauen (und wie das so war, könnt ihr hier in meinem Thirasia-Bericht lesen).


Die Verkäuferin im "TravelAid"-Ticketshop macht dem Firmennamen alle Ehre und ruft für mich extra den Hafenmeister von Ammoudi an. Denn verlässliche Informationen zu Abfahrtszeiten des lokalen Fährboots sind im Netz nicht so recht zu finden. Sie schaut etwas ungläubig, als ich ihr während des Smalltalks zum Abschied sage, dass ich zu Fuß von Athen zum Hafen laufe, wünscht mir dann aber umso herzlicher eine gute Reise. Vermutlich werde ich diesen Laden nie wiedersehen. Sollte sich aber mal jemand in der Nähe befinden, so kann ich ihn aufs Nachdrücklichste empfehlen.


Gehweg vor der Stadtgrenze zu Piräus. Also known as "Dann geh halt auf der Straße!"



Rebetiko und Casting-Shows


Erst als die Dämmerung in Dunkelheit umschlägt, komme ich in Piräus an. Im Gewusel der zugeparkten Straßen, die rechtwinklig die hohen Wohnblöcke umschließen, dauert es eine Weile, bis ich die Hafengegend finde. Mittlerweile ist auch der Akku meines Handys leer. Ich treffe an einem Periptero, einem der kleinen Verkaufsstände am Straßenrand, einen hilfsbereiten jungen Mann, der mir auf seinem Mobiltelefon den Weg zum Hotel Faros I ausfindig macht und kurz darauf schmeiße ich mich mit geschwollenen Füßen aber äußerst zufrieden auf mein Bett im siebten Stock. Ich war schon öfters in diesem Hotel und kann es mit seinem unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis nur empfehlen. Abgesehen davon, dass es in diesem schlichten Haus verlässlich heißes Wasser gibt, ist es wirklich immer sehr sauber, und - in Piräus eigentlich das Wichtigste - auch relativ ruhig.


Es fällt mir nach diesem langen Tag (um 4 bin ich in Berlin aufgestanden, um meinen Flug nach Athen zu nehmen) schwer, mich nochmals aufzuraffen, um etwas essen zu gehen. Aber die Aussicht auf den Klang einer Bouzouki im To Steki Tou Artemi, jener Taverne am Fischmarkt, in die ich mich schon bei meiner allerersten Reise verliebt hatte, lockt mich eine halbe Stunde später wieder vor die Tür. Als ich ankomme, muss ich feststellen, dass sie geschlossen hat. Ein wenig enttäuscht überlege ich erst, nach einem anderen Ort mit Livemusik zu recherchieren, entscheide mich dann aber doch, einfach ins benachbarte To Rebetadiko zu gehen.


Am Hafen brennt noch Licht... Piräus


Der Name der Taverne kommt nicht von Ungefähr. Nebst eigener Bühne, sind die Wände voll mit alten Rebetiko-Fotos. Piräus, Hafen


Obwohl ich im Allgemeinen äußerst anspruchslos bin, was Ordnung, Sauberkeit und Interieur angeht, ist das fast menschenleere To Rebetadiko schon eine einigermaßen grenzwertige Erfahrung. Sämtliche Tische scheinen mit verlaufenen Flüssigkeiten beklebt, vor dem Fernseher, aus dem lautstark The Voice of Greece plärrt, sitzen qualmend drei ältere Gestalten samt eines knurrenden weißen Hündchens, das wie eine zu klein geratene Mischung aus Pudel und Spitz aussieht. Das Licht ist schummrig und neben meinem Stuhl liegt eine Alu-Schale, die aussieht, als hätte sich jemand vor Zeiten eine Lasagne liefern lassen und sie aus unerfindlichen Gründen dort auf dem Boden vergessen. Vielleicht der Fressnapf des Spitzpudels? Nett hingegen ist die Dame, die mich in ihrem merkwürdigen Camouflage-Fleece-Outfit bedient. Und die Fotos an den Wänden mit alten Rebetiko-Stars, von denen einige hier auch aufgetreten zu sein scheinen, geben dem trostlosen Durcheinander ein wenig Würde zurück. Für zarte Gemüter ist dieser Laden aber wirklich nicht zu empfehlen. Ich verspeise als einziger Gast (die qualmenden Alten am Fernseher scheinen zum Haus zu gehören) meinen Choriatiki, den Auberginen-Salat und leere mein Mythos, dann gehe ich zurück ins Hotel.


Am nächsten Morgen geht's mir gut. Ich erwache ohne ersichtliche Lebensmittelvergiftung. Nach einem Abstecher zu Gregorys, Griechenlands allgegenwärtiger Café-Kette, schlendere ich am Hafenbecken zur Blue Star Delos und wie immer erstaunlich pünktlich legen wir um 7:25 ab, um über Paros und Naxos nach Santorini zu fahren. Santo-Rini. Ob Bernhard wohl kurzfristig mit an Bord gegangen ist...?


Goodbye Moloch! Morgens halb acht in Piräus.



Das Leuchten von Anafi

Es dauert dann noch anderthalb Tage, bis ich tatsächlich auf Anafi bin. Gute acht Stunden nach der morgendlichen Abfahrt komme ich auf Santorini an, meiner Zwischenstation, von der ich, nach einer hastigen frühabendlichen Caldera-Wanderung, am nächsten Morgen wie geplant um Punkt 8 mit dem kleinen Boot nach Thirasia übersetze. Auf dieser gottverlassenen Insel verbringe ich den regnerischen Tag, lerne misstrauische Hunde, einen brotbackenden Riesen und die beiden einzigen Autofahrer des Tages kennen, bevor die Sonne am Nachmittag durch die Wolken bricht und mich die "Aqua Jewel" in einem halsbrecherischen Manöver am Hafen einsammelt. Ihre Endstation ist Anafi. Als wir dort im Dunkeln ankommen, ist auf der großen Fähre fast niemand mehr an Bord.


Die Aqua Jewel verlässt die Santorini-Caldera. Im Sonnenuntergang liegen die vor Jahrhunderten bewohnten Christiana-Inseln, auf denen heute nur noch eine kleine Kapelle steht.


Licht im Dunkeln! Anafi leuchtet uns den Weg


Gegen 17:15 Uhr blinken im bereits nachtscharzen Himmel des spätherbstlichen Ägäis-Abends ein paar karge Lichter am Horizont auf. Es ist die Chora von Anafi, Hauptort und Inseldorf, welches so kurz vorm Winter keine 200 Menschen mehr ihr Zuhause nennen. Viele Bewohner verbringen die dunkle Jahreszeit bei Verwandten in Athen oder an anderen Orten, an denen das Leben von der großen Stille ablenkt. Ich lehne mich über die Reling und blicke mit klopfendem Herzen meinem Ziel entgegen: Ein paar weiße Punkte im lautlosen Nirgendwo. Selbst, als wir näher kommen, funkeln nur ein paar einsame Lichter in der Schwärze.


Wir legen an. Endstation. Die letzten vier Passagiere und ich verlassen über die Ladeklappe das Schiff und treten an die frische Abendluft. Am Hafen warten ein paar verlorene Gestalten und der Bus, der alle zwei, drei Tage hinauf in die Chora fährt, immer dann, wenn die Fähre kommt.


Fünf Passagiere, ein Motorrad und eine Handvoll Pakete: Die letzte Fracht kurz vor Anafi


Freundliche Grüße werden beim Ausstieg gewechselt. Man kennt sich. Da mag jemand gerade aus Athen zurückgekehrt sein, von einem Arzttermin vielleicht. Der andere von einem Besuch oder wichtigen Besorgungen. Ich bin offenbar der einizige, der nicht auf diese Insel gehört. Und gerade das verbindet mich sofort mit Anafi. Endlich da, im großen Unbekannten! Ich steige in den Bus und wir fahren durch den kleinen Hafenort, der mit seinen vielleicht 15 Häuschen, der Taverne und Kapelle, eigentlich nur ein Straßenzug ist, dann im Zickzack hinauf in den Hauptort, die Chora. Nach einigen Minuten sind wir oben. Am Ortseingang steht ein exotisches Kirchlein, dessen Kuppel wirkt wie einer dieser russisch-orthodoxen Zuckerhüte. Als ich einige Meter weiter vom Busfahrer herausgelassen werde, verströmt Anafi aber sofort dieses unverwechselbare, altbekannte Kykladengefühl: Fremd und vertraut, zeitlos, harmonisch, duftend, unsagbar friedlich, bescheiden und still. Ich bin allein. Und glücklich.


Ich schlendere los, hinein in den Ort, und versuche mich vom Handy in Richtung meines Apartments navigieren zu lassen. Straßen und Hausnummern gibt es hier keine. Nur verzweigte Fußwege, Treppen und kleine, weiße Häuser. Menschen sehe ich nicht. So bin ich 10, 15 Minuten unterwegs, laufe hin und her und lande immer wieder in neuen Gassen, ohne meiner Unterkunft dabei einen Schritt näher zu kommen. Ich scheine mich kreisförmig drumherum zu bewegen, finde aber keinen Zugang, der in die passende Richtung führt. Die Maps-App berechnet die Route immer wieder um, weiß aber offenbar auch keinen Rat. Hmm, was ist zu tun? Anrufen hilft leider nicht. Mein Gastgeber Matheus, der in seinem Haus zwei oder drei Ein-Zimmer-Apartments als "Ostria Rooms" vermietet, spricht kein Englisch. Und ob er jetzt so schnell seine Mails lesen, übersetzen und beantworten wird?


Das merkwürdige russische Kirchlein am Ortseingang bei Lichte betrachtet... Chora, Anafi


Ich entdecke den örtlichen "Super Market". Das Klackern und Tackern eines Handgeräts, mit dem man Preisetiketten auf Waren klebt, dringt heraus. Supermarkt ist - natürlich - übertrieben. Es handelt sich eher um das, was man hierzulande einen Tante-Emma-Laden nennen würde. Nicht ganz so urig wie auf Folegandros oder Koufonisi, aber genauso überschaubar. Gerade, als ich hineingehen möchte, um nach dem Weg zu fragen, kommen zwei ältere Herren heraus. Ich versuche mein Glück. Auch sie sprechen nicht wirklich Englisch. Doch als ich "Ostria" und "Matheus" erwähne, gibt mir der eine ein Zeichen, dass er versteht und zückt sein Handy. Er telefoniert. "Matheus coming" sagt er und lächelt mich freundlich an. Ja, hier kennt jeder jeden. Wie könnte es bei 200 Menschen auch anders sein.


Matheus eilt keine zwei Minuten später einen steilen Pfad gleich unterhalb des Ladens herauf. Er winkt mir zu und redet bereits auf mich ein, noch bevor er überhaupt oben ist. Er hat eine freundliche Ausstrahlung und abgesehen davon, dass man bei einem kleinen Apartment für 25 Euro die Nacht ohnehin nichts falsch machen kann, weiß ich sofort, dass ich bei den einzigen beiden Buchungsoptionen, die ich für diese Jahreszeit auf Anafi finden konnte, die richtige gewählt habe. Alles an Anafi ist bereits jetzt perfekt.


Wir laufen 300 Meter treppab, links, rechts, links und ich versuche mir unterwegs den Weg einzuprägen. Da sind wir: Ein nettes, einfaches Haus. Statt mit dem Schlüssel aufzusperren, klopft Matheus an die Tür. Nanu? Die Tür öffnet sich und eine Frau steckt den Kopf heraus. Matheus macht eine vorstellende Geste und redet griechisch mit der Frau. "This is Karsta." wendet er sich mir zu. "And Stefan." So viel Englisch ist drin - und besagter Stefan erscheint nun auch an der Tür.

Ich staune nicht schlecht. Und zwar nicht darüber, dass ich bei den paar Leuten in diesem Dorf im Nirgendwo offenbar auf zwei Auswanderer gestoßen bin, sondern ausgerechnet als allererstes auf Karsta. Denn von genau dieser berichtete mir wenige Wochen vorher der Schriftsteller Andreas Deffner. Wir hatten uns über Instagram und unsere dort zur Schau getragene Liebe zu Griechenland kennengelernt und ein paar Gedanken und Reiseerfahrungen ausgetauscht. Karsta habe ein tolles Buch über Anafi gemacht, schrieb er mir - ich solle sie auf der Insel unbedingt (be)suchen, um es mir zeigen zu lassen. Das ging nun wirklich schneller als vermutet!


Wir unterhalten uns kurz. Karsta und Stefan leben längerfristig auf Anafi. Sie wirken offen und freundlich und sind für die nächsten vier Tage meine Nachbarn. Ich freue mich über Matheus' nette Geste direkt vorgestellt zu werden und gehe nun mit ihm über eine Außentreppe ins darüberliegende Zimmer. Hier wohne ich also. Er zeigt mir mit Händen und Füßen kurz dies und das, wie das warme Wasser einzuschalten ist oder wo ich ihn tagsüber finde. Er erklärt mir den "Room Service" und will offenbar täglich meine Handtücher und Bettlaken wechseln. Ich schlage aus. So viel Mühe. Und das für den Preis... und überhaupt. Ich bin ja nur drei Nächte da! Er lacht und wünscht mir schon mal eine gute Nacht.


Dann bin ich allein. Ich leere meinen Rucksack auf dem Sofa aus und schmeiße mich direkt aufs Bett. Es war ein ereignisreicher Tag. Im regnerischen Grau des Morgens war ich noch auf Santorini, habe dann den Tag über Thirasia erkundet - und nun bin ich hier. Auf Anafi, einer dieser "rufenden" Inseln, wie Ikaria und Amorgos, die schon am Klang ihrer Namen erkennen lassen, dass sie verwunschene und zeitlose Orte sind, die besucht werden wollen.


Der Hunger meldet sich. Es ist 20 Uhr. Vielleicht auch etwas später. Eigentlich gehört es zu den schönsten Erfahrungen, sich nach der Ankunft an einem fremden Ort aufzumachen, jenen Platz zu finden, an dem die Dorfbewohner zusammenkommen, um noch ein Glas zu trinken, eine Partie Tavli oder Karten zu spielen und über den Tag zu reden. Eine kleine Speise findet sich dort meistens auch. Aber diesmal bin ich so erschöpft vom Tag, dass ich es vorziehe, mir selbst eine Kleinigkeit zu kochen und dann direkt und ohne Umschweife schlafen zu gehen. Mein Apartment ist mit einer Küchenzeile ausgestattet. Fehlen nur noch die Zutaten.


Den Weg hinauf zum kleinen Laden, vor dem man mir vorhin so behilflich war, habe ich mir gemerkt. Ich trete auf meine Veranda und dann hinaus ins Dunkel auf den Weg. Durch die Tür unten ist ein alter Rebetiko zu hören. Haben Karsta und Stefan eine Platte aufgelegt... oder spielen sie selbst? Es scheint fast so, aber ich kann es am gedämpften Klang durch die geschlossene Tür nicht genau erkennen.


Als ich oben ankomme, hat der Laden noch geöffnet. Glück gehabt. Fix schaue ich mich um. Ein wenig Obst, Gemüse, Nüsse und Schokolade sind zu finden... Nudeln... ein paar Konserven. Ich entscheide mich für Spaghetti, kaufe dazu Dosentomaten, eine Aubergine, Paprika, Knoblauch, Zwiebeln. Was noch? Achja, Salz. Und natürlich kühles Bier. Und Öl zum Anbraten des Gemüses. Die alte Dame hinterm Verkaufstresen nimmt etwas grummelig meine Waren entgegen und kassiert. Der Laden wird hinter mir abgeschlossen.


Fette Beute. Zurück vom abendlichen Einkauf in der Chora. Ostria Rooms, Anafi


Zurück in meinem Zimmer, höre ich ein penetrantes Rauschen, das aus dem Zimmer neben mir zu kommen scheint. Wie eine Toilettenspülung, die ununterbrochen läuft. Oder eine sehr laute Klimaanlage. Ein Heizgerät vielleicht? Immerhin ist Mitte November. Das Geräusch war mir eben schon aufgefallen, bevor ich losging, um mein Abendessen einzukaufen. Hoffentlich geht das nicht die ganze Nacht so. Ich denke mir nichts weiter, setze meine Kopfhörer auf und fange an, das Gemüse zu schneiden. Hmmm, das wird lecker. Und Markos Vamvakaris ächzt mir ein altes Lied ins Ohr. Ich drehe den Herd auf und gieße Öl in die Pfanne... Ein dunkelbrauner Spritzer platscht hinein. Ich starre verwundert auf die Flüssigkeit und nehme die Flasche wieder zur Hand. Balsamico... oh noo! Ich sehe bereits vor meinem inneren Auge, wie das köstliche Pastagericht unvollendet auf dem Schneidebrett liegen bleibt. Ohne Öl kann ich mit Zwiebeln, Knoblauch und Aubergine nicht viel anfangen. Und Spaghetti mit rohen Paprika klingt trotz meines großen Hungers nicht eben verlockend.


Der Zufall kommt mir zuhilfe. Ich höre vor meiner Tür auf der Veranda einen mittleren Aufruhr und trete hinaus. Karsta, Stefan und Matheus stehen draußen und reden miteinander. "Hey", grüße ich. "Alles gut?" "Ja, der Nachbar hat nur das Wasser endlos laufen lassen. Der ist mal wieder vorm Duschen eingeschlafen." Im dritten und letzten Zimmer der Zimmer, die Matheus und seine Frau vermieten, scheint also noch jemand zu wohnen. Es sind zwei Arbeiter vom Festland, wie ich später erfahre, die am Hafen von Anafi zu tun haben. "Wir dachten schon, das käme von dir. Weißt du, gerade angekommen und dann erst mal eine Stunde duschen", lacht Stefan. "Wasser ist hier super-rar." Wir plaudern ein paar Minütchen. Karsta und Stefan erweisen sich weiter als freundliche und interessierte Nachbarn. Wir verabreden uns auf einen morgendlichen Kaffee und tauschen unsere Nummern aus, um uns Nachrichten schreiben zu können.


Zurück am Herd fällt mir mein rohes Gemüse wieder ein. Das mit den Handynummern war eine gute Idee. Nach 5 Minuten bin ich mit einem Fläschchen Öl versorgt, das Karsta mir heraufbringt. Ich tausche es ein gegen meine nutzlose Flasche Balsamico und mache mir nun endlich meine Pasta fertig. Hmm, das schmeckt! Mein Geschirr landet im Spülbecken und ich im Bett. Was für ein schönes Willkommen. Anafi, ich mag dich.



Nur ein fauler Nachmittag


Am nächsten Morgen: Parchia und Makra liegen blass im Meer am Horizont. Links hinten die Spitze des Kalamos-Monolithen, unten der Hafen. Chora, Anafi


Den nächsten Tag nutze ich vor allem, um mich von den Reisestrapazen zu erholen. Es hat ja auch lang genug gedauert, bis ich hier war. Natürlich habe ich gestern im Dunkeln nicht viel sehen können vom Dorf. Das will ich heute ganz in Ruhe nachholen. Zuerst einmal aber schlafe ich bis mittags aus, wasche meine Wäsche und setze mich anschließend ins diesige Licht der Herbstsonne. Aus dem Zimmer unter mir tönen wieder Klänge von Tsouras und Gesang. Sonst ist kaum etwas zu hören. Wie schön! Auch der Ausblick von hier oben ist fantastisch. Am blinkenden Meer liegt unten der Hafen und am Horizont erscheint die Aussicht endlos. Nur kleine Eilande wie Parchia und Ftena sind zu sehen. Die Inselstraße windet sich zwischen dem trockenen Braungrün der Hügel in Schleifen und Halbkreisen hinauf.


Es wird Nachmittag. Ich treffe auf Karsta und Stefan, die unten vor ihrem Zimmer ein kleines Gemüsebeet angelegt haben und gerade die Kräuter gegossen haben. Ich beneide die beiden, wie sie hier unter der blassen Sonne im schlichten Rhythmus der Insel leben, zusammen musizieren, kochen und im Dorf helfen. Wir trinken Kaffee und lernen uns kennen, erzählen von dem, was uns antreibt und interessiert, von dem was wir falsch und richtig zu machen glauben und was wir auf welchen Inseln erlebt haben. Die Liebe zu Land und Leuten verbindet uns. Wie so oft wünschte ich, zu einer Zeit die Ägäis bereist zu haben, als es auf einigen Inseln weder Strom noch Straßen gab und mancherorts die Postschiffe und Fähren nicht einmal genug Platz zum Anlegen hatten, so dass man "ausgebootet" werden musste, um an Land zu kommen. Das ist noch gar nicht so lang her und die beiden haben tolle Geschichten davon zu erzählen.


Ein einsamer, kykladischer Traum: Tonnendächer, wilde Sträucher, schlichte Formen und viel Geschichte. Chora, Anafi


Wir verabreden uns für später und ich breche auf zu meinem Dorfspaziergang. Ich gehe den Treppenpfad zur Weggabelung am Laden hinauf. Das Ostria liegt einige Meter unterhalb des Ortrands am Hang. Die Chora ist genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Einfache Häuser, viele von ihnen leer, zwischen denen sich kleine Fußwege schlängeln, Katzen faulenzen und die letzten Blumen blühen, bevor der kurze Winter kommt. Alles ist von einer zeitlosen, stillen Magie durchdrungen.


Oben am Haus hängt ein rostiges Wappen. Was für ein Amt mag hier einmal untergebracht gewesen sein? Chora, Anafi


Um den Dorfplatz der Chora von Anafi liegen Kirchen und eine alte Mühle. Ansonsten ist heute nicht viel zu sehen.


Im Gegensatz zu vielen anderen kykladischen Dörfern, hat die Chora auf Anafi keine wirklich zentrale Plateia, um die sich die Tavernen sammeln. Nur am Rande befindet sich ein größerer Platz, dessen historische Gewichtigkeit durch ein Kriegsdenkmal, eine Mühle, Kapellen und einige repräsentativere Gebäude unterstrichen wird. Wichtiger fürs Dorfleben scheinen aber die ein, zwei Gassen zu sein, die sich in einiger Entfernung durch den Ortskern ziehen und an denen die wenigen Geschäfte und Cafés liegen.


Einfach. Schön. Chora, Anafi

Ich passiere wieder den "Market", um mir ein Wasser zu kaufen. Er ist verschlossen. Mir ist nicht ganz klar, nach welchem System die Öffnungszeiten funktionieren, aber vermutlich gibt es eine Schicht zu Tagesbeginn und dann später noch mal die Gelegenheit, sich das Nötige zur Zubereitung eines Abendessens zu kaufen.


Natürlich stehen vor dem örtlichen Laden Bank und Stühle. Wer nicht zwischendurch mal anhält, hätte das Dorf sonst in 3 Minuten durchquert. Chora, Anafi


Wasser bekomme ich aber sicher auch in einer Taverne. Und überhaupt wäre ein kleines Mittagessen nach dem Kaffee vorhin bei Karsta und Stefan gar keine schlechte Idee. Nach einigen Minuten bin ich am anderem Ortsende, dort, wo mich gestern der Busfahrer rausgelassen hatte. Hier liegen einige Cafés und Tavernen beieinander. Sie scheinen allesamt geschlossen zu haben. Durch eine offene Haustür sehe ich dann aber einige Leute beim Essen. "Liotrivi" steht über der Tür. Es handelt sich augenscheinlich um ein Restaurant. Ich trete heran und mache mich bemerkbar. Um eine große Tafel mit allerlei Speisen sitzt eine Familie. Ich entdecke überrascht bekannte Gesichter: Die zwei Jüngeren waren unter den Wenigen, die gestern mit mir von der Fähre gegangen sind.


Nein, die Taverne hätte geschlossen, die Saison sei vorüber, höre ich die Ältere sagen, offenbar die Mutter. Aber natürlich würde man mir etwas zubereiten. Sie kommt hinaus und schließt mir eine winterfeste Veranda gegenüber des Weges auf, von der man einen Blick hinunter aufs Meer hat. Da ist es wieder, das einfache Glück. Meine Wünsche sind bescheiden: Ein Choriatiki und etwas Brot. Und vielleicht noch ein Kaffee? Sie überlegt. Tomaten und Gurke seien aus, aber sie würde mir etwas improvisieren.


Kurze Zeit später erscheint die Jüngere mit dem Kaffee: "You were on the boat last night, right?" Ja, freue ich mich, dass sie sich erinnert, und wir kommen ins Gespräch. "We just returned from Santorini, from the hospital. Our Grandmother is there. Why are you here?" Ich erzähle ihr, was ich hier zu suchen habe, was mich anzieht an Orten wie Anafi. Sie erzählt mir, warum es gerade die anderen Orte sind, zu denen sie fährt. "I've been to Rome, Paris, London... these places. To Berlin, too. Yes, it's really beautiful for me and I need to be there sometimes. But if you've been to one of those cities, it's enuogh for a while."


Wie ist das wohl, auf Anafi aufzuwachsen und dann in eine Stadt wie Berlin zu kommen..? "I always have to return here" sagt sie. "It's not always easy. But some people have to. It depends on the heart." Sie lächelt und klopft sich an die Brust. Und ich glaube, sie zu verstehen.


Auf dem Weg durchs Dorf trifft man auf die schönsten Formen und Farben, sprich: eckig, blau und weiß. Chora, Anafi


So vergeht der Tag in schlichter Muße. Spazieren, Fotografieren und in die Ferne aufs Meer schauen. Anafi ist gut für die Seele. Am Abend dann treffe ich wieder Karsta und Stefan. Wir wollen eine Kleinigkeit essen gehen und finden uns in der Psistaria "To Petrino" ein. Die beiden erzählen mir vieles über die Insel und ihre Bewohner. Über den knorrigen Alten, den pensionierten Dorfpolizisten, der ein paar Tische weitersitzt und zufrieden in den Raum starrt, über den Papas, der nur ein Haus von uns entfernt lebt und bei jeder Feier im Ort am längsten tanzt. Aber auch über sich selbst, wie es sie auf die Insel verschlagen hat und was sie hinter sich ließen. Es ist die Musik, die die Leute verbindet und die so vieles zu ändern vermag. Es ist die Musik, die als treibende Kraft so viel Positives in die Welt bringen kann. Karsta lernt im Dorf Tsouras spielen. Das ist die Musik, die ich gestern und heute Morgen aus ihrem Zimmer gehört habe.

Es sind einige Zeilen aus ihrem Buch, das sie mir später schenkt, die mich sehr beeinruckt haben:

"Es begann auf Anafi, im Laden von Takis. Er sagte, ein Instrument zu lernen braucht sehr viel Zeit und Geduld. An diesem Abend verließ ich den Laden mit einer Tsouras auf dem Rücken. Und einem Blatt Papier mit den ersten Noten. Einem Rembetiko. Es war am 17. September. Ich weiß es noch genau, weil es Agapias Namenstag war und weil an diesem Tag ihre geliebte Tante starb. Seitdem ist nicht ein Tag vergangen, ohne dass ich auf der Tsouras gespielt habe. Nicht ein Tag. Es ist, als hole ich mir die griechische Seele in mein Haus. Es ist, als spiele ich meine Sehnsucht. Es ist wie eine neue Sprache. Es ist, als passiert etwas in meinem Leben ohne dass ich weiß, wo es hinführt."

Wenige Wochen, nachdem ich diese Zeilen gelesen hatte, war ich in Berlin mit der Bouzouki, die ich mir nach meiner Anafi-Reise zu Weihnachten gewünscht hatte, auf dem Weg zu meiner ersten Unterrichtsstunde...


Beim Abendessen mit Karsten und Stefan höre ich dann auch zum ersten Mal von Christian, einem alten Auswanderer, der mit zauseligem Bart, Gehstock und bunten Ketten behangen gelegentlich im Ort unterwegs sein soll und ganz sicher ebenfalls viel über Anafi und das Leben zu erzählen hätte. Ich bin schon bei den ersten Worten über ihn wie elektrisiert und beschließe, ebendiesen Christian, den ich mir direkt vorstelle wie einen hinduistischen Sadhu, auf jeden Fall noch kennenzulernen, bevor ich die Insel wieder verlasse.


Als wir nach dem Essen aufbrechen, möchte Karsta Manolis besuchen, den alten Sambunaspieler, der draußen seinen Esel stehen hat. Er hat Schmerzen am Handgelenk und bekommt Massagen von ihr gegen die Beschwerden. Ich bin aufgeregt und dankbar und kann kaum glauben, dass ich gleich in einem der alten Häuser sitzen könnte. Wir tapsen im Dunkeln einige Schleichwege am Ortsrand entlang und stehen bald vor seinem kleinen Haus. Im Garten steht ein gemauerter Ofen zum Brotbacken. Alles ist dunkel, Manolis scheint fort. Das ist ungewöhnlich für diese Zeit. Ob er bei seiner Schwester ist? Karsta beschließt, es morgen früh wieder zu probieren. Wir gehen heim.



Die Einsamkeit der Safranstrände


Der nächste Tag ist schon der vorletzte, den ich auf Anafi verbringe. Und für heute habe ich ein festes Vorhaben: Ich möchte die 12 km bis an die Spitze des Kalamos wandern, zum großen Monolithen also, der wie ein rätselhaftes Heiligtum, ein Kraftort, am Ende der Insel liegt. Mit seinen 460 Metern Höhe ist er von fast überall auf Anafi aus zu sehen.


Ganz hinten im Bild blitzt winzig die Spitze des Kalamos über den Hügeln. Vom "Monastery", dem Kloster unterhalb des Berges, sind es dann noch mal etwa 3 km hinauf. Anafi, zwischen Chora und Hafen


Ich beginne den Tag langsam, esse ein Marmeladentoast bei meinen liebgewonnenen Nachbarn, die mich außerdem mit Kaffee versorgen und dann mit guten Wünschen auf den Weg zum Kalamos schicken. Die Chora verlasse ich erst am frühen Nachmittag. Die Länge der Strecke über Sandstrände und hügelige Buchten schreckt mich nicht ab. Es sind eher der schwer einzuschätzende, steile Weg hinauf zum Gipfel und die früh untergehende Sonne, über die ich mir den ein oder anderen Gedanken mache. Doch am Fuße des Kalamos liegt ein von drei Nonnen bewohntes Kloster, das durch eine asphaltierte Straße mit dem Dorf verbunden ist. Und wenn ich dieses vor Sonnenuntergang auf dem Weg zurück hinunter wieder erreicht haben würde, dann bräuchte ich dem Weg nur noch die gut 10 km zum Dorf zurückfolgen. Und das geht im Zweifel auch im Dunkeln.


Bald liegt das Dorf hinter mir. Überschaubar! Chora, Anafi


Im Dorfladen bedient mich wieder die grummelige alte Dame. Immerhin ist sie so aufmerksam, mich vor einem fatalen Fehler zu bewahren: Als ich mit einer etikettlosen 1.5-Liter-Wasserflasche aus dem Kühlschrank, die mir als Wegproviant dienen soll, an die Kasse trete, schüttelt sie energisch den Kopf und wiederholt: "Raki, Raki." Wie das wohl geworden wäre nach ein paar Kilometern und dem ersten tiefen Schluck...


Am Abzweig unterhalb des Dorfes ist das Nonnenkloster bereits ausgeschildert. Aus der Ferne höre ich die Ägäis rauschen. Die Stelle, an der sich die Straße teilt - in der anderen Richtung geht es hinunter zum Hafen - dient zugleich als Autofriedhof. Ein paar Hunde stehen in einem Zwinger eingesperrt neben den rostigen Karren und glotzen mich an. Wem die armen Kreaturen wohl gehören?


Ausgedient. Anafi


Fünfzig Meter weiter geht ein schmaler Trampelpfad von der Straße ab. Kein Schild verrät, wohin er führt, aber da ich im Grunde nur an der langen Küstenlinie entlang wandern muss, um am Ende des Eilands beim Kalamos anzulangen, folge ich ihm hinunter in Richtung Meer. Die richtige Entscheidung, wie ich bald feststelle, denn dieser alte Weg, der wohl lange Zeit vor der oberhalb gelegenen Straße dagewesen ist, führt mich von Bucht zu Bucht bis heran an das Kloster am Fuße des Berges.


Unterhalb der Staße beginnt das Reich der Kakteen! Anafi


Aber auch der wilde Safran ist zu dieser Zeit allgegenwärtig. Anafi


Ich laufe. Eine Stunde vergeht. Ich komme durch Kaktushaine und hohes Schilfrohr, wandere über Strände und: Safranfelder. Ich frage mich, wie schon damals auf Pano Koufonisi, warum hier keiner diese kostbaren Schätze erntet. War es denn nicht so, dass der Kilopreis bei etwa 1000 Euro liegt?! Im Überfluss und unbeachtet steht hier Blüte an Blüte und grell-orangene Fäden lächeln mich an. Aber, ja, wie lang muss man das Gewürzgold wohl sammeln, um auf ein paar Gramm zu kommen...?


Im Sonnenlicht: Die Inselchen Ftena und Makra sowie das größere Eiland Pachia. Anafi


Anafi ist auch zu dieser trockenen, kargen Zeit auf eigene Weise wunderschön. Das Meer glänzt und ist von überall aus zu sehen. Die wenigen kleinen vorgelagerten Inseln scheinen über dem Wasser zu schweben. Sie haben erratische Namen: Ftena. Makra. Pachia. Kleine Echsen rascheln am Wegesrand. Sie hatten in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr mit einem Wanderer gerechnet. Die Sonne wärmt durch den frischen Wind hindurch noch so sehr, dass ich bald nicht nur meinen Pulli, sondern auch mein T-Shirt ausziehe. Ich muss wohl kaum damit rechnen, in den nächsten Stunden jemandem zu begegnen...


Auch in der kleinen Siedlung oberhalb des Roukounas-Strandes ist außer ein paar Hühnern und Bienenstöcken niemand zu sehen. Aus Sorge, jemanden zu erschrecken, der vielleicht arglos an einem der vier, fünf Häuser arbeiten könnte, eile ich direkt weiter.


Ein paar letzte Häuser stehen zwischen den Stränden Katsoúni und Roukounas beisammen. Anafi


Über die Insel verstreut finden sich immer wieder auch Bienenstöcke. Anafi


In Sichtweise der kleinen Siedlung steht ein kleiner Wohnwagen etwas abseits meines Weges. Sagte nicht Stefan gestern Abend, dass Christian in einem Wohnwagen leben würde? Das muss er sein! Die Stelle werde ich mir für später merken.


Bucht vorm Roukoúnas Strand, Anafi


Weiter geht's, die Küstenline entlang, an der sich ein wunderschöner Sandstrand an den nächsten reiht. Kleisidi, Katsouni, Flamourou, Roukoúna, Potamos und so weiter und so weiter... Ein kleines Wunder, dass Anafi nicht völlig überlaufen ist. Vielleicht liegt es an seiner abgeschiedenen Lage, so weit von Athen als letzte der Kykladen-Inseln in der offenen Ägäis. Aber so genau lässt sich das im November natürlich auch gar nicht beurteilen und später höre ich noch dies und jenes, was darauf schließen lässt, dass es hier zur Hochsaison doch etwas voller wird. Da sind die Abende in Agapias voller Taverne, von denen Karsta und Stefan erzählen, an denen sie für die Besucher spielen. Oder die neuen Gebäude am Rande der Chora, die Platz für weitere Gäste schaffen sollen. Und da ist nicht zuletzt die kleine Anekdote über Christian, den rätselhaften Guru, der sich von einem Fischerboot auch schon mal für eine Weile auf das unbewohnte Nachbarinselchen Ftena hat übersetzen lassen, um dem Sommertrubel zu entgehen - und dort einmal glatt für ein paar Tage vergessen wurde. Aber hier greife ich der Geschichte vor. Und jetzt, so viel ist jedenfalls sicher, habe ich alle Stände ganz für mich allein.


Nicht nur der Safran blüht auf Anafi im November...


Roukoúnas Strand, Anafi


Der Kalamos kommt nun merklich näher. Er sieht schon beeindruckend aus mit seiner sanften Steigung und den zerklüftet ins Meer fallenden Klippen. Alle möglichen Legenden ranken sich um diesen Berg, der die Bewohner Anafis wie ein alter Schutzgott durch das Jahr begleitet, immer in Sichtweite und über allem schwebend. Kommt man in seine Nähe, soll man in einen ehrfüchtigen Bann geraten, der einen immer näher heran und bis auf den Gipfel zieht. Kein Wunder, dass man nicht nur an seinem Fuß, sondern auch auf seiner Spitze ein Kloster gebaut hat. Eine geheimnisvolle Höhle, Drakontospila, die "Höhle des Drachen", soll sich unergründlich tief durch sein Inneres ziehen.


Der Kalamos - pittoresk und magisch! Anafi


Unberührte Strände? Bis eben vielleicht!


Ich laufe und laufe und laufe durch die monotone, malerische Szenerie. Längst bin ich in einem meditativen Trott angekommen. Die Sonne brennt durch die Frische, immer wieder gibt es kleine Strandabschnitte und dazwischen Felsnasen, die bewachsen sind von Blumen, Sträuchern, Tamarisken und Olivenbäumen. Grillen springen fliehend davon, meine Gedanken haben freien Lauf.


Hinter dem nächsten Felsen stoße ich auf eine Hütte in den gedrungenen Bäumen, die den Strand säumen und ich glaube schon, ihn unerwartet gefunden zu haben: Das sieht zwar nicht annähernd nach einem Campingwagen aus, aber vielleicht hat Christian das milde November-Wetter zum Anlass genommen, sich noch ein paar Tage am Meer niederzulassen, hier, weit weg vom Dorf? Wer sonst hätte den kleinen Verschlag hier hinzimmern sollen? Ich pirsche mich an, räuspere mich und hüstele auffällig unauffällig, um mich bemerkbar zu machen. Aber im Innern befindet sich nichts. Ein paar Bambusstöcke und trockenes Blattwerk hängen träge im Sonnenlicht. Mir steigt scheinbar bereits die Hitze zu Kopf.


Wer mag hier wohl wohnen? Eher niemand.


Es geht nun auf den späteren Nachmittag zu. Ich gehe etwas schneller. Der Schweiß tropft mir von der Stirn und läuft an mir herunter. Es ist Ende November. Und heiß. Die Größe des Kalamos lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wie nah oder fern er tatsächlich liegt. So geht es weiter an Sand, Fels und Meer, immer die südliche Küste entlang zum Zauberberg. Wann genau geht noch mal die Sonne unter...?


Endlos... Sand und Meer...


...und Sand und Meer...


Bald stoße ich auf eine alte Kirche, an der ich eine letzte Rast einlege. Offenbar wurde sie an einer Stelle gebaut, an der sich einst ein noch viel älteres Gebäude befunden hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass Marmorteile von alten Säulen in ihr verbaut sind und in unmittelbarer Nähe merkwürdig behauene Quader aufgerichtet sind? Ich fühle mich direkt an das fränkische Kastell auf Paros erinnert. Nicht weit von hier steht auch die Kapelle Panagia Dokarioú, vor der sich ein alter zerbrochener Steinsarg mit antikem Relief befindet. Was in Deutschland im Museum stünde, liegt hier einfach in der kargen Landschaft.


Ein Kirchlein, gebaut auf Trümmern von Säulen und Steinquadern


Und was genau ist das...?


Im Innern der Trümmerkapelle


Weiter, immer weiter - etwas abseits des Pfades von der Chora zum Kloster


Etwas weiter sehe ich eine zerfallende Windmühle. Dass sie hier an dieser Stelle unterhalb des Hügelkamms steht, recht klein ist und zudem noch ihre Flügel hat, macht mich etwas stutzig. In der Nähe steht ein protziges Haus. Ob sich hier jemand mal sein privates Kykladen-Paradies gebaut hat oder eine intim gelegene Ferienunterkunft für zivilisationsmüde Paare? In jedem Fall wirkt alles verlassen und der baufällige Status der Mühle weist darauf hin, dass sich hier länger niemand aufgehalten hat. Weiter geht's.


Ich kann die einzelnen Strände nicht mehr ihren Namen zuordnen... beim Niederschreiben kommt mir ihre Zahl endlos vor.


Christian ist auch hier nicht zu finden. Vermutlich hat sich hier ein Fischer eingerichtet.



Apollons unsichtbare Schwestern


Noch einmal passiere ich Strände, schattenspendende Tamarisken und ein weiteres mysteriöses Lager, dann stehe ich vor der letzten Biegung und einer recht steilen Klippe, auf der sich die Ágioi Anárgyroi Kapelle befindet. Malerisch thront sie hier, direkt vor dem Kalamos, dessen Dellen und Klüfte sich nun scharf abzeichnen. Zum ersten Mal bekomme ich eine Ahnung davon, wie hoch der Berg wirklich ist. An seiner Spitze habe ich etwas Weißes aufblitzen sehen, was nur das leerstehende "obere" Kloster Moni Kalamiotissa sein kann. Noch ist es hell. Ich werde es schaffen.


Schön sieht er aus, der Kalamos, nicht?


Ein letzter Blick zurück auf meine Strand-und-Meer-Route


Der Pfad führt nun wieder hinauf zur Asphaltstraße, welche die Chora mit dem "unteren", dem von den drei Nonnen bewohnten Moni Zoodochos Pigi ("Kloster zur lebensspendenden Quelle") am Kalamos verbindet.


An der Straße angekommen, begrüßt mich aber zunächst einmal ein grelles Schild mit dem Hinweis auf Bienen, die hier herumfliegen sollen und offenbar nicht ganz ungefährlich sind. Müsste man sonst vor ihnen warnen?


Ungemütliche Kloster-Haustiere!


Hinter der nächten Kurve sehe ich die Bienenkästen am Rande des Hügels stehen. Den Tierchen begegne ich zum Glück nicht. Dafür zeichnet sich nun das untere Kloster ab, von wo aus der Fußpfad hoch zur Spitze des Kalamos beginnt. Das Nonnenkloster liegt oberhalb eines Weingartens und sieht schon aus einigen Hundert Metern Entfernung bezaubernd aus. Ich beschließe kurzerhand, den Weg abzukürzen und stapfe querfeld ein durch die Weinhänge. Wohl oder übel ziehe ich mir mein durchgeschwitztes T-Shirt wieder an. Nach all den Stunden ist es jetzt wohl durchaus möglich, wieder jemanden zu treffen. Und ausgerechnet einer griechischen Nonne möchte ich nicht halbnackt vor die Füße stolpern.


Zwischenetappe! Das Nonnenkloster Moni Zoodochos Pigi oben am Hügel


Oben angekommen, staune ich nicht schlecht. Das Kloster ist ein Idyll. Ein wunderschöner, felsiger Garten wie aus einem altertümlichen Bilderbuch liegt vor dem Eingangsportal des festungsartigen Gebäudes. Zypressen recken sich gen Himmel, so dass man beinahe den Eindruck bekommt, das Gebäude stünde in der Toskana. Dawischen ein Blütenmeer und - Gartengeräte. Die lassen nicht nur auf die Mühe bei der Gartenplege schließen, sondern auch darauf, dass hier tatsächlich jemand lebt.


Ein kleines Idyll am Fuße des Kalamos, das Moni Zoodochos Pigi Kloster


Ich versuche es mal wieder mit Räuspern und Husten, bevor ich am Gebäude ankomme, denn ich nehme an, auch hier rechnet heute niemand mehr mit Besuch. Aber nichts rührt sich. Ich nähere mich langsam dem Eingang. Von drinnen ist ein leichtes Rauschen zu hören, wie laufendes Wasser. Ich rufe ein zaghaftes "Hello?" - und warte weiter vergeblich auf eine Reaktion.

Nungut. Wer weiß, wie weltlich es hier zugeht, und ob die Bewohnerinnen mich nicht vielleicht auch absichtlich ignorieren. Und um noch auf den Gipfel zu kommen, ist eh Eile geboten. Also umkreise ich das imposante Gebäude nur kurz, mache ein paar Bilder und verschrecke eine Katze, die schlummernd im Schatten döst.


Ein beeindruckendes Bauwerk in seiner schlichten Wucht.

Das "untere Kloster" wurde vor etwa 200 Jahren auf den Überresten eines alten Apollo-Tempels erreichtet. Teile des zerfallenen Tempels wurden zum Bau verwendet. Auch Zeus und Aphrodite wurde an dieser Stelle gehuldigt, wie alte Inschriften belegen. Der Legende nach gerieten die Argonauten in Seenot und Apollo selbst hob Anafi aus dem Meer, um ihnen einen sicheren Hafen zu geben. Dies sind die Ursprünge des Tempels, mit dem man ihn hier ehrte. Heute werden im von drei Nonnen bewohnten Gebäude die Ikonen des "oberen Klosters" verwahrt, die teilweise noch aus dem 12. Jahrhundert stammen sollen.

Besucherinnen und Besucher haben sich hier zu allen - auch den nicht so guten - Zeiten verewigt.


Drachentöter. Anafi, unteres Kloster


Dass mir in einer eingelassenen Nische am Rande des Gebäudes noch der Heilige Georg begegnet, kann nur ein gutes Zeichen für den Aufstieg sein. Ein Holzschild weist den Weg hinters Kloster, wo sich der Pfad hinauf zum Gipfel befinden soll.


Apollons letzte Spuren im Klostergarten


Jetzt liegt er also direkt vor mir. Von hier unten betrachtet scheint die Spitze des Kalamos auf einmal wieder ganz weit weg. Doch ich stehe noch immer unter dem Eindruck der Wander-Euphorie, die einen vor allem hier draußen auf den Inseln der Ägäis zu packen scheint. Und die sanften Linien, die der Monolith dort oben malt, ziehen mich auf merkwürdige Weise an. Natürlich muss ich weiter, muss ich hinauf. Und daran ändert weder mein zur Neige gehender Wasservorrat etwas noch der fortgeschrittene Nachmittag.


Hier beginnt der Aufstieg. Kalamos



Der heilige Berg


Zunächst geht es die Ebene hinterm Kloster hinab. Von hier hat man einen Ausblick auf die andere Seite der Ägäis, wo Astipalea und Amorgos im Meer liegen. Ein wirklicher Weg will sich noch nicht abzeichnen, aber die flachen Felsen und wenigen Büsche machen einem das Gehen leicht und so findet sich bald hinter der ersten Brache auch der Pfad hinauf.


Eine letzte Weggabelung am Kalamos - Drachenhöhle oder Kloster?


Nun gilt es aber erst noch eine Entscheidung zu treffen. Denn plötzlich stehe ich vor einem Abzweig. Während der Wegweiser den Pfad weiter geradeaus als den zur Spitze des Kalamos ausweist, geht es links hinunter zur Drakontospilo. Spilo, spilo... das Wort kommt mir bekannt vor. Und ich erinnere mich: Spilio - so war die Höhle des Heiligen Johannes benannt, zu der ich mich auf eine ganz ähnliche einsame Wanderung auf dem noch spärlicher besiedelten Iraklia aufgemacht hatte, nur um nach Stunden einen einzigen Menschen zu treffen... ausgerechnet im Dunkel der Höhle.


Von einer "Drachenhöhle" auf Anafi hatte ich bis hierhin allerdings noch nichts gehört. Ob sich der Abstecher lohnt? Da weder das Schild noch Google Maps weiß, wie weit die Höhle vom Abzweig entfernt liegt, entscheide ich mich gegen den Umweg. Sehr schade. Die Johannes-Höhle war nicht weniger beeindruckend als die gewaltige Tropfsteinhöhle auf Antiparos, in der sich sogar Alexander der Große mit seinem Namen verewigt haben soll. Vielleicht verpasse ich was... Ich verschiebe den Höhlenbesuch dennoch auf meine nächste Anafi-Reise, die ich hoffentlich irgendwann in diesem Leben noch antreten werde.


Das ist nicht die "Drachenhöhle" - Kalamos, Anafi


Schnellen Schrittes geht es weiter, vorbei an Unterständen, die hier einmal für Ziegen gebaut zu worden sein scheinen. Ansonsten ist nicht mehr viel zu sehen, was auf Zivilsation hinweist. Das Kloster liegt schon ein gutes Stück hinter mir im warmen Licht, malerisch und einsam.


Der Pfad hinauf zum Gipfel ist nicht immer gut zu erkennen, der Ausblick aber stets eindeutig: schön!


Auch der Safran lässt sich hier oben wieder blicken. Es ist irgendwie albern, aber beinahe fühlt es sich an, als liefe man über einen Platz, auf dem ein Schatz verstreut liegt. Überall kleine Münzen. So viele, dass man unmöglich alle aufheben könnte. Wie kleine glitzernde Sterne zieren die Blüten mit ihren leuchtenden Fäden den Weg, der im nachmittäglichen Schatten liegt, hier, auf der der Sonne abgewandten Seite des massiven Felsens.


Auf Anafi kann man in Sternen wandern


Ich gehe. Und gehe. Ich denke an nichts. Weiter oben nimmt der ohnehin schon spärliche Bewuchs am grauen Gestein weiter ab. Der Gipfel des Kalamos ist keine 500 Meter hoch, aber mit seinen Hängen und der unendlichen Ruhe, hat die Atmosphäre bald etwas Alpines. Nur meine Schritte und der zaghafte Wind erzeugen Laute in meinen Ohren. Ansonsten herrscht tiefe Stille. Selbst den Vögeln scheint es hier, am unwirtlichen letzten Ende des isoliert im Meer liegenden Anafi, zu einsam zu sein. Ich gehe weiter.


Alpine Aussichten. Kalamos


Erst als ich mich endlich dem Gipfel nähere, merke ich, welcher Kraftakt hinter mir liegt. Der weite Weg vom Dorf zum Fuße des Berges über kleine Hügelchen hinauf und hinab, das Laufen im weichen Sand, die Umwege, das Klettern auf den einen oderen Felsen für die Aussicht oder ein Foto haben mir eigentlich schon vor dem Aufstieg vom unteren zum oberen Kloster die Kraft genommen. Aber erst jetzt, nachdem ich fast eine weitere Stunde in zügigem Gehen den Felsenpfad hinaufgelaufen bin, merke ich, dass ich über meine physischen Grenzen hinaus beinahe hochgezogen werde. Es ist, als dringe durch einen rauschhaften Nebel nun plötzlich erst die Stimme meines Körpers, um mich zu fragen, ob ich eigentlich noch wisse, was ich da tue. Ich schwitze und bin durstig und frage mich, wie viele Kurven es noch braucht, um wirklich die Spitze des Kalamos zu sehen.


Es braucht noch eine Windung und noch eine Kurve und noch mal die Aussicht auf eine bis dahin verborgene Felswand, bis ich endlich den vertrauten weißen Kalk aufblitzen sehe, der das schlichte Glück der Kykladen symbolisiert. Das Dach des oberen Klosters grüßt mich hinter einer letzten Reihe von grauen Felsen.


Und endlich bin ich da.


Am Ziel: Das "obere Kloster" am Gipfel des Kalamos


Es ist kaum zu beschreiben, wie es sich anfühlt, hier oben am Ende des Pfades angekommen zu sein. Ich trete aus dem Schatten auf den langgezogenen Gipfelpass. Die Sonne schüttet mir einen Schwall vorabendlicher Wärme ins Gesicht. Sie taucht die ganze Insel, die sich nun unter mir erstreckt in ein friedliches, goldenes Licht. Und hier, auf dieser Seite, wo das Meer wieder zu allen Seiten um mich ist, klingen leise aber ganz deutlich die Wellen zu mir herauf. Kein friedlicherer Ort kommt mir in diesem Augenblick in den Sinn, an dem ich jemals gewesen sein könnte.


Have a break. Oberes Kloster, Kalamos


Meine Sorgen um Erschöpfung und Durst sind verflogen. Ich springe euphorisch von einem Felsen zum nächsten, von den Tonnendächern der Klosterzellen auf den Hügelkamm und schaue mir jeden Winkel des Klosters an und immer wieder die unendlich scheinende Ägäis mit ihren kleinen schattigen Fleckchen, den in der Ferne im strahlenden Wasser liegen Eilanden, auf denen seit Jahrtausenden die Hirten und Bauern unter der brennenden Sonne von der kargen Erde leben, fernab von Zentren industrieller Revolutionen, von grauen Wohnblocks und gemähten Vorgartenrasen. Hier oben ist das Nichts - und zugleich scheinbar das Zentrum von allem. Die eigene innere Mitte, gebaut auf einen magischen Monolithen. Ein schlichtes Gotteshaus, schmucklos und doch str